Schon wieder die Gerechtigkeit

Ach ja: die Gerechtigkeit. Eine schöne Metapher, unsere allerbeste moralische Keule – ja geradezu eine Allzweckwaffe. Und nun widmet sich ihr das Forum Alpbach

Warum nur werde ich jedesmal bockig, wenn mir jemand vorschreibt, was ich zu tun und zu lassen, und schon gar, was ich zu denken habe? Thomas Pogge, der derzeit Philosophie in Yale lehrt, wird beim diesjährigen Forum Alpbach eines der Einleitungsreferate halten – und er hat sich die Forderung nach Gerechtigkeit für die Hungernden auf seine Fahnen geschrieben.

Das ist ja allem Anschein nach ein würdiges Unterfangen – wer hätte nicht was übrig für die Hungernden dieser Welt. Aber genau das bekämpft Pogge: nicht Almosen brauchen die Hungernden, Entwicklungshilfe oder Aufpäppelungsprogramme, sondern Gerechtigkeit. Und spätestens da beginnen bei mir die Alarmglocken zu läuten.

Der hierzulande nirgendwo vermeidbare Erhard Busek konkretisiert sogleich, wir hätten

Gerechtigkeit nicht nur als eine Notwendigkeit, sondern als ethischen Imperativ zu verstehen

ohne dabei zu bedenken, dass diese Wörter auch Bedeutungen haben, an denen es sich gewaltig spießt.

Gerechtigkeit ist keine Notwendigkeit, sie ist vielmehr ein Wunsch, den manche hegen, andere hinwiederum offenbar nicht. Man muss schon eine ganze Kette von Prämissen aufstellen und sie diskussionslos akzeptieren, um zu einer notwendigen Gerechtikgeit zu gelangen.

Dann die Sache mit dem Imperativ: an ihm hat sich Kant vergeblich abgemüht und dennoch nur eine höchst wacklige Konstruktion zustande gebracht. Imperativisch ist daran wenig, er baut vielmehr auf die Einsicht des aufgeklärten Menschen – oder in der kindlichen Gestalt des Sprichworts:

Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu

.

Moral ist ein Dilemma, und die Lösung besteht nicht darin, dass man einfach Forderungen aufstellt.

Frappant ist aber, wie in dieser Debatte mit Fakten umgegangen wird. Es wird beklagt, dass es mittlerweile etwa eine Milliarde Hungernde gäbe. Völlig außer Acht gelassen wird jedoch, dass zwischen dem Jahr 2000 und der Mitte des Jahres 2011 eine ganze Milliarde Erdenbewohner dazugekommen ist – und diese siebte Milliarde ist eine Steigerung um ein Sechstel, was immerhin einem Zuwachs von 16,6% entspricht. Und eine Milliarde Menschen ist eine jeweils andere Dimension bei einer Basis von sechs oder von sieben Milliarden.

Es gibt im Detail viele Probleme, über die man reden und für die man Lösungen suchen kann: mancherort mangelt es an Brunnen, anderswo am Regen. Wasser ist sicher ein zentrales Thema – aber auch nicht eben neu. Alt ist auch die Diskussion um Ursachen und Zusammenhänge.

Der Direktor des Centre for the Studies of African Ecnomies an der Oxford University, Paul Collier, hat vor noch nicht langer Zeit ein Buch geschrieben, das sich mit den Ursachen beschäftigt, warum etwa ein Siebtel der Weltbevölkerung nicht aus der Misere herauskommen. Da lassen sich eine Reihe von Fallen diagnostizieren, in denen ein Land – und damit seine Bewohner – festsitzen kann, der Westen, seine Handelspolitik, die globalisierte Wirtschaft oder der Kapitalismus schlechthin finden sich darunter nicht:

Bürger der reichen Welt sind an den meisten Problemen der untersten Milliarde nicht schuld; Armut ist die Standardoption, wenn Volkswirtschaften nicht funktionieren.

Und genau das ist der Grund, warum ich moralische Imperative nicht in Ordnung finde: denn abgesehen von meiner Eitelkeit, dass ich lieber selber denke, ist auch gar nicht ausgemacht, dass ein christlich verbrämter Marxismus oder irgendeine Art von Aktionismus irgendetwas bringt. Eine der Fallen, die Collier in seinem Buch beschreibt, ist unsere Entwicklungshilfe, von der manche noch immer beklagen, dass wir im Westen unsere selbst gesteckten Zielsetzungen nicht erreichen. Dabei ist es höchst fragwürdig, ob mehr Geld das Problem beheben würde, dass das Programm an sich keine sinnvollen Ergebnisse bringt.

