Archiv

Ein Dokument aus unsicherer Zeit

Auch dem gesetzten Philosophen passiert es – und gerade einem, der sich vor dem Schreiben über die Gegenwart nicht scheut –, dass er fatal im Irrtum liegt. Bertrand Russell, der ein – nicht nur philosophischer – Vielschreiber war, hat im Jahre 1918 kurz vor Ende des Weltkriegs ein Büchlein veröffentlicht, das sich – in der damaligen Zeit vielleicht verständlich – recht blauäugig mit dem Sozialismus und seinen Erscheinungsformen auseinander setzte.

Nicht dass Russell keine tiefgreifende Analyse der Philosophie von Marx zuwege gebracht hätte! Da jedoch das Buch Wege zur Freiheit. Sozialismus, Anarchismus, Syndikalismus nicht als philosophischer Text konzipiert ist, erspart Russell sich und seinen Lesern eine Vorlesung über Materialismus, sondern referiert nur mit britisch distanzierter Nonchalance die Positionen.

Zu Marxens Hauptwerk, dem Kapital, äußert Russel sich überaus knapp:

Diese Theorie ist sehr kompliziert und in dieser Form als ein Beitrag zur Nationalökonomie kaum aufrechtzuerhalten. Man muss in ihr vielmehr das in abstrakte Ausdrücke übertragene leidenschaftliche Engagement sehen, mit dem Marx das System verurteilte, das aus Menschenleben Profit schlägt.

Er konzediert jedoch, dass das Werk in jenen Teilen, wo es die furchtbaren Auswüchse der Ausbeutung und Entrechtung britischer Proletarier beschreibt, ein Dokument ersten Ranges ist, wenn es auch dazu dienen mag, so Russell,

… seinen Anhängern jenen starken und unerbittlichen Hass einzuflössen, der sie zu ‘Soldaten’ macht, die im Klassenkampf den Tod nicht scheuen.

Marx’ Werk wirft für Russell zwei Fragen auf:

Erstens: Trifft sein Gesetz der historischen Entwicklung zu? Zweitens: Ist Sozialismus wünschenswert? Die zweite Frage ist völlig unabhängig von der ersten. Marx versichert zu beweisen, dass der Sozialismus kommen muss; aber er erörtert kaum einmal, ob er eine gute Sache sein wird, wenn er kommt. Es könnte jedoch sein, dass er, wenn er kommt, eine gute Sache sein wird, auch wenn Marx’ Beweisführung, dass er kommen muss, nicht schlüssig sein sollte.

Russell trennt hier mit feiner Klinge die uns heute so ursprünglich erscheinende Verfilzung von Marx und Sozialismus auf – gar keine schlechte Idee im Übrigen.

Russell ist ein viel zu versierter logischer Denker, Co-Author der Principia Mathematica, als dass ihm die gewaltsame Verbiegung der Realität in Marxens Pseudowissenschaft entgangen sein könnte:

Dass die Entwicklung in vielen Punkten seine Prognosen bestätigt hat, belegt zwar seinen ungewöhnlichen Scharfsinn; aber weder in der politischen noch in der ökonomischen Geschichte haben sich jene Verhältnisse herausgebildet, die seiner Ansicht nach hätten eintreten müssen.

Der erste Teil des Satzes referiert noch einen Status, wie er knapp vor dem Ende des ersten Weltkriegs, einer Situation recht ungewisser Zukunft, bestand, als die Mittelmächte nach dem Frieden von Brest-Litowsk mit Russland noch kurz davor zu stehen schienen, diesen Krieg auch zu gewinnen.

Generell scheint diese unsichere Situation der Kriegslage verantwortlich für Russell’s Optimismus, was das Kommen einer sozialistischen Gesellschaftsordnung anbelangt. Und der Status des Kapitalismus war zu jener Zeit, verdeckt durch Nationalismus und enorme Rüstung, näher an den Verfallstendenzen, die Marx ihm andichtete, als das heute der Fall ist.

Man kann lange darüber diskutieren, ob dieser unselige erste Weltkrieg ein ökonomischer Krieg war, damit einer des Kapitalismus, oder nicht eher einer, der von zwei im Abstieg befindlichen Herrscherhäusern mutwillig vom Zaun gebrochen wurde, von denen eines, das Haus Hohenzollern, überdies mit der Ausrede wirtschaftlicher Notwendigkeiten argumentierte.

