Die kleine Geschichte eines kleinen Landes

Heute sind die Niederlande ein europäischer Kleinstaat mit gut funktionierende Wirtschaft – weit entfernt von einstiger Größe, und damit auch einer der eher weißen Flecken auf unserer historischen Landkarte, wennzwar einstmals die Österreichischen Niederlande Teil des habsburgischen Imperiums gewesen sind. Sie werden hierzulande gern als Problem der Spanier angesehen.

Der holländische Historiker Friso Wielenga hat für Reclam eine Geschichte der Niederlande geschrieben, die sich durchaus als tauglich auch für Nicht-Niederländer erweist.

Schon die Entstehung der Freien Niederlande, um die dann so lange und verbittert Krieg geführt wurde, ist gemeinhin ein Mysterium: da entsteht aus heiterem Himmel eine Republik, wo sogar die früheren norditalienischen Republiken inzwischen wieder von Fürsten gelenkt werden… und nach den napoleonischen Wirren führen sie die Monarchie ein, wo längst anderswo der Zug in Richtung Demokratie angefahren ist. Unzeitigkeit scheint ein grundlegender Zug der niederländischen Geschichte zu sein.

Was wir von außen als das Goldene Zeitalter der Niederlande kennen, manifestiert sich in der Malerei; die Innenperspektive aber zeigt eine pulsierende Handelsnation mit einem weltumspannenden Kolonialreich von Batavia in Indonesien bis Niew Amstserdam, das späterhin zu New York wurde. Auch kann man diese Niederländer für die Erfinder des Börsenkapitalismus und mithin des Spekulationswahnsinns halten, platzte doch die erste Blase des modernen Kapitalismus in der Spekulation um Tulpenzwiebeln.

Wielenga schreibt aus der internen Perspektive, doch er geht deswegen nicht über Gebühr schonend mit seinen Vorfahren um. Sie waren nicht so tolerant und friedlich gesonnen, wie es den Anschein hat, da ihnen vielfach die Rolle eines sicheren Hafens für Philosophen wie Descartes, der hier fern des ungesunden französischen Geistesklimas 18 produktive Jahre verbrachte, und Spinoza sowie einige der radikalen Aufklärer im Zeitalter des Sonnenkönigs und seiner Nachfolger – sie waren eher gezwungen zu einem Nebeneinander, da keine der der konkurrierenden Glaubensgemeinschaften sich durchzusetzen vermochte. Immerhin ist ihnen zugute zu halten, dass sie sich darob niemals die Schädel eingeschlagen haben.

Aus dieser Historie der Koexistenz erklärt sich vielleicht auch, warum die Niederlande insbesondere in den letzten Jahrzehnten des alten und dem ersten des neuen Jahrhunderts als tolerante Gesellschaft gelten konnten – doch das hat sich inzwischen gewandelt, Xenophobie und rechtes Gedankengut sind auch in den Niederlanden wieder salonfähig geworden, ganz wie im Rest Europas.

Wenn man von einigen kleineren Episoden absieht, sind eigentlich nur die ersten Abschnitte des Buches faszinierend, danach geht es nur noch um die innere Entwicklung, die einen nicht wirklich zu interessieren braucht. Die kleine Geschichte eines kleinen Landes eben, wie wir Österreicher das ja inzwischen auch gewöhnt sind.

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