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Ein Drama – im Stück wie als ganzes

Nun ist die Anna Bolena keinesfalls eine der bemerkenswerten Opern von Gaetano Donizetti, sowohl was die Musik als auch was die Gesamtanlage betrifft, ist sie eher schwach. Dass man daraus dennoch so etwas wie einen Event machen kann, beweist sich anhand der Besetzung der Neuproduktion an der Wiener Staatsoper: Anna Netrebko als Anna Bolena, Elina Garanca als Jane Seymour – und schon raschelt es im Blätterwald, überschlagen sich die Postings und überträgt sogar der ORF.

Dabei ist Staatsopernchef Dominique Meyer kein besonderer Griff geglückt: die Übertragung im Fernsehen ermöglicht den Blick auf eine Inszenierung, zu verantworten von Eric Génovèse, die den Kauf einer Karte sicher nicht zu rechtfertigen vermag. Wohl: die beiden Damen singen – wie man es von solchen Stars erwarten darf – gute Partien, allein der Komponist hat ihnen zwar technische Hürden aber sonst wenig Bemerkenswertes in die Partitur geschrieben. Die ganze Aufregung entspringt also eher medialer Hysterie.

Man kann dem Werk viel nachsagen: es ist Donizettis 35. Oper – und steht für seinen Durchbruch als gefeierter Komponist. Es ist schwer zu besetzen, da es zwei grandiose Soprane voraussetzt. Es verfügt über historisches Personal und eine wirkliche Geschichte, echtes Drama und eine nachvollziehbare Zuspitzung; sogar ihr Ende ist nachvollziehbar. Das alles sorgt gemeinhin für Interesse, aber auch zum Teil auch dafür, dass die Oper wenig gespielt wird. Eine musikalische Perle ist sie deswegen aber noch lange nicht.

Ildebrando D’Arcangelo ist wieder einmal, wie schon im gänzlich verhunzten Don Giovanni, eine hörbar schlechte Besetzung. Dagegen sticht die Burgenländerin Elisabeth Kulman in einigen Auftritten sogar die beiden Spitzenstars aus.

Dass man aber auch mit diesen Voraussetzungen noch deutlich bessere Ergebnisse erzielen kann, wird man zweifellos im nächsten Oktober sehen können, wenn die New Yorker MET ihre Anna Bolena – gleichfalls mit Netrebko und Garanca geplant – Live in HD in unsere Kinos bringt, inszenieren wird David McVicar.

Eine Übertragung im Fernsehen ist natürlich nichts gegen Live in HD – aber immerhin kann ich arte und ORF, die beide übertrugen, in HD empfangen. Live in der Staatsoper aber muss das Stück ein wahres Drama sein… Es sind gerade mal die Kostüme erwähnenswert, die Inszenierung ist unter aller Kritik – bewegungsarm, frei von jeglicher Idee, bar aller Psychologie. Man hätte sich sicher gerade zu dieser Geschichte zumindest ein bisschen was einfallen lassen können.

Direktor Meyer sollte vielleicht bei allem Patriotismus den Franzosenanteil unter seinen Regisseuren für die nächste Spoielzeit gegen null hin reduzieren. Was bisher geboten wurde, war wohl eher blamabel…

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