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Brav hat er das g’macht

Natürlich kann der Torberg nix dafür. Er war ein zu spät in eine untergehende Epoche hinein geborener. Er war geduldet im Kaffeehaus bei den Großen dieses Metiers, schon als Abiturient ein Talentierter. Er hatte debüttiert – wenn man von einem Lyrikbändchen absehen will, von dem er später gerne selber absah – mit dem Pennälerroman Der Schüler Gerber hat absolviert – eine durch und durch autobiografische Geschichte, die in allen Maturajahrgängen seither ihre braven Leser gefunden hat.

Und er kann natürlich genausowenig was dafür, dass er als großer Mittelmäßiger zu sehr ins Rampenlicht geriet – um es mit Karl Kraus zu sagen:

Wo die Sonne der Kultur tief steht, werfen sogar Zwerge lange Schatten.

Schließlich war es ja nicht er, dem die Dezimierung der vornehmlich jüdischen Intelligenz – und beinah der gesamten damals lebenden Literatur – zu Last zu legen wäre, er hat sie nur überlebt. Und wie so viele, die davongekommen sind, gehörte auch Torberg nicht zu den besten.

Man mochte ihn zumindest – wofür er aber auch nichts konnte – für einen Kommunistenfresser halten: das Wort vom Brecht-Boykott ist zum 100. Geburtstag Torbergs wiederauferstanden – dabei ging es dem streitbaren Publizisten Torberg gar nicht um einen Boykott Brechts, das machten dann seine geistig weniger bemittelten Freunde und Mitstreiter wie der unsägliche Hans Weigl und noch andere, heute vergessene Figuren, daraus, dem Torberg war es um den Hinweis auf eine Gleichzeitigkeit zu tun, die seiner Meinung nach nicht unbeachtet bleiben sollte:

Der Dichter Brecht hatte sich in verinnerlichtem Stalinismus in der DDR angesiedelt und daselbst die gewaltsame Niederschlagung der Arbeiterproteste bejubelt und sich auch sonst mit dem Regime und auch mit Übervater Stalin gemein gemacht – und jede Menge der entsprechenden Ideologie in seine Stücke verpackt.

Dem Dramatiker Brecht kann man heute noch seine schlechten Poltik-Stücke vorhalten. Insgesamt ist aber ein Klassiker geworden. Nur: wie sollte man das aus der Nahperspektive der zeitgleichen Existenz bewerten können? Da stand einem Torberg der gewiss ehrliche Kampf gegen alles Totalitäre und seine Fürsprecher im Wege. Aus der Zeit heraus ist Torbergs Haltung zu verstehen, wenn sie sich auch – von unserer Zeit zurück blickend – recht ulkig ausnimmt. Da blies ein Ochsenfrosch sich auf…

Man kann den Dichtern gern und häufiger, als einem lieb sein mag, schlechtes nachsagen, das aus der Epoche und den Niederungen ihrer Lebenszeit stammt. Auch den Musikern. Aber man darf das Gute an Brecht heutzutage nicht verleugnen, nur weil er ein strammer Stalinist war – genauso wie man Wagner nicht auf seinen wüsten Antisemitismus – oder die unsägliche Cosima – reduzieren kann, die beide für sich allein Grund genug für jeden Boykott wären. So geht’s mit vielen, auch mit Heimito von Doderer, der beizeiten gleichfalls ein Nazi war.

Für die Entwicklung des literarischen Kanons kann natürlich ebenfalls der Torberg nichts. Verantwortlich ist er einzig und allein für sein Oeuvre – und das ist schmal genug, ja schmalbrüstig:

Mag sein Gesamtwerk auch nicht in die Erste Klasse der Literatur, wo die ganz Großen zu Hause sind, gehören, in der Zweiten Klasse sitzt Torberg gewiss ganz vorn (…)

So umschifft jedenfalls sein Biograph David Axmann diese Klippe – oder wie sonst wäre die lebensbeschreibende Beschäftigung mit einem zu rechtfertigen, als durch die Bedeutung seines Werkes? Aber auch, das sei ihm entgegen gehalten, in der Zweiten Klasse hat der Schüler Torberg nicht bestanden. Er gehört vielmehr in eine Schublade mit Ephraim Kishon, den er begeistert übersetzt hat – seichte Literatur mit viel Humor, der aber bei Kishon so gut wie nie und bei Torberg nur bisweilen zum Lachen ist. Dass so manches aus seiner Tante Jolesch inzwischen zum heimischen Zitatenschatz gehört, macht es insgesamt nicht besser.

Was von diesem Torberg bleibt, ist sein – womoglich ehrlicher – Einsatz für den wirklichen Dichter Fritz von Herzmanovski-Orlando, wie Torberg zweifellos meistens einen ausgeprägten Riecher für wirkliche Dichter hatte. Seine Bearbeitungen waren stets fürchterliche Kompetenzüberschreitungen (nach dem Prinzip Eckermann bearbeitet Goethe) – aber immerhin rückten sie den Barbeiteten soweit ins Licht der Öffentlichkeit, dass später auch das wirkliche, unverschandelte Werk erscheinen konnte. Dank gebührt ihm also dennoch, dem Verunstalter Torberg.

Aber man wird einwenden, der Torberg habe doch auch anderes, bleibendes geschrieben: den Süßkind von Trimberg etwa. Naja, schon. Aber wenn man versucht, ungefähr abzuschätzen, welchen Rang man dem Werke zubilligen möchte, allein in der Reihe der noch nicht gelesenen Werke der alten bis allerneuesten Weltliteratur – auf welche Position käme man da? So lange lebt man nicht, so weit hinten ist das. Das ist leider auch die Wahrheit. Er hat seine Werke für kalauernde Altherrenrunden und verstaubende Bibliotheksregale geschrieben – die einen für diese, die andern für jene.

Nun also: ist er 100 geworden, brav hat er das g’macht! Eine Ausstellung im Jüdischen Museum kriegt er ja auch.

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