Rotzfreche Berlinisierung eines Wiener Biedermanns

Berlin. Der Schubert-Franzl und die Oper – das ist eine lange, schmerzvolle – und vor allem wenig erfolggekrönte – Geschichte. Zwar kommt Alfonso und Estrella dann und wann zu Aufführungsehren, aber durchzusetzen vermag der Liederschreiber aus Wien sich damit keineswegs. Dass er auch Singspiele komponiert hat, ist demgegenüber nachgerade notorisch unbekannt.

Studenten der Studiengänge Regie der Hochschule für Musik Hanns Eisler und Bühnenbild der Universität der Künste Berlin dürfen zweimal im Jahr im Rahmen einer Kooperation mit der Komischen Oper Berlin und dem Hebbel am Ufer ihre Ideen präsentieren: diesmal trifft es Franz Schubert. Die Produktion K.O.13 … meine Ruh’ ist hin vereint drei zwischen 1815 und 1823 entstandene Singspiele zu einer stark performativen Einheit.

Der Zugang der Studierenden ist in erfrischender Weise und ganz und gar nicht sakrilegisch respektlos. Und ich muss sagen: mein Unbehagen gegen Schubert auf der Bühne lässt sich damit außerordentlich erfolgreich bekämpfen.

Zunächst einmal setzen die Musiker auf radikale Modifikation: nicht nur nehmen sie den Wiener Klassiker nicht beim musikalischen Wort, sondern arrangieren die Kompositionen für krass aus der Zeit fallende Besetzungen – ich fühle mich spontan an Franui erinnert…

Das Stück Die Verschworenen erklingt von Harfe, Akkordeon, Tuba und vier Saxophonen gespielt: und es nimmt leichtfüßig Anleihen beim freien Jazz. Damit gelingt eine Frischzellenkur, die dem eher banalen Werk Leben einzuhauchen versteht.

Auf Handlung wird verzichtet, die Szenerie gleicht einem gespenstischen, von Taschenlampen wie von Lichtschwertern erleuchteten Stonehenge – das sich bei näherer Betrachtung als Wald aus gestapelten Plastiktonnen erweist: dieser wird auch im Laufe der nicht näher nachvollziehbaren Geschehnisse zum Einsturz gebracht. Chorisch sind die Damen und Herren wunderbar, Léa Trommenschläger als junge Gräfin verfügt durchaus über die Raffinesse für diesen Klassiker.

Das zweite Opusculum des Abends, Der vierjährige Posten von 1815, beginnt zunächst mit einer verstörenden Aktion – Saalräumung: Frisch zur Arbeit heißt es, während die Zuschauer aus ihren Sitzreihen vertrieben und neu auf der Bühne einquartiert werden – da dienen die Plastiktonnen aus dem Vorgängerstück praktischerweise als Sitzgelegenheiten. Folglich wird das Stück zwischen den Stuhlreihen des Zuschauerraums gespielt.

Das Arrangement sieht hier Klarinette, Trompete, Gitarre, Akkordeon, Klavier und Cello vor. Die Interpretation ist vom Wechsel zwischen militärischem Stampfen und ländlicher Idylle geprägt. Im Vordergrund steht auch hier der Chor, doch insbesondere Anna Schoeck als Käthchen liefert eine wirklich bühnenreife Performance.

Nach der Pause beginnt man wieder draußen im Foyer, das Setting des folgenden dritten Stücks Die Zwillingsbrüder spielt mit dem Gehabe und Getue einer Musikantenstadl-Show, musikalisch gefasst von zunächst Querflöte, Klarinette, Hackbrett und Gitarre; später kommen zwei Trompeten und Hörner sowie Tuba und Posaune – kurz auch ein Klavier – hinzu.

Die Sänger sind hier alle zu würdigen: Rebecca Koch, Semjon Bulinsky, Matthias Bergen, Klaus Siebers und Markus von Schwerin geben diesem selig biedermeierischen Lieder-Schubert einen saftigen Berliner Fußtritt, in ihren stimmlich gewandten Interpretationen spitzt sich ein Kampf privater Seligkeit gegen die Auf- und Zerrüttungen der Kunst zu, genial umgesetzt in der Metapher einer grünen Wand inmitten der Bühne.

Nachzutragen sind die Leading Teams der 3 Werke:

  • Die Verschworenen: Barbara Kler (Musikalische Leitung), Margita Zalite (Inszenierung) und Franziska Schuster (Bühne und Ausstattung); die Arrgenements stammen von Arno Washk, Max Murray und Liga Celma
  • Der vierjährige Posten: Nadja Tselujkina (Musikalische Leitung), Tamara Heimbrock (Inszenierung) und Stefanie Lindner (Bühne und Ausstattung); das Arrangement stammt von Stephan Moult
  • Die Zwillingsbrüder: Sebastian Zidek (Musikalische Leitung und Arrangements), Sina Schecker (Inszenierung) und Nora Willy (Bühne und Ausstattung)

Der ganze Abend war ein Hauptspaß, ich habe mich schon lange nicht mehr so prächtig amüsiert in der Oper! Man soll nicht sagen, dass der Brecht’sche Ansatz aus den 20er Jahren inzwischen etwa überholt wäre: manches ruft nach dem pietätlosen Umgang – schon gar der in nuce unerträglich biedermeierliche Biedermann Schubert. Gelungen!

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