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Bissig, böse, prophetisch

Lang hat’s gedauert: von der Komposition 1930 bis zur Uraufführung 1990. Und immer noch wird’s selten gespielt: dabei ist Kehraus um St. Stephan von Ernst Krenek eine wunderbare Oper, musikalisch eingängig trotz aller modernen Einschlüsse, die hier aber einer dazumaligen Zeitoper ein ausgleichendes Gewicht gegen allzu leichte jazzige Geläufigkeiten verleihen.

Frappant ist die musikalisch-inhaltliche Einheit, das gemeinsame Ziehen am selben Strang, das Fortführen des einen mit den Mittel des andern: die Satire mit Musik ist mitunter ein Stück satirischer Musik; die Töne bleiben einem im Ohr stecken wie das Lachen. Und nichts geschieht dort auf der Bühne, dessen nicht auch der Graben sich spürbar bewusst wäre.

So dirigiert Gerrit Prießnitz ein hervorragend modern musizierendes Volksopernorchester, inszeniert Michael Scheidl – ursprünglich für die Bregenzer Festspiele – unprätentiös und ohne je einen Griff in die Kiste des Brecht’schen Zeigefinger-Theaters zu tun. Auch die Ausstattung bleibt auf dem Boden – und gerade all das Bodenständige verschmilzt so zum Gesamtbild einer bitterbösen Satire. Und man muss sich in tiefer Dankbarkeit verneigen, dass hier kein einziges Mal der naheliegende Verweis auf die unsere heutige Zeit strapaziert wurde.

Der Othmar Brandstetter – immerhin: die erste Opernfigur, die heisst wie ich! – hängt sich auf. Es gelingt ihm nicht, da der vorbeikommende Winzer und Heurigenwirt Sebastian Kundrather ihn vom Baume schneidet. Dabei ertrinkt der verhinderte Selbstmörder beinah im Bach. Was so beginnt, endet entweder in Kalauern oder schwingt sich auf zu höchster Boshaftigkeit.

Zum Glück letzteres. Der Wiener Ernst Krenek hat seine Heimatstadt nicht bloss gekannt, sondern sie durchschaut – und das bewiesen, als er das Libretto zum Kehraus selbst verfasste: er liefert uns ein grandioses Stück Zeitbeobachtung, das in seiner harten, oft an Scherenschnitte gemahnenden Charakterisierung der Typen dieses horvath’schen Volksschauspiels Brücken in die immerwährende Gültigkeit zu schlagen vermag.

Roman Sadnik sang einen beherzten, neben den Vergnügungen und wirtschaftlichen Malversationen der Zeitgenossen abgerückten Brandstetter, der zuletzt auch in der Liebe triumphiert. Seine Angebetete Elisabeth: Elisabeth Flechl – mit Hingabe an die umfangreiche, aber in all dem Irrsinn wenig farbige Rolle. Die Karikatur des Berliner Industriellen Kabulke lieferte famos aber wohltuend klischeefrei Lars Wuldt. Sein Wiener Konterpart, der glücklose Fabrikant Koppreiter, verstolpert sich zwischen betrieblichen und amourösen Malheurs – erfrischend in Größenwahn und Verfall Sebastian Holecek.

Als verschiedene Arten und Grade von Strizzis und Dunkelmänner agierten Christian Drescher (Ferdinand), Michael Kraus (die komplexe Rolle des Moritz Fekete, anfangs Schwoistaler genannt, später Erich Alma Rosenbusch) und Edgard Loibl (der Pülcher Pepi).

Die mit Abstand herausragenden Partien des Abends aber bekleideten Albert Pesendorfer (der Heurigenwirt) und Andrea Bogner, seine illustre Tochter: mit Verve und Sex-Appeal!

Und natürlich: ein stummer Tod geistert durch die Handlung. Der stammt zwar nicht von Krenek, liefert aber niemals auch nur den leisesten Vorwand, sich ihn weg zu wünschen. Mit unaufdringlicher Ironie ist er einfach da – so wie der vertrottelte Oberwachmann Sachsl – Gerhard Ernst -, aus dessen Mund der denk- und merkwürdige Spruch kommt:

… wo kämeten wir hin, wenn schon die Leichen keine Disziplin mehr halten und einfach fortgehen. So was wär in der Monarchie nicht möglich gewesen.

Zu danken ist dieses augenzwinkernde Panoptikum alt-wiener Befindlichkeiten Michael Scheidl, der für die von leichter Hand und quasi unpretentiös voranschreitende Inszenierung verantwortlich zeichnete.

Ein königlich amüsanter Abend, musikalisch vielfältig, dabei so leicht vorgetragen, als wär’s ein Stück für die Volksoper. Man soll die Fähigkeiten dieses Hauses nicht unterschätzen.

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2 comments to Bissig, böse, prophetisch

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