Es gab nun in der Tat einen Aufschwung sozialistischer Kräfte in der Nachkriegszeit – die wir aus heutiger Sicht die Zwischenkriegszeit nennen müssen –, da sich nicht nur in der Sowjetunion der Kommunismus, sondern auch in Italien und dann Deutschland und Spanien rechte Degenerationsformen des Sozialismus – wie das Friedrich August von Hayek in seiner Studie Der Weg zur Knechtschaft dargelegt hat – herausgebildet haben.

Russells Darstellungen des Anarchismus und der Theorien Bakunins und Kropotkins sowie des Syndikalismus in Großbritannien sind lesenswert als knappe und faire Referate, wenn auch des Autors Hang, den Guild Socialism britischer Prägung zu favorisieren, eindeutig durchklingt.

Der zweite Abschnitt des Buchs ist Fragen der Zukunft übertitelt und widmet sich den Aufgaben, die auf eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung warten, sowie den Problemen, die ihr drohen.

Man könnte es Humanismus nennen, und Russell war gewiss ein Philantrop, wie er sich Sorgen macht um das Zurechtkommen des Einzelnen in einer Gesellschaft, die eine primär ökonomische Ausrichtung und Begründung hat; in diesen Überlegungen spiegelt sich aber auch, bei der generell dem Kommen einer neuen Gesellschaftsordnung freundlich gegenüber stehenden Haltung Russells, eine zum Zeitpunkt der Abfassung offenbar schon weit gediehene Atmosphäre der Freiheit und Offenheit, die sich in Großbritannien dem Individuum bietet. Denn Russell legt gezielt den Finger auf diese Wunde des Sozialismus: was wäre mit den kreativen Kräften in Wissenschaft und Kunst, wenn eine sozialistische Gesellschaft sich primär der Steigerung des materiellen Wohlstands verschriebe, mit den Künstlern, Dichtern, Wissenschaftern, den Luftikussen wie den Genies?

Solche Menschen sind vom Glück mehr begünstigt als die Masse, und in ihnen ist ein erheblicher Teil der allgemeinen Summe der Werte konzentriert. Ein Gesellschaftssystem, das sie unproduktiv machen würde, wäre entlarvt, welche anderen Verdienste es auch immer hätte.

Schaut man das Beispiel der frühen Sowjetunion an, so lässt sich ein nachgerade verwunderliches Aufblühen in Kunst, Literatur und Musik beobachten, als wäre lediglich der erstickende Schleier des Zarismus fortgenommen worden; in der Realität ist es aber ein neuer Schleier, der die einen für eine – wie wir heute wissen – kurze Blüte freiließ, viele andere jedoch verdarb, vertrieb und erstickte.

Das hängt mit der Frage nach Regierung und Gesetz zusammen. Russell kann im Anarchismus, der die vollkommene Freiheit von Regierung und Gesetz fordert, keine realistische Chance erkennen, dass sich das auch zu halten vermöchte, und er legt dar, dass es nicht nur Kranke und Kriminelle gebe, vor denen eine jede Gesellschaft sich zu schützen bedürfe, denn die befriedende Einsicht sei bei jenen ja nicht gegeben, sondern auch solche Menschen, die ihre Freiheit möglicherweise so verstehen möchten, dass andere ihnen Untertan sein sollten – kurz, Feinde der freien Ordnung. Gegen solche müsse doch auch der Anarchismus seine Anhänger schützen, räsonniert Russell – und legt damit erneut den Finger auf ein gar nicht kleines Problem:

Wenn die Gesellschaft Gewalt anwendet, um bestimmte Handlungen durch das Strafgesetz zu verhindern, muss sowohl feststehen, dass diese Handlungen wirklich sozial schädlich sind, als auch, dass die Behandlung von „Verbrechern“ vom Schulddenken befreit und von demselben Geist inspiriert ist, der sich bei der Behandlung von Krankheiten zeigt.

Das mag für den Anarchismus und zum Großteil für den Syndikalismus zutreffen. Nun hat aber andererseits der Sozialismus gar nicht vor, die „bürgerliche“ Freiheit in den Mittelpunkt seiner Ordnung zu stellen, sondern lediglich, eine ökonomische Befreiung des Proletariats herbeizuführen, welche durchaus mit der Expropriation der Expropriateure einhergehen werde, so kündigt es jedenfalls das Kommunistische Manifest an.

