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Der Abbé Superstar

Als Komponist gehört Franz Liszt ja – wenn sich nicht grade wieder ein runder Gedenktag jährt – zu den weniger beachteten unter den Großen. Und das liegt nicht ganz zu unrecht an seinem Oeuvre: er hat schwierige, fast akrobatische Klavierstücke hinterlassen, einen Packen wenig bedeutsamer geistlicher Musik und einige symphonische Dichtungen, die aus ihrer Zeit heraus in die Moderne weisen. Dabei hat Liszt seinen Schwiegersohn Wagner glatt übersprungen und auf den Status eines spätromantischen Suchers reduziert. Wenn auch zu Lebzeiten die umtriebige Tochter in Bayreuth ihren Vater mehr zu werblichen Zwecken für das Wagnersche Unternehmen missbrauchte.

Der Historiker und Musikwissenschafter Oliver Hilmes hat mit Franz Liszt: Biographie eines Superstars abseits der tiefgehenden Musikanalysen eine lesbare Darstellung des zu Superlativen herausfordernden Lebenswegs von Franz Liszt aus dem heute in Österreich liegenden ungarischen Raiding nach Paris, Rom und London – aber auch sonst überall hin in diesem noch von Monarchen geprägten Europa.

Der kleine Franz Liszt fiel durch besondere Musikalität auf – und traf dabei zu seinem Glück und gleichzeitig Pech auf einen Vater, dem selbst eine musikalische Laufbahn versagt geblieben war. Das Gute für den Jungen: der Vater bemühte sich nach Kräften um eine Förderungen der musischen Talente seines Kindes. Hart waren aber bestimmt die Jahre, in denen Vater Liszt ein florierendes Unternehmen aus dem Kinderstar machte.

So stand Liszt von früh an auf der Bühne und war bald an den frenetischen Applaus gewöhnt. Mit Unterbrechung einer kurzen Phase der Adolezenz, ehe Liszt sich an Paganini inspirierte und einen gleichfalls extrem virtuosen Klavierstil entwickelte, sollte Liszt diese Bühnen nie wieder verlassen und selbst noch als Greis vor allem die Damenwelt zu Begeisterungsstürmen hinreissen, wie man es eher von Populärmusikern aus dem Zwanzigsten Jahrhundert gewohnt ist.

Mithin scheint Hilmes’ Einstufung von Franz Liszt als dem ersten Superstar der Musikgeschichte auf soliden Fundamenten zu ruhen. Er reiste bereits als Knabe mit eigenem Klavier – zu Zeiten, da es noch nicht einmal die Eisenbahn gab – und spielte in manchen Konzerten mehr als eins der teuren Instrumente zu Schrott.

Schon als jungem Mann flogen ihm die Herzen der Damen aller Gesellschaftsschichten zu – und er hat sich ihrer weidlich bedient. Seine Ausflüge in die katholische Religion scheinen ihn dabei bloß noch interessanter gemacht zu haben – trotz Empfangs der niederen Weihen und eines lebenslangen Bemühens um tiefen Glauben blieb Liszt an der Oberfläche. Insbesondere die moralischen Imperative der katholischen Kirche scheint er – wie diese selbst – wenig ernst genommen zu haben.

Kompositorisch war mit Listz die meiste Zeit nicht viel los. Ihm gingen schwierige Klavierstücke leicht von der Hand, bei den orchestralen Kompositionen tat er sich ungleich schwerer – und das ist leider vielfach auch zu hören. Doch genauso wie er Klavierspiel revolutionierte brach er auch die musikalischen Strukturen der späten Romantik auf und schuf in manchen Werken Passagen, die bereits voraus in die großen Umwälzungen zu beginn des nächsten Jahrhunderts wiesen.

So leichtfingrig Listz mit Amouren und Affairen umging, so grundlegend verkorkst waren seine etablierten Beziehungen zu Frauen: seine erste große Liebe war eine Französin, die für sein Genie keinerlei Verstand hatte und eher nach seinem Reichtum gierte. Später ging er eine Liaison mit der notorischen Prinzessin Sayn-Wittgenstein ein – Tochter eines reichen russischen Bauern, die aus nachvollziehbaren Motiven von einem Spross des Hauses Sayn-Wittgenstein geehelicht worden war. Alle seine Frauen, von denen er keine je heiratete, waren tief eifersüchtig und machten Liszt das Leben zur Hölle, ja die Prinzessin ließ es sich angelegen sein, aus ihm ein besonderes Licht der Kirchenmusik zu machen – was man als gründlich misslungenes Unterfangen ansehen muss, mit dem sich Liszt jahrelang quälte.

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