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Blicke auf den Rand

Dort oben, beinah hinter Polen, liegt eine europäische Gegend, die uns nicht gerade nahe steht. Ja, wenn’s um Czernowicz geht… aber dieses Ostpreussen, eine Gegend, die wir in erster Linie mit einem Haufen Vertriebener in Verbindung bringen, die zuerst heftige Nazis waren und sich seither vornehmlich leid tun? Was sollen wir mit diesem Land?

Der Berliner Uwe Rada hat es unternommen, eine der einstmals integrierten und heute im besten Fall randständigen europäischen Gegenden zu beschreiben: Die Memel: Kulturgeschichte eines europäischen Stromes ist das gelungene Portrait eines Stroms und seines Uferlandstrichs, das Lust macht auf eine nähere Kenntnis, obgleich wir gemeinhin so rein gar nichts am Hut haben mit der Grenzregion zwischen Polen und Litauen.

Die Memel, ein Strom von immerhin knapp tausend Kilometern Länge, entspringt in Weißrussland – irgendwo südlich von Minsk – und durchquert in großen Bögen das Land, um es ins benachbarte Litauen hinaus zu verlassen. Die letzte Strecke vor dem Delta an der Ostsee bildet sie die Grenze zwischen Litauen und der russischen Enklave von Kaliningrad, dem einstmaligen Königsberg.

Radas Verdienst besteht nicht nur in einer eingängigen Beschreibung von Geografie und politischer Landschaft, auch seine kenntnisreichen Streifzüge durch die kulturelle Vielfalt in Geschichte und Gegenwart sind lesenswert und beleuchten eine vollkommen unbekannte Region Europas in anregender Weise.

Es gibt zum Glück keine deutschen Anliegen, die durch das Buch geistern – die Perspektive des Autors ist keine der Nostalgie, sein ganzes Unterfangen ist heutig und gegenwartszentriert, bar jeder schalen Rückbezüglichkeit. Wohl kommt die lange, uns mal nähere, mal fernere Geschichte der Region eingehend zur Sprache, doch wechseln ihre Blickwinkel. Dabei wird klar, dass die verqueren Verhältnisse so alt noch gar nicht sind.

Es gelingt Uwe Rada, mit zitatenreicher Schilderung auch und gerade eine Landschaft näher zu bringen, die schon Thomas Mann und eine Reihe deutscher Maler zu begeistern vermochte, als das alles noch zutiefst deutsch war. Seine Begeisterung überträgt sich dem Leser, man bekommt Lust auf einige dieser Orte.

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