Vom Stalinismus zur Demokratie

Als KZ-Überlebender, Zeitzeuge und politischer Mahner ist Hermann Langbein aus den letzten Jahrzehnten seines Lebens in Erinnerung geblieben. Dass seine Biografie aber mehr Facetten umfasste als nur diese, insbesondere auch eine verbissen stalinistische Phase, ist weniger präsent.

Mit Zeitlebens konsequent: Hermann Langbein – Eine politische Biografie hat Brigitte Halbmayr exakt das vorgelegt, was der Titel ankündigt.

Langbein ist von Jugend an Kommunist, sehr dem Vater zum Trotz, engagiert sich in Österreich, hat unter den Klerikalfaschisten zu leider, flieht vor den Nazis und zieht mit den Internationalen Brigaden in den Spanischen Bürgerkrieg – der aber längst entschieden ist.

Mit der Demobilisierung kommen die Spanienkämpfer in französische Lager, zunächst in Gürs, dann geraten sie, nachdem Frankreich 1940 kapituliert, den Deutschen in die Fänge. Die Folge ist die Verschleppung nach Dachau. Von hier ab wird klar, dass die politischen Gefangenen in den deutschen Konzentrationslagern starke Untergrundorganisationen unterhalten, jedoch bekämpfen einander Sozialisten wie Kommunisten energisch, als wäre aus der Hitlerei draußen vor den Toren rein gar nichts zu lernen.

Vermutlich ist das Vertrauen in Gesinnungsgenossen höher, wenn es um äußerst gefährliche Verschwörungen geht; steht in Dachau noch der Konflikt zwischen den Linken im Vordergrund, scheint es in Ausschwitz, wohin Langbein verlegt wird, angeblich auf Betreiben eines sozialistischen Mitgefangenen, nur noch um den Menschen in einer zutiefst menschenverachtenden Umgebung zu gehen. Doch das Kümmern um andere als die Mitglieder der Gesinnungsgemeinschaft wirkt im Text eher aufgesetzt, als hätte man es nachträglich dazugemalt, um die eigene Distanz zur KP in die Zeit vor der Enttäuschung zurück zu verlängern.

Aus der Sicht von Hermann Langbein ist es zweifellos der feste Glaube an die kommunistische Sache, die ihn in diesem Aberwitz am Leben erhält. Und dabei hilft gewiss die Unkenntnis, dass zur selben Zeit der weise Genosse Stalin mit fast denselben Methoden sein Volk und die Reihen der internationalen Kommunisten ausrottet. Gegen diese Erkenntnis scheint der linientreue Kommunist Langbein so lange immun, als die Partei ihm zu tun gibt, ihn zu brauchen scheint, Verwendung für ihn hat – was zwangsläufig bald endet.

Spannend ist das Kapitel seines Ausschlusses aus der KPÖ: er will nicht freiwillig gehen, er will, dass die Partei ihn ausschließt. Sie muss sich von ihm trennen. Man kann das, wie Brigitte Halbmayr und die offizielle Erinnerung das tut, als Konsequenz eines politischen Menschen ansehen; dazu seltsam quer steht die Tatsache, dass Langbein niemals ein Antikommunist, aber noch nicht einmal ein Antistalinist wurde. Seine Wickel mit der Partei scheinen ihm die Auseinandersetzung mit der eigenen Ideologie erspart zu haben.

Bemerkenswert ist auch an dieser Biografie, dass fast alle Stalinisten erst aufwachten, nachdem die Partei sie durch die Mängel drehte; und ein Ausschluss war dabei noch die harmloseste Variante. Solange die Partei Verwendung für sie hatte, blieben die meisten von ihnen aufrechte Stalinisten. Dabei machte noch nicht einmal die vorsichtige Veröffentlichung der Verbrechen in der Periode unter Chruschtschow einen besonderen Unterschied. Parteien, die den Schritt der Entstalinisierung mitmachten, vermochten ihre Mitglieder durchaus zu halten. Eine bis in die 80er Jahre stur stalinistische Partei wie die KPÖ hingegen verlor die meisten ihrer Mitglieder.

Dieser trübe Fleck in der Biografie Langbeins soll aber nicht über seine für das Österreich der Siebziger und Achziger Jahre bedeutende Persönlichkeit hinweg täuschen. Die historische und juristische Aufarbeitung des Vernichtungskomplexes Ausschwitz verdankt ihm viel; in Deutschland mehr denn in Österreich, wo man sämtliche gerichtlichen Bemühungen einer Aufarbeitung seit jeher zügig unterbunden hat – was letztlich in die überaus schmerzhafte Waldheim-Affäre geführt hat und noch in der Kontroverse um die schwarz-blaue Regierung zu Anfang des Jahrtausends spürbare Erschütterungen zeitigte.

Als moralische Instanz war Hermann Langbein gewiss kein bequemer Zeitgenosse. Aber es scheint doch notwendig, sich davor zu hüten, das bedenkenlos in seine früheren Lebensphasen zu übertragen. Ich für mein Teil bin froh, dass Seinesgleichen in diesem Land kein politischer Erfolg beschieden war; passende Diktatoren hätten sich gewiss auch in den Reihen der KPÖ finden lassen. Auf der anderen Seite verdanken wir dem konkreten Leben dieses Hermann Langbein ungeheuer viel. Die nicht verwirklichten Potentiale haben keinerlei Schaden angerichtet: es war vermutlich sein und unser Glück, dass die gesamte Veranstaltung KP in Österreich von vorn herein bedeutungslos war.

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