Blech und Belcanto – brava Malena Ernman!

Wenn die Mannen in den Highlands zusammenstehen gegen ihren König, dann könnte das martialisch abgehen. Wenn es dabei aber ganz und gar operettenhaft zugeht und das Blech fröhlich tönt wie auf einem kampanischen Kirchfest – dann sind wir mitten in der Opernwelt von Gioachino Rossini.

Die Geschichte ist – wie auch das zugrunde liegende dramatische Gedicht von Walter Scott – reichlich blöd, ein Spannungsbogen ließ sich daraus offenbar nicht formen. Der Schotte Douglas ist bös auf seinen jungen König, dessen Erzieher er mal war; also liegt Revolution in der Luft. Rodrigo ist der Held der Aufständischen – und Douglas’ Tochter Elena versprochen. Die trifft aber einen Fremden, der sie zutiefst beeindruckt und sie mit seiner Liebe bedrängt. Nachdem der König seine Schlacht gewonnen hat, Rodrigo gefallen und Douglas gefangen ist, stellt sich heraus, Elena’s Fremder ist niemand anderer als der Fremde. Ende gut, alles gut.

In dem Moment, da die Revolution losgeht, greift der Komponist voll ins Blech. Das geschieht musikalisch auf höchstem Niveau. wenngleich die Darstellung auf der Bühne in ein Ambiente abgleitet, wie es sich – analog zu Thomas Bernhards Theatermacher – in der tiefsten kampanischen Provinz abspielen könnte. Im selben Augenblick wird klar, warum diese Italiener keine Kriege gewinnen können. Schottisch ist das alles nicht.

Die Personenführung von Regisseur Christof Loy ist sehr detailliert ausgearbeitet, die Sänger und Choristen haben viel zu tun, doch jede Geste und jedes Verhalten wirken dem Leben abgeschaut – und wann hat das schon je von einer Operninszenierung sagen können? Loys Arbeitsweise, sich eingehend in Filmen umzusehen, macht sich da zweifelsohne bezahlt. Christof Loy hat den Orkan des Missfallens, der am Ende dieser Premiere über das Leading Team hinweg braust, sicher nicht verdient.

Hier gilt: mitgefangen, mitgehangen, denn verdient haben jedes einzelne Buh Herbert Murauer für die banale Ausstattung, Reinhard Traub für durchgängig voll aufgedrehtes Arbeitslicht und Thomas Wilhelm für die Choreografie – ein ganz spezieller Fall: das Gute an Opern im Theater an der Wien ist es normalerweise, dass die Balletteinlagen weggespart werden müssen. Warum das Budget diesmal gereicht hat, ist einerseits nicht nachzuvollziehen, andererseits bedauerlich. Die elf Hupfdohlen passen nicht ins Bild, die Ästhetik ihrer Kostüme und immer wieder eingefrorenen Figuren scheint aus einem Werbespot von Darbo Konfitüren zu stammen.

Der Brite Leo Hussain dirigiert ein in den Bläsern stark erweitertes RSO Wien durch die ideenreich instrumentierte Partitur und schafft es, ihre delikaten Passagen funkeln zu lassen. Auch der Arnold Schönberg Chor setzt wiederum starke Akzente, großartige Chorsätze vom Übergang der barocken in die Musikalität des Belcanto.

Was nun die Sänger betrifft, so kann Gregory Kunde, der den Rodrigo auch auf einer Einspielung unter Benini in Edinburgh sang, nur als Karikatur des großen Helden überzeugen, er klingt in der mittleren Lage tönern, seine Koloraturen sind verschliffen, einzig in den Höhen mag er brillieren. Dagegen bewältigt der Douglas Maurizio Murano die koloraturenreiche Partie meisterhaft, ebenso wie es an Luciano Botelho, der den König mit lyrischer Hingabe singt, nichts zu mäkeln gibt.

Wirklich schwierig ist hingegen die Partie der Elena, da sie in einer problematischen Mittellage zwischen Sopran und Mezzo geschrieben ist, an der sich schon namhafte Interpretinnen vergebens abgemüht haben. Die Schwedin Malena Ernman bewältigt die Lage außerordentlich gut: sie ist eingangs das Mädchen vom Lande, glänzt im Duett mit Malcolm Varduhi Abrahamyan mit echter Rafinesse, schmachtet mit dem König in ehrlicher Liebe, um schlussendlich ihr großes finales Rondo triumphal zu gestalten: ja, diese Frau kann die Elena singen! Jeder Ton war es wert!

Malena Ernman ist der gesangliche Leuchtturm in dieser Aufführung, und gemeinsam mit Varduhi Abrahamyan gelingen die schönsten Momente.

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