Kein Beitrag zum Wissen der Menschheit

Bewusstsein ist eine Tätigkeit.

Darauf könnte man Du bist nicht dein Gehirn: Eine radikale Philosophie des Bewusstseins von Alva Noe eindampfen, der gegenwärtig Distinguished Professor of Philosophy am City University of New York Graduate Center ist.

Die Crux an dem Buch ist, dass es sein Thema nicht findet: insofern ist es ein Beispiel für die schlechte Seite der amerikanischen Buchproduktion; man füllt Seiten mit wenig Inhalt, weil es offenbar ein Publikum gibt – oder die Existenz eines solchen von der Verlagswelt postuliert wird –, dem man das verkaufen kann. Dummerweise habe ich es mir verkaufen lassen.

Viele Argumentationen, die der Autor gebraucht, ähneln dem, was wir in Rubriken wie Vor 150 Jahren in manchen Tageszeitungen lesen können, wo ziemlich daneben liegende Einschätzungen gegen Dinge geäußert wurden, die wir heute für gegeben halten dürfen.

Es ist dieselbe Art der Argumentation:

  • sie haben es noch nicht geschafft, ein künstliches Gehirn zu bauen, also ist das alles Blödsinn
  • weil das moralisch abscheuliche Konsequenzen haben kann, kann die ganze Wissenschaft nicht stimmen
  • wir würden all das verlieren, was einen Menschen ausmacht, wenn sich das durchsetzt
  • eine Vielzahl an (vergangenen) Autoritäten sieht das anders
  • wenn ich schon im Detail keine Ahnung habe, dann kritisiere ich im größeren Rahmen

So wurde gegen Newton und Einstein, gegen Dampfmaschine und Eisenbahn argumentiert, so wird heute auch gegen den LHC gewettert. In all diesen Punkten wird man in 150 Jahren wohl was in der Zeitung lesen?

Vor allem der letzte Punkt schmerzt, wenn man wie ich selber Philosophie betreibt. Gleich zu Anfang weigert sich der Autor, den Begriff Bewusstsein, um den es ihm aber doch geht, zu definieren. Er gibt statt dessen eine Liste von Begriffen an, die er subsummiert wissen möchte, ohne jedoch auch nur einen davon zu definieren. Auf dieser Ebene kann man natürlich nicht sinnvoll diskutieren.

Auch scheint der Autor – im Gegensatz zu populärwissenschaftlichen Autoren wie Stephen Pinker oder Neurophilosophen wie Gerhard Roth (siehe Fühlen, Denken, Handeln: Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, das ich hier schon besprochen habe) – keine wirklich fundierte Ahnung von der wissenschaftlichen Forschung im Fachbereich zu haben, wenngleich er bereits Mitglied des Institute of Cognitive and Brain Sciences war. Jedenfalls verschont er seine Leser damit. Das ist aber so, als wollte man die Quantenphysik auf dem Niveau des Physikunterrichts in der Unterstufe kritisieren.

Aber: das Problem ist nicht die Philosophie, sondern eine falsch verstandene Kompetenz der Philosophie (siehe schon Odo Marquardt Inkompetenzkompensationskompetenz in <a href="Abschied vom Prinzipiellen: Philosophische Studien ” title=”Odo Marquardt: Abschied vom Prinzipiellen” target=”_blank”>Abschied vom Prinzipiellen).

Wo hören wir auf und wo fängt die übrige Welt an? Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass unser Gehirn oder unsere Haut diese Grenzen sind.

Nun hat niemand, der halbwegs bei Trost ist, je angenommen, wir stünden etwa nicht in Kontakt mit der Außenwelt – und zwar in Gestalt unserer Umwelt, so wie also die Außenwelt uns zugänglich ist, was nicht bedeutet, dass sie für sich betrachtet auch so wäre; aber diese Umwelt gehört deswegen weder zu uns noch in unser Bewusstsein – sie wird dort repräsentiert, gespeichert, verarbeitet. Wir sammeln Erfahrungen mit dieser unserer Umwelt, insoferne kann man auch sagen, sie präge uns.

