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Eine Vorgabe zum Auftakt

Nun ist ja Händels Ariodante keineswegs mehr ein Geheimtipp. Seine immerhin 33. Oper aus der Zeit in London ragt aber weit heraus über das Schaffen jener Jahre, das vom enormen Druck, beständig Neues auf die Bühne zu bringen, gekennzeichnet war. Das unterscheidet jene Zeit, das frühe 18. Jahrhundert, indes wenig von der heutigen – auch hier warten wir auf den Beginn einer neuen Saison…

Das Theater an der Wien hat die seine mit einer Koproduktion mit dem Pariser Théâtre des Champs-Elysées – wie sagt man? – fulminant begonnen! Eben mit dem Ariodante von Georg Friedrich Händel.

Zwar ist die barocke Oper in der Regel ein Minderheitenprogramm, doch liegt sie offenbar zusehens wieder im Trend der Zeit, denn sie erfreut sich international steigender Bleibtheit – und nun hat sie es auch auf eine prominente Bühne in Wien geschafft.

Hervorragend musiziert haben Les Talens Lyriques unter ihrem Gründer Christophe Rousset: die Vielfalt der Händel’schen Musik wurde erfreulich unpretentiös und mit viel Freude ausgebreitet.

Das Ensemble der Sänger – in dem leider krankheitsbedingt Angelika Kirchschlagen fehlte – präsentierte sich sehr homogen auf höchstem Niveau: man könnte wirklich von niemandem sagen, es habe an etwas gefehlt! Herausragend aber die australisch-amerikanische Sopranistin Danielle de Niese als Ginevra: brilliant und den stilistischen Feinheiten – bis hin zu den Manierismen der Zeit – mehr als gewachsen. Von ihr gibt es aktuell auch eine Einspielung mit Händel-Arien.

Für Angelika Kirchschlagen sprang die Australierin Caitlin Hulcup ein, die in der Titelrolle des Ariodante schon oftmals zu hören war, aber vor eineigen Jahren auch an der Staatsoper in den Puritani und der Elektra. In die zweite Hosenrolle des Polinesso schlüpfte die Mezzosopranistin Vivca Genaux – die zuletzt gleichfalls barocke Arien von Händel und Hasse eingespielt hat.

Ganz besonders zu loben ist sicherlich Maria Grazia Schiavo in der Rolle der verräterischen und dann selbst verratenen Dalinda.

Ach ja: natürlich geht es im Libretto – das über Umwege auf Ariost’s Orlando Furioso fußt – um Liebe, Verrat, Verzweiflung, Rache – und ein gutes Ende! Aber es wäre nicht Barock, wenn es darüber hinaus eine nennenswerte Handlung gäbe.

Inszenierung und Bühne von Lukas Hemleb, der auch schon am Burgtheater arbeitete, waren gleichermassen reduziert: drei bewegliche Mauerfragmente bildeten den Rahmen der Handlung, die weder durch übertriebene Statik, was ja bei einer opera seria leicht passieren mag, noch durch aufdringliche Bewegungstherapie gestört. Die Sänder durften in Ruhe singen und die großen Gefühle, die Händel so tief und vielgestaltig in Musik gesetzt hat, dramatisch ausleben.

Lediglich das Ballett – von Händel der voluminösen Ausstattung der damals neu eröffneten Covent Garden Opera gedankt und mit Einsätzen jeweils am Schluss aller drei Akte bedacht – agierte zwar modern aber nichtssagend. Nur in der Szene, da Ginevra halb wahnsinnig von Albträumen geplagt wird, haben Choreographie, Kostüm und Tänzer eine gemeinsame Meisterleistung vollbracht, für die man ihnen so manches unmotivierte Gehopse gerne verzeiht.

Einerseits hat Händel mit dem Ariodante ein aus seinem reichaltigen Opernschaffen weit herausragendes Werk komponiert, auf der anderen Seite ist es recht lang und sucht noch jeden entlegenen Szenenwinkel mit manierlichem barockem Schöngesang auf – man möcht’ sich’s fast ein Wenig kürzer wünschen. Die English National Opera hat ja in ihrer DVD-Einspielung durchaus brav gestrichen – man mag das beklagen, in voller Länge ist es aber doch mehr etwas für Liebhaber. Aber durchaus auszuhalten.

Für die neue Wiener Saison war das sicher ein gelungener Auftakt und zugleich eine Vorgabe: die Staatsoper verausgabt sich heuer mit der zweiten Tranche des Ring, da bleibt nebenher grade mal Kapazität für zwei matte Premieren, Gounods Faust und den Eugen Onegin. Und Halevy’s La Juive flatterte nur kurz im Spetember vorbei. Das war’s. Die spannendere Opernwelt findet zweifellos im Theater an der Wien statt.

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