Das Floß des Hans Werner Henze

Das Festival neuer Musik wien modern eröffnet dieser Tage seine Pforten für das Jahr 2017. Sein Schwerpunkt liegt diesmal auf der französischen Neuen Musik mit Werken von Asperghis, Dufourt oder Gérard Grisey. Einer der Höhepunkte ist die Aufführung des Films J’accuse (Regie: Abel Gance, F 1919) mit der Musik von Philippe Schoeller.

Viel Tam – wie Karl Kraus da sagen würde – wird aber von der Aufführung eines Werks gemacht, dessen Uraufführung 1068 in Hamburg nicht möglich war, 1971 in Wien nachgeholt wurde: Das Floß der Medusa von Hans Werner Henze wird nach 46 Jahren wieder mal zu Gehör gebracht. Allerdings ist es bei weitem nicht so bedeutend, wie die Veranstalter das gerne hätten. Henze hat viel geschrieben seither, das meiste davon ist besser. Und die Ideologie der 68er, die Reverenzen an Che und Ho Tschi Minh, sind heute eher geschmacklos, wenn man weiß, von welchen Mordgesellen da die Rede ist. Es ist ein Oratorium, in dem der Sprecher viel Pathetisches zu sagen hat, die Musik aber viel zu kurz kommt.

Eher geschmacklos ist dabei die Anbiederung, das Motiv des Schiffbruchs, in dessen ikonografischem Hintergrund das Gemälde Radeau de la Méduse von Théodore Géricault steht, auf die Lage jener Menschen zu münzen, die versuchen, mit unzulänglichen Mitteln das Mittelmeer zu überqueren. Das steht völlig quer zu Henzes Floß der Medusa. Die Dekolonialisiserung, die Henze noch implizit fordert, hat inzwischen für die Ströme von Menschen gesorgt, die sich aus Ländern auf den Weg machen, die zwar keine Kolonien mehr sind, aber wirtschaftlich nicht in der Lage, ihre Bevölkerungen zu ernähren noch ihnen Perspektiven zu bieten. Wir machen zuerst mal Revolution, und dann schau’n ma weiter.

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