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Annissima in der Bel Etage

Der allererste Eindruck schon ist kein guter: Anna Netrebko hat noch weiter an Gewicht zugelegt, sie hat nun beinah keinen Hals und kein Gesicht mehr. Es ist erschreckend, wie sich aus einem Star eine Diva entwickelt.

Ihren Bühnenzauber verdankte sie sicherlich weitgehend der Kombination von jugendlicher Weiblichkeit und glanzvollem Belcanto; ein erwähnenswertes Schauspielertalent hat sie aber nie an den Tag gelegt. Jetzt könnte man sagen: sie hat die schauspielerische Grazie einer Wachtel – und sieht inzwischen auch so aus.

Aber singen! Singen kann Frau Netrebko – da ist sie zwar keineswegs allein auf der Welt, in der neuen MET-Produktion der Anna Bolena von Gaetano Donizetti steht sie aber – geschuldet dem babypausenbedingten Ausfall der ursprünglich als Kontrahentin neben ihr vorgesehenen Elina Garanca – auf weiter Flur allein da: das restliche Ensemble glänzt erst eine ganze Etage tiefer…

Dass das Duo Netrebko/Garanca nicht bloß zugkräftig und medial hype-verdächtig ist, sondern wahren Gesangsgenuss verheißt, wissen wir schon aus der gleich besetzten Bolena der Wiener Staatsoper. Am Ende sind es die beiden Soprane, die den Abend tragen.

Leider ist die Jane Seymour mit Ekaterina Gubanova gar nicht optimal besetzt – zumindest solange wir von der Wiener Besetzung derart verwöhnt sind… Sie klingt über weite Strecke einfach nur schrill, der volle Ton der Netrebko daneben lässt sie vollends verblassen. Es gelingt ihr nicht, den Konflikt der Figur, von dem sie in der Pause spricht, auch nur annähernd zum Leben zu erwecken.

Den Pagen Smeton singt Tamara Mumford zwar engagiert, aber eben nur durchschnittlich. Hier ist einfach die Vorgabe der Elisabeth Kulman nur schwer erreichbar.

Bei den Männern gibt es weniger zu mäkeln, wenn auch keine herausragende Leistung. Gut ist Bassbariton Ildar Abdrazakov: sein Schauspieltalent formt den König Heinrich als veritablen Egomanen, sauber und in der nicht eben einfachen Partie einwandfrei gesungen. Gut auch Stephen Costello als Lord Percy und Keith Miller als Lord Rochefort.

Am Pult steht Marco Armiliato, der sichtbar aus dem Gedächtnis dirigiert – seine Partitur bleibt zugeschlagen. Dennoch gelingt ihm eine luftige Interpretation, der auch die Schwermut und Trauer, die das gesamte Stück durchzieht, niemals bleiern verklumpt.

Aber bevor diese Kritik der MET zu einem einzigen Loblied auf die Wiener Staatsoper verkommt: das Regiekonzept von David McVicar steht weit über dem des Franzosen Génovèse! Die Personenführung bewegt sich zwar in konventionellen Bahnen – wie auch die Ausstattung von Robert Jones -, doch bleibt die Geschichte im Focus, das Erzählen einer Tragödie, die ganz zentral auch in der Musik Donizettis verankert ist.

Besondere Erwähnung sollen die Kostüme – verantwortet von Jenny Tiramani – finden; sie sind in mühsamer Recherche epochengetreu gestaltet worden und tragen nicht unwesentlich zum stimmigen Gesamteindruck bei.

Fazit also dieser MET-Übertragung: eine sanglich auf der Höhe stehende Anna Netrebko ragt aus einem durchschnittlichen Ensemble – nicht zu verwechseln mit: mittelmäßig – heraus, sie singt gewissermaßen in der Bel Etage, während die anderen auf Straßenniveau bleiben. Die Aufführung ist aber stimmig und bietet insgesamt große Oper.

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