Ein sehr soignierter Wüstling

Dass Nikolaus Harnoncourt sich der Moderne annimmt, mag vielleicht selten sein, kommt aber des öfteren vor. Ich liebe etwa seine Bartók-Einspielungen.

Im Theater an der Wien, das immer mehr der Staatsoper den Rang abzulaufen beginnt, bringt er Igor Stravinskij auf die Bühne: des Pariser Russen Musik ist sehr zeiten- und weltgengewandt, nirgendwo vordergründig modern oder auch nur modisch. Seine Oper The Rake’s Progress beginnt – formengeschichtlich – tief im Barock mit Rezitativ und Arie des Tom Rakewell, gesungen von einem darstellerisch leicht indifferenten Toby Spence, doch auch Menuett und Sarabande zitiert der Meister nicht nur, er verleibt sie seinem ureigensten Kosmos ein. Insoferne durfte Nikolaus Harnoncourt sich hier gleich mehrfach zuhause fühlen.

Umgekehrt war die Musik in seinen Händen ausgesprochen gut aufgehoben. Die Wiener Symphoniker und der Arnold Schoenberg Chor leisten unter seiner Leitung großartiges.

Ein nur eben leichthin teuflicher Alastair Miles als Nick Shadow verführt den Protagonisten: um die Hand der geliebten Anne Truelove – durchgängig lieb und gesanglich auf der Höhe Adriana Kuverova – zu gewinnen, braucht es Erfolg und Geld – und beides könne man sich leicht erblenden, ein Wenig Seele aber sollte dabei für den Spender all dieser Wohltaten abfallen. Eine oberflächlich faustische Ausgangsbasis – was diesem Teufelsopfer jedoch ermangelt, ist der Wunsch nach Erkenntnis. Hier regiert viel zeitgemäßer die Oberflächlichkeit: gut ankommen, überdurchschnittlich auskommen, exquisit rauskommen. Und wie bei allen neureichen Nabobs schiessen alle Versuche, sich zu etablieren, über jegliches Ziel hinaus.

Man kann die Oper als Illustrationsbogen der Verkehrung von Freiheit um ihrer selbst Willen zu Zwang lesen: genau das geschieht. wirklich frei ist Rakewell – so sein Mephisto Shadow – erst dann, wenn er etwas tut, was aller Vernünftigkeit Hohn spricht – und in der Tat, er heiratet das Jahrmarktmonster Türken-Baba, von der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter souverän impersonalisiert, ganz und gar unverschämt, aber eher im Gesang als in den Albernheiten, die ihr die Regie abverlangt. Ein Bravo zu wirklich jeder Szene!

Nun ja: das passt alles in ein Bild, ein schrilles zwar: wir befinden uns im Guckkastenfernsehen. Und das ist bekanntlich etwas ganz und gar anderes, als es die Bühne, der ursprüngliche Guckkasten, wäre. Hier regiert die Plattitüde. Wir kennen das von verschiedenen Container-Sendungen des Fernsehens, die in der Inszenierung von Martin Kusej als beständige Kette von Anspielungen quasi aus und ein gehen. Dabei gilt hier das gleiche wie bei Big Brother im Fernsehen: wir Zuseher sollen merken, wie aufgesetzt das alles ist; es soll uns keineswegs einfallen, uns an den Nackerten auf der Bühne zu stossen, auch nicht am unzweideutigen Kopuliergehabe sollen wir nicht Anstoss nehmen, denn das alles ist ja genau dazu gemacht, uns zu schockieren oder – wenn schon nicht das – wenigstens ein klein wenig zu pikieren. Sei’s drum. Ein Aufreger ist es nicht, und prickeln tut’s auch nicht. Zumindest noch nicht in meinem Alter.

Herr Harnoncourt hat sich dazu tendenziell ablehnend geäussert. Man will es ihm nicht verdenken, doch was mag er sich von Herrn Kusej erwartet haben? Dessen Wüstling schiesst ins plakative, werbe-bunte, grell aufmerksamkeitsheischende Rosa hinaus, während Meister Harnoncourt durchaus soigniert bleibt, ein Herr mit Taktstock. Der Abend raubt einem nicht gerade den Atem, aber immerhin spürt man frischen Wind.

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