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Der akademische Wert als Selbstzweck

Viel ist die Rede von der historischen Aufführungspraxis – und dabei liegt der Focus fast immer auf dem Musizieren. Wie mag ein Werk in der originalen Besetzung auf den Instrumenten der damaligen Epoche geklungen haben? Eine berechtigte Frage, gerade zu Zeiten, wo die Konzertsäle vergleichsweise riesig dimensioniert sind und die kleinen Instrumentalistengruppen früherer Epochen nur mehr wenig Chance haben, diese Räume akustisch zu füllen – siehe etwa Fuxens Orfeo bei den Resonanzen 2010. Im weitaus intimeren Rahmen einen kleineren Theaters kann man sich aber genussvoll auf die Suche nach dem Originalklang machen.

Mit Recht ist aber auch die Frage gestellt worden, wie denn die optischen Darbietungen im Original ausgesehen haben mögen: Bühnenbilder, Kostüme, Requisiten, bis hin zur Mimik und Gestik… Auch das ist inzwischen in einiger Tiefe erforscht – und selbstverständlich gibt es auch Enthusiasten, die uns diese Erkenntnisse zugänglich machen: das Projekt Teatro Barocco von Bernd Bienert hat sich dieser Materie verschrieben und etwa bei Aufführungen von Mozarts Cosi fan tutte im Laxenburger Schlosstheater einige Resonanz erhalten.

Im edlen Rahmen des Bibliothekssaales von Stift Altenburg im Waldviertel – einem original erhaltenen barocken Bau – gibt das Teatro Barocco die Oper Piramo e Tisbe des Johann Adolph Hasse von 1768: mit rekontruiertem Bühnenbild, Kostümen und allem drum herum.

Das Ergebnis ist allerdings zwiespältig. Mag es auch durchaus üblich gewesen sein, einen solchen Bibliothekssaal für derlei Aufführungen zu verwenden, so genügt das Ergebnis akustisch keineswegs dem Anspruch eines zahlenden Zuhörers. Vielleicht gibt es bessere Plätze, aber wir konnten nicht frei von hallenden Überlagerungen hören. Insoferne könnte die Besprechung hier bereits wieder enden.

Aber sehen kann man zum Glück, dank einer kleiner Guckkastenbühne, die etwas erhöht im Raum platziert ist. Ein paar hölzerne Wände erweisen sich als Kulisse, und offenbar wurden sie – den Forschungen zufolge – als Kammer, Wald und Höhle verstanden. Gut, unsere heutigen Opernhäuser gehen ja auch nicht in den Wald, wenn sie Macbeth spielen wollen.

Zu den Kostümen kann man nicht viel sagen, wenn man nicht nah genug heran kommt und das Licht fürs Opernglas – dabei habe ich zwecks Verbesserung der Lichtstärke schon das Monstrum von Nikon EagleView dabei – nicht ausreicht. Die Finsternis mag nun wieder ebenfalls durchaus barock sein. Allerdings hat man wenig davon, dass die Ausstattung angeblich historisch getreu ist, wenn man sie nicht zu sehen kriegt.

Bleibt, was größer ist: in rauschende Gewänder geschnallt stehen die Protagonistinnen in erster Linie herum, sie wedeln bisweilen mit den Armen. Ende der Action. So dürfen wir uns mithin die historische Aufführung vorstellen. Nicht sehr weit von einer heutigen konzertanten entfernt, würde ich sagen.

Ganz und gar absurd wird das Unterfangen dann mit Auftritt des Löwen. Hu? Das ist dann, selbst wenn es halbwegs original sein sollte, bestenfalls peinlich.

Gesungen haben die Herrschaften aber wacker, soweit man das auch hören konnte: Megan Kahts und Maria Taytakova sowie Peter Widholz und Gabriel Wanka. Man sieht, auch das Personenblatt ist recht kurz gehalten.

Es ist also zum einen genau wie bei der Musizierpraxis: wie man schon einen gewaltigen Unterschied hört zwischen moderner und historischer Aufführung, auch wenn letztere inzwischen quasi die modernere ist, so sieht man einen zwischen dem, was unsere Opernhäuser machen und der hier rekonstruierten Darstellung. Allein, die eine möcht’ ich nicht missen, die andere lass’ ich hinfort dankend bleiben. Das hat wirklich nichts gebracht.

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