Klar: es gibt Berichte, die einen die sprichwörtlichen Grausbirnen aufsteigen lassen: Fischzucht in den afrikanischen Seen, Landkäufe einer internationalen Agroindustrie und ähnliches mehr, das die Subsistenzwirtschaft der lokalen Bauern zerstört, indem es sie vertreibt.

Kann und soll man deswegen Umbrüche der Wirtschaftsstruktur allein aus der Perspektive des betroffenen Individuums betrachten? Uns geht es heute auch deswegen gut, weil wir durch die Phasen des Elends unserer Landbevölkerung irgendwann einmal hindurch gegangen sind: Arbeitskraft wurde freigesetzt vom bloßen Erhalten des Existenzminimums, die alsbald produktiver eingesetzt werden konnte. Strukturwandel ist etwas, das beinahe immer weh tut.

Gerechtigkeit ist dabei kein brauchbarer Terminus. Das Wirtschaften der afrikanischen Bauern ernährt nicht die afrikanischen Menschenmassen. Also ist es – vorsichtig formuliert – nicht die klügste aller Optionen, so weiter zu machen, wie bisher.

Man lese Paul Collier: es gibt geografische Gegebenheiten, die es einem Land, meistens einem Binnenstaat, erschweren, sich wirtschaftlich zu entwickeln. Viel öfter aber sind es politische Tatsachen und Entwicklungen, die mit dem Hunger der eigenen Bevölkerung finanziert werden.

Die hungernden Somalis sind arme Hunde. Gleichzeitig sind es aber auch Somalis, die seit Jahrzehnten Bürgerkrieg führen, wo eigentlich Landwirtschaft betrieben werden sollte. Wie bei allen lang andauernden Konflikten, ob in Israel, Bosnien oder Somalia, ist Gerechtigkeit die allerletzte Option, die zu irgendeinem sinnvollen Ergebnis wird führen können. Gerechtigkeit bedeutet Aufrechnung, und Aufrechnung bedeutet nichts anderes als eine Prolongation wenn nicht Perpetuierung des Konflikts.

Wir können das hier an den aus der Tschechoslowakei vertriebenen Deutschen und Österreichern gut studieren: es gibt in Böhmen, wie es früher hieß, eine dermaßen lange Historie beiderseitiger Übergriffe, dass ganz einfach zu kurz greift, wer die letzte oder vorletzte Ungerechtigkeit rückabwickeln möchte. Man hat die Deutschen nicht hinaus geschmissen, weil sie nette Nachbar waren – sie haben vorher – als Populationsgruppe – ihr wahres Gesicht gezeigt: scheußliche Nazis. Hinterher will’s natürlich wieder keiner gewesen sein. Friede entsteht aber nur, wenn Ruhe einkehrt. Und Ruhe kehrt eben nicht ein, wenn aufgerechnet wird – denn das läuft schon seit Jahrhunderten so und hat uns mit erstaunlicher Folgerichtigkeit dahin geführt, wo wir jetzt stehen.

Wir dürfen nicht nur die Verantwortung für den Kolonialismus vergangener Jahrhunderte ablehnen, wir müssen es in gewissem Sinn sogar. Denn die Geschichte ist irreversibel – und parallele Geschichtsoptionen sind absurd. Man kann nicht sagen, ob die Afrikaner heute dicke Bäuche vom Gutgehen hätten, wären die Portugiesen nicht losgesegelt.

Es ist schwierig, den Afrikanern jene beiden Dinge zugleich zu geben, die sie fordern, und viele bei uns mit ihnen: Selbstbestimmung und Hilfe. Erstere hat dafür gesorgt, dass sie so tief in der Misere stecken. Letztere ist aber nicht dafür verantwortlich, egal ob als geleistete oder als unterlassene, dass dem so ist.

Wir dürfen sie nicht zu ihrem Glück zwingen. Auch gut. Aber genausogut habe ich das Recht, nicht dazu gezwungen zu werden, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

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