Die Parallelen schneiden sich nicht in Österreich

Ein gewisser Johannes Kramer, zunächst angehender und dann fertiger Arzt in Wien, hat nicht erst unter den Nazis zu leiden, weil er Jude ist. Schon bevor Hitler in Österreich einmarschieren läßt, kämpft er um Stellung und Karriere, um die Möglichkeit, seiner medizinischen Forschung nachgehen zu können – doch auch im klarikalfaschistischen Österreich der Ära Dolfuß’ und Schuschniggs gibt es keine Fortkommenschancen für jüdische Ärzte.

Hier schreibt einer, der es selbst genauso erleben mußte: Johannes Kramer ist die autobiografische Figur des Paul Engel, geboren in Wien 1907, noch vor dem ersten Weltkrieg, in einer Reichhaupt- und Residenzstadt, in der es die Juden noch besser hatten. Das sie beschirmende Regime der Habsburger-Kaiser bricht zusammen, die Republik hat nicht viel Freude mit der Demokratie und träumt statt dessen von Revolution und rechter Diktatur.

In diesem Wien leben, lieben und arbeiten Romanfigur und Autor. Die Situationen laufen aus dem Alltäglichen immer spitzer zu auf den (längst mehr als latent vorhandenen) Antisemitismus und die über die Grenzen herüber drohende Machtentfaltung des Hitlerismus im Deutschland nach 1933, bis schließlich diese apokalyptische Welle auch über Österreich schwappt.

Die Dialoge exilierter deutscher Juden mit ihren in Wien noch gut und behütet sitzenden Verwandten, die veränderlichen Einschätzungen der Lage über die im Buch beschriebenen Jahre hin, der sture und beinah verzweifelte Glaube an die Abwendbarkeit des heranrollenden Unheils wirken authentisch, wenn sie vielleicht auch dramaturgisch gefiltert und gehäuft sein mögen. Auch die plötzliche Unmöglichkeit, aus dieser nunmehr deutschen Ostmark auszureisen, wenn man Jude ist, ereignet sich glaubhaft an den Personen. Wie sein Autor wandert schließlich auch Johannes Krames nach Südamerika aus – weil es sonst absolut keine Länder mehr gibt, die einen Juden aus dem Deutschen Reich aufnehmen wollen.

Als Autor, zu dem er sich später in Ecuador entwickelte, nannte Paul Engel sich Diego Viga. Er kehrte nie bleibend nach Wien zurück, schrieb etliche in Lateinamerika angesiedelte Romane und vor allem Die Parallelen schneiden sich (leider nur mehr antiquarisch), seine eigene Geschichte als junger Mediziner und vom Hitlerismus betroffener Jude, als Emigrant und angehender Schriftsteller.

Viega schrieb sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch, darunter eine Fortsetzung der Parallelen namens Das verlorene Jahr, das im Jahre 1947 in Bogotá spielt und die ernüchternde Erkenntnis unter den Emigranten schildert, dass ihr Exil keine nur vorübergehende Zetispanne dauert, dass es mit dem Ende des Faschismus gleichfalls zu Ende wäre: in diesem Jahr der Hoffnung nach dem Krieg müssen sie ein verlorenes Jahr erkennen.

Diego Viega ist einer der vielen vergessenen Autoren, die ihre Wurzeln in Österreich hatten und vom Faschismus vertrieben wurden. Kurioserweise liegen die meisten Titel nur in vergriffenen Ausgaben aus der DDR vor. In Österreich hat man sich um Viega nie gekümmert.

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