Die Entstaubung des angegrauten Hauses

Der wandlungsfähige Paul Hindemith hat im Cardillac – Künstleroper hin oder her, das tut nichts zur Sache – eine expressive, musikalisch vielgestalte, dichte Oper geschaffen, von der man sich bloß fragen muss, warum Wien so beharrlich einen Bogen um sie machte.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: wer hätte gedacht, dass das Wiener Publikum, nachgerade jenes der Staatsoper, sich so frenetisch um ein zentrales Werk der expressionistischen deutschen Oper reissen würde… Oder ist einfach alles zu feiern, was sein Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst ihm reicht?

Wie auch immer, man vermag es kaum zu glauben, mit welch’ Verve hier in den ersten beiden Monaten der neuen Direktion unter Dominique Meyer die Herkulesarbeit der Entstaubung dieses angegrauten Hauses angegangen wurde. Man erkennt die runzlige alte Staatsoper kaum wieder. Und ehrlich: der alte Rumäne ist als Fernsehclown und Möchtegern-Talkmaster auf Ö1 bestens aufgehoben, da kann man wegschalten und kosten tut’s auch nicht annähernd die Lawine, die heutzutage Opernkarten kosten.

Juha Uusitalo sang den Cardillac mit wagner’scher Präsenz und faszinierendem Volumen über die vom Komponisten kräftig akzenturierten Bläser hinweg. Fast noch bewundernswerter in dieser Hinsicht war der Offizier, eingängig gesungen von Herbert Lippert, doch auch Juliane Banse – als Tochter – vermochte mit Höhen und erstaunlichem Durchhaltevermögen zu glänzen. Tomasz Konieczny dagegen sang seinen Goldhändler präsent, doch eine Stufe schwächer.

Von Thomas Lang hervorragend eingestellt der Chor der Wiener Staatsoper, dessen kräftige Eingangs- und Schlussszenen die Handlung im festen Griff hielten. Das auf Hindemith’sche Dimensionen reduzierte Orchester der Wiener Staatsoper – geleitet von Franz Welster Möst – bewies einmal mehr seine Vielseitigkeit auch im klassisch modernen Repertoire.

Nicht einmal an der mechanistischen Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf oder Bühne und Kostüm – Rolf Glittenberg, Marianne Glittenberg – gibt’s etwas auszusetzen. Tosender Applaus: zu Recht.

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