Man sollte geflohen sein, bevor es los geht

Nun ist die englische Musik nach Purcell – wenn man Händel nicht für sie reklamiert – eine einzigartig flache Angelegenehit, doch Edward Elgar ist ganz ohne Zweifel ein Komponist, der an jeder Olympiade der musikalischen Langweiler als Medaillenhoffnung Großbritanniens teilnehmen kann.

Wenn die Wiener Symphoniker in umfangreichster Besetzung gemeinsam mit der vollständigen Wiener Singakademie aufs Podium marschieren, könnte man sich ja einen wunderbaren Abend versprechen; ist der Dirigent allerdings James Judd, dann kann es passieren, dass er Elgar mitgebracht hat. Stellt sich dann auch noch heraus, dass dessen abendfüllendes Oratorium The Dream of Gerontius auf dem Programm steht, sollte man eigentlich geflohen sein, bevor es los geht.

Man beachte die Entstehungszeit dieses Werkes: 1899/1900 lag die Uraufführung von Mahlers zweiter Symphonie, ebenfalls mit großem Chor, bereits fast fünf Jahre zurück. Elgar bewegt sich in einem musikalischen Raum, der den Staub von mehr als sechzig Jahren angesetzt hat. Aber aus einem Mendelssohn-Bartholdy könnte man ein gutes Dutzend Elgars machen, ja sogar aus einem Brahms noch etliche. Was aber wirklich bedauerlich ist: in Wien gab es an ebendieser Jahrhundertwende einen Haufen dilettierender Hofräte, die gleichwertiges zustande brachten aber wohlweislich nicht gespielt werden. Wozu dann einen britischen Erzdilettanten importieren?

Es ist gelinde gesagt ein Drama, wie viel musikalisches Können da sinnlos vergeudet wird – der Ausführenden nämlich, die gezwungen sind, eine Musik aufzuführen, die kaum Tiefe, gar keine Spannungsmomente und nur ganz wenige Blitze von Ideen aufzuweisen hat. Man muss geschlagene fünfzig Minuten ausharren, ehe es zum ersten Mal halbwegs spannend zugeht in dieser Partitur. Wohl, Elgar hat seinen Kontrapunkt gelernt, eine hübsche Doppelfuge gibt’s im Chor zu hören, wie überhaupt dem Chor die interessantesten Passagen übertragen sind. Auch Wagners Leitmotivik geistert durch das Werk. Schön. Und was neues?

Darüber ist natürlich kein Urteil mehr möglich, ob die Solisten Michael Fabiano, Tenor, und Mark Stone, Bassbariton, gut oder schlecht oder auch nur mittelmäßig agieren. Einzig Mezzo Karen Cargill scheint zu dem verheerenden Eindruck aus eigenem beizutragen. Eineinhalb Stunden Zeitverschwendung insgesamt.

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