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Die Reduktionismuskeule

Man wirft aus Kreisen der Philosophie den Wissenschaften gerne vor, ein reduktionistisches Weltbild zu etablieren. Konkret geht es darum, dass vorgeblich die Wissenschaften alles und jedes aus den Grundlagen von Physik, Chemie und Biologie zu erklären versuchen. Für den Geist bleibt da nur die Rolle einer Emanation des physischen Gehirns. Und daran reiben die Philosophen sich gerne, da sie befürchten (müssen), dass ihnen ein wesentliches Steckenpferd ihrer Profession abhanden komme.
Das Kernargument, also das eigentliche Keulenschwingen der Philosophen, geht ungefähr so:

eine bestimmte naturalistische Weltanschauung, die eine hierarchische Beziehung unter den Gegenständen dieser Wissenschaften postuliert und durch ihre Vereinigung die grundsätzliche Vollständigkeit einer Erklärung für alles im Universum geltend macht

um gleich Thomas Nagel zu zitieren (Geist und Kosmos, 12).

Hier wird eine ellenbogenstoßende Kumpelei genutzt: ist doch klar, dass wir unvollkommene Menschen nicht den finalen Gesetzmäßigkeiten des Universums auf die Schliche kommen können. Und dem kann man gesunden Geistes auch nicht wirklich widersprechen. Selbst wenn wir nahezu unendlich Zeit haben werden, unsere Forschungen zu verfeinern, werden wir uns der Wahrheit in diesem absoluten Sinn nur auf eine unendlich knappe Distanz zu nähern vermögen. Davon können wir ausgehen.

Der Fehler, bei dem der Kritiker seinerseits reduktionistisch vorgeht, ist es aber, der Wissenschaft dieses Ziel zu unterstellen. Man verwechselt hier den Traum so mancher Optimisten, die man als Gläubige der wissenschaftlichen Omnipotenz bezeichnen könnte, und die historisch zweifellos belegbare Hoffnung auf eine Allformel mit dem, was Wissenschaft tagtäglich tut.

Das Ziel der Gehirnwissenschaften ist es nicht, die Welt auf eine Formel zu reduzieren. Ihr Ziel ist es vielmehr, herauszufinden, wie ein chemisch-elektrisches Organ wie das Gehirn ein Phänomen wie den Geist hervor bringt.

Wir haben nun große Probleme damit, zu definieren, was eigentlich dieser Geist ist – und der wesentliche Teil der Probleme stammt aus Theologie und Philosophie.

Um das zu exemplifizieren: man kann das Selbstbewußtsein, das zweifellos nicht nur Menschen sondern auch Tiere haben, indem alle diese Lebewesen auf eine lebenswichtige Art wissen, wo sie selber anfangen und aufhören (auch wenn junge Katzen gerne ihrem eigenen Schwanz nachjagen), als eine lebensnotwendige Funktion eines beweglichen Bioorganismus verstehen, ähnlich wie den Gleichgewichtssinn für einen aufrecht Gehenden. Man kann natürlich aber diesem Selbstbewußtsein noch eine Menge an Überbau aufpfropfen und dann sagen, das ließe sich aber nicht auf eine biologische Funktion reduzieren. Die Frage ist im Gegenteil: interessiert der Überbau denn überhaupt irgendwen?

Wir haben es hier schlicht mit der Vermengung verschiedener Begrifflichkeiten zu tun – ein Taktik, die Philosophen und Theologen gerne anwenden. Da wird gleich weit ausgegriffen in die Sphären des Rechts, der Soziologie und der Politik. Da lässt sich leicht Um Gottes willen! rufen.

Anstatt wolkig zu spekulieren, wollen Gehirnforscher einfach nur herausfinden, wie es zu einem vermeintlich geistigen Phänomen kommt. Wie erzeugt der doch eindeutig biologische Körper diese auf den ersten Blick recht abstrakten Nicht-Dinge? Hier wird ein platonischer garstiger Graben vermutet, über den man nicht springen könne. Das ist philosophisch gedacht. Es hat aber nichts damit zu tun, dass wir trotz nahezu 3.000 Jahren Philosophiegeschichte eines untersuchbaren Gegenstandes Geist ermangeln. Das andere Ufer des Grabens liegt im Nebel. Es darf also zurecht gezweifelt werden, dass da überhaupt eins ist.