In der Definition sozial schädlichen Handelns allerdings liegt ein ausgewachsener Gulag auf der Lauer, denn die Abschaffung des Privateigentums bringt zwangsläufig die gewaltsame Umerziehung oder gar Vernichtung der besitzenden Klasse mit sich, von der unweigerlich mit dem schleppenden Erfolg der Umgestaltung – der wiederum absehbar ist wie das Amen im Gebet – einher gehenden Paranoia der Umgestalter gar nicht zu reden; dabei muss die Diktatur des Proletariats noch nicht einmal in eine Diktatur einer Elite oder Partei umschlagen, wenngleich es schwer ist, wie man sich das sonst vorstellen sollte. Eine Rätedemokratie – und wohl auch der von Russell favorisierte Guild Socialism – würde sich rasch selbst ad absurdum führen:

Die Syndikalisten betrachten die Menschen mehr als Produzenten denn als Konsumenten. Sie beschäftigen sich mehr damit, Freiheit für die Arbeiter zu schaffen, als den materiellen Wohlstand zu mehren.

Im anderen Extrem könnte man sagen, beschäftigt sich der Sozialismus mehr damit, die bestehende Ordnung und alle Arten privater Besitzverhältnisse zu zerstören, als etwas aufzubauen. Marx selbst überlässt die künftige Gesellschaft im Sozialismus sozusagen einer creatio ex nihilo. Sie wird dann schon irgendwann da sein. Ja, ja.

Im Kern der Bemühungen aller dieser Richtungen steht aber ökonomische Gerechtigkeit, Gleichheit der materiellen Bedingungen für alle Menschen. Das ist zunächst, aus der Perspektive verarmter Gesellschaftsschichten, nur allzu verstehbar. Die Distribution des Wohlstands ist – schon gar zu Lebzeiten Marx’ – gelinde gesagt schief; bei der Gerechtigkeit scheiden sich aber schon die Geister. Denn selbstredend findet Russell den Punkt, an dem die Gleichheit scheitern muss, den unterschiedlichen Anlagen und Fähigkeiten der Menschen, des einzelnen. Doch das Individuum scheint es im sozialistisch geprägten Denken nicht zu geben, bei Marx schon einmal überhaupt nicht.

Selbst am ökonomischen Kern einer sozialistischen Gesellschaftsordnung findet Russell den Punkt, an dem es hörbar knackt:

Die erste Frage lautet: Muss die Gesellschaft für schwere oder sozial wertvolle Arbeit höheren Lohn zahlen, damit solche Arbeit in ausreichendem Maß erbracht wird? Die zweite Frage heißt: Kann Arbeit so attraktiv gemacht werden, dass sie in genügendem Ausmaß verrichtet wird, selbst wenn Müßiggänger den gleichen Anteil am Arbeitsprodukt erhalten?

Die Antwort des Sozialismus, wie sie schon das Kommunistische Manifest gibt, lautet einfach: Arbeitszwang. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Das kommt einem irgendwie bekannt vor. Mithin aber kann sich eine sozialistische von einer kapitalistischen Gesellschaft nur noch darin unterscheiden, welche der beiden wie viel Güter produziert und an wie vielen Gütern sie den Einzelnen teilhaben lässt.

Russell wirft aber auch das Problem der Entwicklung auf; man kann nicht davon ausgehen, dass eine Gesellschaftsordnung vom Himmel fällt, in der es keinerlei Bedarf oder Möglichkeit für Verbesserungen gibt, selbst wenn man das auf den überschaubaren Bereich der Güterproduktion beschränkt: gebührt demjenigen, der über die Verbesserung der Produktion nachdenkt und zu ihr beiträgt, eine Belohnung? Ist ein Anreiz nötig? Russell selbst scheint das für gegeben zu halten und sucht daher nach einer Lösung. Aber hier denkt bereits der Philosoph und nicht mehr der Sozialismus. Innovation ist bei Marx nahezu ausschließlich eine Bosheit der Kapitalisten, im Sozialismus fällt sie, wie dieser selbst, einfach vom Himmel und den Werktätigen in den Schoß. Man kann auch die Ökonomie kaum unreflektierter betrachten, als Marx dies tat.

Russells Optimismus hielt diese Punkte damals für lösbar. Ob sie es jemals waren?

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Reply

  

  

  

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.