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Die Stiege im Neunten

Nach vier Folgen kann wohl das Experiment einer Seifenoper auf Basis der Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als gelungen bezeichnet werden, wenn auch nicht in allen Facetten:

Das Schauspielhaus liegt sinnigerweise in der Porzellangasse: in welcher Umgebung auch viel von der Handlung des Romans spielt, viele der Protagonisten wohnen – und nicht zuletzt auch die namensgebende Stiegenanlage liegt.

Das Konzept ist bestechend, und die Umsetzung macht jedesmal Spaß! Es gibt wenig von störenden Mißtönen oder -griffen zu berichten… Es ist ein Kammerspiel, in dem mit dem theatralischen Mittel des Augenzwinkerns viel umgesetzt werden kann, was auf einer Bühne eigentlich gar nicht geht.

Da ist allein schon die Sprache des Romans, die Doderer – unabhängig von den Inhalten, die manch einen schon zur Bezeichnung als Trivialliteratur verleitet hat – als einen Stilisten und Virtuosen der deutschen Sprache mit penibler Bewahrung eines durchaus heimischen Einschlags ausweist, der aber dennoch seine Wurzeln in der Deftigkeit des lokalen Kolorits niemals vergessen oder verdrängt hat.

Es entwickelt sich eine seltsame, für das Theater wohl ungewohnte Kraft der Worte, die im familiären Rahmen aber der Schneiderei mit ihren wenigen Sitzplätzen geradezu greifbar lebendig wird: das Weitläufige der doderer’schen Satzkonstruktionen darf leben, wenn es auch bisweilen von den Schauspielern leichtfertig verstolpert wird.

Es herrscht die Improvisation, und sie tut gut, denn man könnte das ganze Unterfangen ja auch respektvoll und ernst angehen. So aber wechseln einander Momente heiterer Ungezwungenheit mit solchen ab, in denen man in einen Bann gezogen wird, wie ich ihn selbst vom vielmaligen Lesens dieses meines Lieblingsbuches nicht kenne!

Im Schlüpfen in allerhand Rollen – denn an Personen ist Doderer’s Universum reich – vermögen die vier Schauspieler Talent um Talent auszuspielen, das komische, kokette, dämliche, deutsche, biedere und all die anderen… Angela Ascher, Marion Reiser, Johannes Zeiler und der phänomenale Christian Dolezal liefern zwischen grinsender Überzeichnung und kammerspielhafter Eindringlichkeit ein Panorama, wie es von Doderer selbst hätte stammen können.

Bisher:
1. Folge: Schöne Beine (S. 9-150) – Regie Daniela Kranz
2. Folge: Reifes Obst (S. 151-225) – Regie Julie Pfleiderer
3. Folge: Rendez-vous im Badezimmer (S. 225-295) – Regie Rudolf Frey
4. Folge: Champagner ins Blut (S.295 – 355) – Regie Eike Hannemann

Lediglich in Folge 4 waren einige nicht aus der Vorlage stammende Einspengsel festzustellen, etwa die Rolle eines Kaffeehausobers, der zwar recht prototypisch grantig für die heutige Zeit ausfiel, in die damalige wohl kaum passte. Dafür war der Regieeinfall, vor Geräuschkulissen zu arbeiten, die von den jeweils nicht von der Handlung beanspruchten Schauspielern publikumswirksam erzeugt wurden, grandios.

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