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Vom Zürichsee übern großen Teich

Sein Gesicht grinst heute von T-Shirts und Postern in Jugendzimmern, sein Name ist zur Redewendung geworden, wenn es darum geht, dass etwas keine wirkliche Raketenwissenschaft sei sondern mit den Mitteln durchschnittlichen logischen Denken zu lösen. Besonders gebildete reüssieren noch mit seiner berühmt-berüchtigten Formel e = mc². Weniger stark verankert in der Gemeinseele ist aber schon die wirkliche Leistung dieses Albert Einstein: innerhalb eines einzigen Jahres – genau genommen zwischen März und Juni 1905 – schrieb er vier bahnbrechende Aufsätze, und katapultierte damit die Physik auf den Weg in ihre moderne Gestalt. Während des ersten Weltkriegs legte er in einem vergleichbaren Produktivitätsschub die Allgemeine Relativitätstheorie nach, auf der heute unser gesamtes wissenschaftliches Weltverständnis fußt.

Albrecht Fölsing, selbst studierter Physiker, gelingt in seiner 900-seitigen Biografie ein unprätenziöses und unkapriziöses Porträt dieses eigenwilligen Genies, das nicht nur die eminente Bedeutung des einstein’schen Denkens und seine Beiträge zur Physik des Zwanzigsten Jahrhunderts in klarer Sprache darzustellen weiß, und bleibt dabei auch dort, wo es dem Normalsterblichen schnell zu kompliziert wird, immer noch les- und nachvollziehbar.

Die große Stärke des Buches ist aber der eingehende Blick auf den Menschen Albert Einstein jenseits des Geniekults und der Marottenbeschreibung – welche beide Aspekte aber durchaus ihren Platz beanspruchen, da sie auch in seiner Vita zentrale Stellungen einnahmen. Auch um die politischen Fehltritte und in seinen älteren Tagen wissenschaftlichen Fehleinschätzungen macht der Autor aus Rücksicht für den großen Mann keinen Bogen: geradezu aus dem altgriechischen Mythos vom Sisyphos scheint seine monomanische Beschäftigung mit der vereinigten Theorie zu stammen, in deren Verlauf er immer wieder den großen Durchbruch ankündigte, nur um ihn Monate später selbstkritisch widerrufen zu müssen. Seine wackelnde Reputation scheint ihn dabei aber gar nicht gestört zu haben.

Wissenschaftlich war sein Schaffen und Denken aber nicht nur für die in seiner Reputation zentrale Relativität ergiebig, er lieferte auch wichtige Beiträge zur Theorie des Atoms, da immerhin die Einführung der Quantisierung zu einem nicht unwesentlichen Teil auf sein Konto geht, wenngleich ihm die Theorie der modernen Modelle unter Einschluss des Zufalls ideologisch rein gar nicht passte, womit er sich zuletzt als eher bornierter alter Mann in die Wissenschaftsgeschichte eingeschrieben hat. Aber auch dieses Ringen hat eine Reihe von Denkaufgaben hinterlassen, deren Lösung zwar nicht im Sinne Einsteins erfolgte, aber zentrale Fragestellungen der theoretischen Physik umschloss. Manches davon wurde erst Jahrzehnte nach Einsteins Tod definitiv geklärt.

Einstein selbst scheint ein Schalk gewesen zu sein, und zum Glück erschöpft sich die Darstellung Fölsings nicht in einer Auflistung von trefflichen Zitaten, im Gegenteil, ihre Einbindung in den Text dieser Biografie macht erst das Naturell des Forschers als spottlustiger Zivilist sichtbar. Dass er dabei bisweilen auf Menschen stieß, denen es – vielleicht auch nur in der Situation – am nötigen Humor gebrach, führt wiederum zu teils heiteren Szenen.

Und doch steht dieses Leben mit seiner Erstreckung über die beiden Weltkriege mitten in einer höchst ernsten, ja mörderischen Zeit. Einstein selbst weilte gerade außerhalb Deutschlands, als Hitler die macht ergriff, und konnte zum Glück dort bleiben. Aufschlussreich ist aber die weitere Geschichte seiner Wissenschaftskollegen, und wie die rassisch unbedenklichen unter ihnen sich mit dem neuen Regime verbranden, während die als Juden eingestuften zu Flucht und Emigration gezwungen waren. Es ist eine bekannte Ironie der Geschichte, dass eben dieses geballte Wissen dann zur Überlegenheit der amerikanischen Militärmacht für den Rest des Jahrhunderts entscheidend beigetragen hat.

Fölsing konfrontiert den dezidierten Pazifisten Einstein aber auch mit seiner Mitarbeit an Erfindungen, die der deutschen Kriegsmarine im ersten Weltkriege zugute kamen, sowie an seiner historisch gewordenen Adresse an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, in der er die rasche Entwicklung der Atombombe nahelegte. Einstein selbst hat aus diesen Widersprüchen weniger ein Problem gemacht, die philosophische Haarspalterei war seine Sache nicht.

Der Blick auf Albert Einsteins Leben ist ein Blick ins Zwanzigste Jahrhundert: ihm jubelten bereits Massen zu, wie sie später zu Kennzeichen der Popkultur werden sollten, und bereiten die Medien einen Rummel, wie er sich über dieses gesamte Jahrhundert hinweg stetig steigern sollte. Dass dabei jegliche Ernsthaftigkeit auf der Strecke blieb, hat Einstein gelassen ertragen und sogar zu eigenen Scherzen mit der Meinungsmaschinerie genutzt. Das macht ihn sympatisch, wie auch sein angeblich eher schlechtes Violinspiel, von dessen inbrünstiger Ausübung er dennoch Zeit seines Lebens nicht ließ.

Buch und Leben klingen eher melancholisch aus mit einem Wissenschaftler, der sich in etwas verbohrt hat, über das der Zug der Zeit bereits hinweg gebraust ist. Aufgrund seiner überragenden Leistungen als junger Mann aber kann Albert Einstein auch in diesem Scheitern noch Statur bewahren. Dieses Leben hat ihn tief in die Betrachtung der physikalischen Beschaffenheit unserer Welt geführt, und sein Jahrhundert hat ihn weit herum, vom Zürichsee übern großen Teich sozusagen, geführt. Aus dem Judenkind aus Süddeutschland ist einer der größten Veränderer unseres wissenschaftlichen Weltbilds geworden, ja vielleicht bedurfte es eine unkonventionellen Menschen und Denkers wie Einsteins, um in diesen dunklen Zeiten das Licht der Vernunft am Brennen zu halten.

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