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Dichte mit schamloser Flucht

Moderne Werke sind ja nicht jedermanns Sache; die Wiener Festwochen auch nicht. Was sich aber in den (hohlen) Köpfen von Leuten abspielen mag, die Karten für eine neue Oper kaufen, dann aber nicht einmal das Sitzfleisch haben, sie durchzustehen, ist mir rätselhaft. Im Konzert muss ich mich immer wieder besinnen, dass ja meistens die modernen Werke die eher unerwünschten Beigaben zu Programmen eher mehrheitstauglichen Inhalts sind; da kann man ja verstehen, dass es die Leute nicht goutieren sondern vorwiegend durchleiden.

Sich aber für George Benjamin’s Into the Litte Hill zuerst offenbar zu entscheiden, dann aber lärmend aus dem Saale auszuziehen, ist nachgerade eine Frechheit, die mit generellem Festwochenverbot nicht unter 10 Jahren bestraft gehörte. So etwas tut man nicht!

Dabei ist das Stück noch nicht einmal ein besonderer musikalischer Affront! Es ist gelinde gesagt harmlos. Zumindest, was die kompositorische Seite angeht. Von anderem Kaliber ist da schon das Libretto – ein Text des britischen Dramatikers Martin Crimp – die zu äußerster Kompression geballte simple Geschichte vom Rattenfänger, der von den Stadtvätern übers Ohr gehauen wird und sich rächt, indem er auch die Kinder von dannen führt.

Die gleich mehrfache Brechung der Geschichte durch indirektes Erzählen noch nicht einmal an der Handlung beteiligter Personen, der Frau des Politikers und seiner Tochter, verschafft dem Werk eine beinahe atemlose Dichte, die von der klaren, transparenten Komposition getragen ist. Anu Komsi und Hilary Summers sangen mit Intensität und hoher Konzentration auch in den Passagen, in denen die Musik Distanz von der Handlung zu gewinnen sucht.

Von Bühne und Inszenierung ist bei einer quasi konzertanten Aufführung wie dieser wenig zu sagen: alles bloß Dekoration. Das macht aber nichts. Das Ensemble Modern unter dem Franzosen Franck Ollu, der seit der Uraufführung 2006 in Paris alle Aufführungen dirigiert hat, bot das recht kurze Werk, das samt zweier vorangestellter Instrumentalstücke des Komponisten in knapp 60 Minuten über die Bühne ging, präzise dar, was bei solcher Forderung musikalischer Transparenz unabdingbar ist.

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