Ein Frankreich-im-Mittelalter-Roman


Dem Buch eilt seit seinem Erscheinen eine dezidierte Aussage voraus: das dargestellte mittelalterliche Jahrhundert ähnle dem unsrigen, soll in diesem Fall heissen, dem Zwanzigsten, beträchtlich. Das mag gut sein für die Verkaufszahlen, weil es für Interesse auch bei Leuten sorgt, die nicht primär Interesse fürs Mittelalter aufbringen.

Man darf aber sagen, Der ferne Spiegel: Das dramatische 14. Jahrhundert von Barbara Tuchmann sei ein insofern gelungenes Buch, als es trotz mehr als 700 Seiten nicht allzu sehr langweilt und einigermaßen historisch fundiert ist. Einigermaßen deswegen, weil der Umgang der Autorin mit den Quellen der Zeit – entgegen ihrer eigenen Beteuerung – wenig kritisch ausfällt.

Der Spiegel zum 20. Jahrhundert jedoch ist wohl in erster Linie eine Marketingmaßnahme und bestenfalls zwanghaft herbei geschrieben.

Auch ist dem Buch vorzuwerfen, dass es hinter einem Allgemeinheit beanspruchenden Titel eine Geschichte Frankreichs in eben jenem Jahrhundert verbirgt – und das hört bekanntlich längstens an den Pyrennäen und am Rhein auf und ist in jenen Tagen sehr wohl von anderen Zentren und geschichtlichen Räumen verschieden – wie von Spanien, in dem sich zeitgleich die Größe seiner nächsten Jahrhunderte vorbereitet, oder von Deutschland, in dem das Mittelalter noch bedeutend finsterer ist als im höfisch immerhin schon halbwegs entwickelten Frankreich. Das ist nun eigentlich eine Mogelpackung.

Als historisches Fachbuch geht das Buch von Frau Tuchmann aber allein schon aufgrund ihres sehr journalistisch saloppen Stils nicht durch. Da bewahrheitet sich halt wieder einmal: man tut sich eher keinen Gefallen, wenn man einen Bestseller zur Hand nimmt… Man hat den Eindruck, einen Roman zu lesen. Ähnlich wenig Wissensgewinn bleibt dann auch zurück von der Lektüre.

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