Der vermeintlich radikale Ansatz von Alva Noe ist es nach eigenem Bekunden, das Bewusstsein nicht als eine Art Maschine zu verstehen, sondern als deren Tätigkeit. Aber da hat er offenbar wieder nicht gut genug aufgepasst: bei der Tätigkeit des Gehirns geht es um Informationsverarbeitung, das ist die Aufgabe dieses Organs.

Das Organ selbst ist biologisch. Die in ihm verarbeitete Information ist codiert und abgespeichert in für codiertes Abspeichern geeigneten elektrochemischen Speichern. Die Speicher sind biologisch, die Information ist – ja: abstrakt, da Information. Sie ist nichts wert ohne den Codierer und Decodierer, aber sie ist keineswegs ident mit ihnen. Das hat niemand behauptet.

Nur weil dieses Gehirn mit seinem Nervensystem und den angeschlossenen Sinnesorganen Enormes – manche sagen mit Hintergedanken Unvorstellbares – leistet, heißt das noch lange nicht, dass wir deswegen nicht in der Lage sein sollten, seine grundsätzliche Arbeitsweise zu enträtseln.

Nimmt man Google Picasa als Beispiel, dann ist in den letzten Jahren etwas Realität geworden, von dem viele Kritiker der Künstlichen Intelligenz vor ebenso vielen Jahren noch lauthals bestritten haben, dass es jemals gehen könnte: das Programm vermag in beliebigen Bildern Gesichter zu erkennen – und wenn man jemals mit der eigenen Bildersammlung rumgespielt hat, muss man neidlos eingestehen, dass es das auch mit einer hohen Trefferquote zu leisten vermag. Genau das ist vormals als besondere Fähigkeit des menschlichen Denkens gepriesen worden, zu dem Maschinen sich niemals würden aufschwingen können.

Es scheint also doch eine Frage von Algorithmen zu sein. Dabei ist Google Picasa als Spielzeug für jedermann auf diesem Planeten gratis erhältlich. Nicht ganz gratis aber auch erstaunlich sind die Fähigkeiten von SIRI, der spracherkennenden Virtuellen Assistentin in Apples iOS 5. Siri ist nicht eigentlich zu Denkleistungen fähig, aber man muss anerkennen, dass sie mehr leistet, als noch vor geraumer Zeit für möglich gehalten wurde – und dass das alles in einem Mobiltelefon Platz hat.

Wir haben, was die Wissenschaften betrifft, verschiedene Erfahrungen machen können: einiges ist wirklich über Grenzen hinweg gegangen, die man für unüberschreitbar hielt, so in der Kosmologie und der Teilchenphysik. Anderes hat sich als eher schwer zu knacken erwiesen: wir sind immer noch nicht in der Lage, das Wetter halbwegs zutreffend vorher zu sagen, außer in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum und ohne allzu konkrete räumliche Beschränkungen. Deshalb kann man auch keine seriösen Vorhersagen darüber treffen, welchen Status Quo eine bestimmte Wissenschaft bei ihren Bemühungen in einer bestimmten Zeit erreichen wird können.

Die Philosophie aber ist erstens alles andere als eine Wissenschaft, und zweitens hat sie bereits eine fast drei Jahrtausende währende Geschichte, innerhalb derer sie genau genommen nichts zustande gebracht hat. Sie ist eine Maieutik in dem Sinn, dass sie etliche später ertragreich gewordene Wissenschaften hervorgebracht hat. In dieser Hinsicht entwickeln sich auch die Neurowissenschaften gut, die man als die jüngste Geburt aus der Philosophie betrachten könnte.

Philosophen dürfen natürlich tun und lassen, was sie wollen. Es ist aber bezeichnend, dass ihr Beitrag zur Welt heute in erster Linie im Veröffentlichen von Büchern besteht, also ausschließlich ökonomisch motiviert ist – von ein paar Exemplaren abgesehen, die ernsthaft die Welt verbessern wollen, was aber mit Blick auf die Geschichte dieser Versuche eher abzulehnen ist –, wohingegen Wissenschaftler nach der Kohärenz von Theorien streben, nach der Übereinstimmung von Daten und Theorien. Dass auch hier ökonomische Interessen mitspielen, soll aber auch nicht geleugnet werden.

Auch in der Philosophie gibt ernsthafte Bemühungen um einen Beitrag zum Wissen der Menschheit. Du bist nicht Dein Gehirn ist allerdings kein solcher.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.