Es gibt hier offenbar ein fundamentales Methodenproblem: die Wissenschaften arbeiten aufgrund von Hypothesen, die sie nicht bloß für verbesserungswürdig sondern sogar verbesserungsbedürftig erachten. Sie suchen schon länger nicht mehr nach Wahrheit als absolutum sondern nach wahrheitsähnlichen Befunden. Ein gutes Beispiel ist die Newton’sche Physik: es hat sich erwiesen, dass sie keineswegs universell gültig ist. Dennoch erfüllt sie unter den Rahmenbedingungen dieses unseres Planeten auch in der reduzierten Form, die Newton ihr gab, ihren Zweck: sie ist eben nicht falsch sondern ein Sonderfall einer übergeordneten Physik.

Die Wissenschaften haben einen solchen Verbesserungsantrieb eingebaut. Man kann – wie Popper – so weit gehen, den Anbeginn all dessen bei Parmenides zu verorten. Das aber wäre eine andere Diskussion.

Die Philosophie dagegen kämpft sich mit Absolutismen ab, und ihr Schlechthinigkeitsmodell hat sich noch niemals als tragfähig erwiesen. Wenn man die absolute Wahrheit haben möchte, kann man genausogut in die Kirche gehen. Dieser Zweig der Philosophie läuft Gefahr, gemessen an den Wissenschaften ins Esoterische abzugleiten.

Wenn man das Modell einer Zweiteilung in Geist und Körper stützen möchte, würde der ehrliche Weg wohl eher da entlang führen, etwas Angreif- und Untersuchbares zu finden, das diesem Geist entspricht. Allerdings ist diese Suppe bislang sehr, sehr dünn geblieben – genaugenommen wie destilliertes Wasser.

Lassen wir Thomas Nagel auf sich selber schießen (Geist und Kosmos, 73):

Bei der Erklärung geht es anders als bei der Verursachung nicht bloß um ein Ereignis, sondern um ein Ereignis unter einer Beschreibung. Eine Erklärung muss zeigen können, warum es wahrscheinlich war, dass ein Ereignis dieses Typs erfolgen würde.

Hier wird ganz offenbar der Blick zurück mit dem Blick nach vorn verwechselt: nur und ausschließlich retrospektiv können wir einen Weg erkennen, der von irgendeinem Ausgangspunkt zu unserem heutigen Standpunkt führt. Also etwa von der Ursuppe zur Entwicklung der Arten. Für einen Einzeller, der vom anderen Ende kommt, stellt sich das Wegenetz als undurchdringlicher Filz von Möglichkeiten dar: es gibt so viele Möglichkeiten, und es werden exponentiell mehr, je weiter in die Zukunft dieser Einzeller blicken möchte. Das kann man sich – auf einer logarithmischen Skala stark reduziert – vorstellen wie ein Schachspiel, dessen alle mögliche Varianten man vor dem ersten Zug durchdenken möchte (wobei das Schachspiel sozusagen endlicher ist als das Einzellerproblem). Aus dieser Sicht ist für den Einzeller die Erreichbarkeit eines philosophietreibenden Organismus namens Thomas Nagel ganz und gar unwahrscheinlich.

Der Kritisierte wird aber darauf bestehen, dass seine Existenz als Faktum anzusehen ist. Wir haben es mit sehr langen Entwicklungszeiträumen zu tun, sehr vielen Generationen, einer unbekannten Zahl an Mutationen – solchen, die sich bewahrt oder bewährt haben, und solchen, die es nur unterschiedlich lange geschafft haben, fortzubestehen – und so kleinen Wahrscheinlichkeiten, dass man gerundet von Zufall sprechen kann.

Es liegt jenseits unserer Rechenkapazitäten, allein die Anzahl möglicher Entwicklungen dieses unseres Universums – wenn es denn nur eines ist – zu berechnen. Schon winzige Abweichungen irgendwo in der langen Entwicklungsgeschichte hätten vermutlich zu einer anderen Variante geführt.

