Die Kepler-Kantate

Eine Oper ist es eher nicht geworden. Das liegt keineswegs an Philip Glass – der hat für Linz09 im Prinzip das komponiert, was er immer komponiert. Dabei ist ein dichtes, grandioses Stück Musik herausgekommen. Aber eine Oper?

Der ORF nahm sich ein hohes Beispiel an der MET und übertrug LIVE in HD aus dem Landestheater in Linz. Es war denn auch direkt rührend, wie sehr man sich ans Vorbild hielt. Obwohl es im ersten Akt einen zeitweiligen Ausfall eines Mikrofons just beim Hauptdarsteller gegeben haben dürfte – denn es sah ganz genau so aus, als sänge er, doch war nichts zu hören.

Welcher Teufel auch immer die Verantwortlichen geritten hat, der Puppentheaterspielerin Martina Winkel den Auftrag zum Libretto zu übertragen – man weiss es nicht -, doch herausgekommen ist dabei nichts, was man zu einer Oper im weitesten Sinn machen hätte können: ihre Textschnipsel-Sammlung birgt durchaus Spannendes, die Auseinandersetzung mit den Werken des Astronomen Kepler und des Dichters Andreas Gryphius ist offenbar halbwegs profund, wenn es auch insgesamt nur bedingt intelligent ist. Allein: es ist keine Handlung da.

Kepler ist folglich eher eine Kantate, die man auf die Bühne gestellt hat. Und das Brucknerorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Dennis Russel Davies ist ein ausgewiesen kompetenter Klangkörper für das Werk von Philip Glass – man hat gemeinsam schon Symphonien des Amerikaners uraufgeführt und etliche Opern produziert.

Insoferne ist dieser Kepler eine gelungene Reise in den musikalischen Kosmos Glass’. Und dank der energetischen Chor-Passagen entlang der Gryphius’schen Lyrik – gegen Ende des ersten Aktes im Vanitas! Vanitatum Vanitas! oder im zweiten Akt in der Schilderung der Greuel des Dreißigjährigen Krieges – erweist sich auch die Einbeziehung des Zeitkolorits als überaus fruchtbar. Als Textkompilatorin hat die vermeintliche Librettistin durchaus was zutage befördert.

Allein: die Regie – Peter Missotten zeichnet auch für Bühne und Video verantwortlich – kämpft auf recht verlorenem Boden: da gibt es eigentlich nichts zu tun für einen Regisseur. Kepler rennt auf die Bühne, rennt von der Bühne – ja: er ist ein Rastloser. Der Chor tritt auf, der Chor tritt ab; manchmal legt er sich ein Wenig hin. Dann steht er wieder auf. Die sechs Mitsänger – ohne weitere definierte Rollen – steigen kleine Treppchen empor, steigen diese Treppchen wieder runter. Ach ja: das Ganze dreht sich beinah fortwährend. Die Linzer haben natürlich auch eine Drehbühne. No na.

In der Szene, in der Kepler den Weg seiner Entdeckungen beschreibt, wird der halbe Schnürboden herabgelassen, sodass der Forscher das Gewirr aus Kabeln, Mechanik, Scheinwerfern und dergleichen als Kulisse nutzen kann, um – ja: – Experimente mit Kreppband zu machen, während er sich in der Beschreibung der Planetenbahnen vom Kreis zur Ellipse bewegt. Ein auf dieser durch und durch technisierten Bühne störend kindlicher Einfall, der obendrein auch aller seiner Illustrationskraft verlustig geht, wenn die gequetschte Rolle des Kreppbands beim Oval ganz gleich ausschaut wie bei der Ellipse.

Immerhin: Martin Achrainer singt den Kepler klar und ausdrucksvoll. Einer tieferen Verkörperung von so etwas wie Rolle stehen jedoch entgegen: das Nicht-Libretto, die schematischen Gesangsanforderungen der Partitur, die fahrige Ideenkargheit der Regie. Der junge Mann kann da beileibe nichts dafür.

Die sechs Mitsänger waren: die Soprane Cassandra McConnell und Karen Robertson, Mezzo Elsa Giannoulidou, der Tenor Iurie Ciobanu, der Bariton Seho Chang und Bass Nikolai Galkin. Besonders Cassandra McConnell und Elsa Giannoulidou bestachen durch beinah so etwas wie Lyrik inmitten der mechanistischen Gesangskaskaden.

Hevorzuheben sind aber das Brucknerorchester und der Chor des Hauses – der in der Einstudierung von Georg Leopold wahrhafte Erschütterung zu vermitteln vermochte. Diesen Damen und Herren danken sich die besten Momenten des Abends.

Nimmt man es ob seines lausigen Librettos nicht als Oper sondern als Kantate, dann hat Kepler das Zeug zu einer Erhellung.

Und Linz ist dann doch gar nicht so schlimm, wie man meint. Der ORF aber beging den faux pas des Abends: eine scheussliche Werbesendung für die Stadt- und Landespolitik zum Thema Neues Musiktheater in der Landeshauptstadt. Und das in Überlänge. Aber das ist wohl der Preis dafür, wenn man verschenkte Karten nimmt – das Experiment war immerhin gratis: Danke also.

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