Bei der Frage nach dem Funktionieren des Gehirn-Geist-Zusammenhangs kann man nicht von einem singulären Ereignis ausgehen, dem eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet werden könnte, sondern muss von einer sehr, sehr langen Kette von Ereignissen ausgehen, die insgesamt eine verschwindend geringe – sozusagen unendlich kleine – Eintrittswahrscheinlichkeit hat.

Die Frage ist aber, welche Wahrscheinlichkeit ließe sich einem Phänomen Geist als vom Körper separierter Entität zuordnen? Ehrlicherweise, da es keinen Nichtexistenzbeweis gibt, eine ebenfalls unendlich kleine. Allerdings gilt im Licht der bisherigen Wissenschaftsgeschichte:

p ( Geist als Entität ) < p ( Geist als Körperfunktion )

und das bedeutet: auch wenn beide Wahrscheinlichkeiten furchtbar klein sind, lassen sie sich reihen. Unter Anwendung des Bayes’schen Theorems kann man alle irgendwie sachdienlichen Hinweise zugunsten des einen wie des anderen Falles in die Waagschale werfen: da gibt es eindeutig mehr Material zugunsten des vermeintlich reduktionistischen Konzepts.

Was bedeutet aber eigentlich der Vorwurf des Reduktionismus?

Er bedeutet, dass nach Annahme einer reduzierenden Theorie etwas weg wäre, das vorher da gewesen ist. Man kann getrost die Geschichte mancher Konzepte oder Weltsichten zum Vergleich heranziehen: genauso wenig wie es der Wissenschaft ein Anliegen ist, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen, ist sie bisher auf ein Problem gestoßen, das leichter zu lösen wäre, indem man Gott in die Gleichungen einsetzte. Mit dem Geist als separate Entität wird es sich vermutlich in absehbarer Zukunft nicht unähnlich verhalten.

Die Reduktionismuskeule funktioniert mithin ähnlich wie weiland der Häresievorwurf. Der Unterschied der historischen Situation besteht zum Glück darin, dass es – außerhalb einiger islamisch geprägter Gesellschaften – nicht mehr Usus ist, dem Vorwurf ein Autodafe folgen zu lassen.

Wie man heute Gott für ein irrelevantes Konzept halten darf, wird man den Geist der Philosophen auch irgendwann für irrelevant halten dürfen. Das hält aber ausdrücklich den Bereich persönlichen Glaubens frei für jeglichen Gestaltungswillen.

Persönliche Nachbemerkung

Ich verstehe mich als Philosoph. Wenn ich hier plakativ und abkürzend Philosophie gegen Wissenschaft gestellt habe, dann nicht etwa aus grundlegender Gegnerschaft zum Philosophieren. Ich bin aber der Überzeugung, dass in der Philosophie seit jeher ein Wildwuchs an Konzepten herrscht – was sie interessant macht – und leider manche von diesen sich fortschrittsbehindernd ausgewirkt haben und auswirken.

Ich möchte auch Thomas Nagel gar nicht vorwerfen, dass er sein Buch aus Gründen des public appeal mit den Reizworten materialistisch und neo-darwinistisch gespickt hat. Beide Begriffe sind aber im Lichte der öffentlichen Diskussion als Brandmarken zu verstehen, als Vorverurteilungen, Vorurteile.

Wissenschaft ist nicht materialistisch im Sinne einer Ideologie. Sie verfolgt nicht stur Wege, die gezielt an nicht-materialen Dingen vorbei führen würden; es sind einfach keine nicht-materialen Gegenstände für die Wissenschaft zu finden.

Natürlich ist Wissenschaftsgläubigkeit eine Form des Glaubens und vermutlich auch nicht besser als der Glaube an Übersinnliches, vermutlich sind beide Ausprägungen nur die extremen Enden eines Gegensatzes. Man kann die Welt durchaus so sehen. Man kann allerdings auch daran arbeiten, im Konkreten etwas weiter zu bringen.

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