Vom Ersticken am Gesang

Es stimmt schon: liest man in Verdis Briefen nach, führt der Komponist des Öfteren die Klage, er wünsche sich eigentlich weniger Schöngesang und mehr Hässlichkeit. Und es stimmt auch: gerade die Lady Macbeth ist so eine Figur, der man zusätzlich zu bösen Motiven und skrupelloser Machtgier noch den Schiachgesang zutraut.

Wenn es allerdings so umgesetzt wird, wenn doch tatsächlich ein Dirigent – in diesem Fall Bertrand de Billy – von seiner Sängerin – in diesem Fall die Spanierin Davinia Rodriguez – das Ersticken der Töne mit den Mitteln der Stimme verlangt, dann werden wir Zeugen einer Gratwanderung: was damit der Figur an psychophysischen Tiefendimensionen eröffnet wird, verschließt sich dem Hörer an der Musik.

Man kann das natürlich auch unglaublich spannend finden. Ich habe es mir angehört und finde es wenig überzeugend. Nachgerade, wo es in der Oper niemals, aber schon wirklich niemals, um Realismus geht und gehen kann. Da dürfte denn auch der erstochene Macbeth nicht noch schnell ‘ne letzte Arie schmettern… Diese Art von Realismus ist in der Oper ganz und gar unangebracht. Dazu kann man bei Bedarf ja ins Theater gehen. Oder die Lady Macbeth von Mzensk nehmen, da kommt die Musik den Charakteren besser entgegen.

Man kann also nicht sagen, ob Frau Rodriguez als Lady Macbeth gut war. Gefallen hat mir nicht, wozu man sie gezwungen oder überredet hat. Vor allem aber, wenn daneben ein Placido Domingo in der Titelpartie des nicht minder bösen Herrn Macbeth ein Fest strahlenden Wohlklangs feiern darf. Oder Stefan Kocan als Branco in voller tenoraler Wucht auftritt – aber ok, der gehört ja zu den Guten.

Dazu kommt, dass man im Theater an der Wien keinerlei Hang zu qualitativer Konstanz zeigt. Nach dem phänomenalen Salieri’schen Falstaff greift die Regie wieder tief in die Kiste der Banalitäten – und es nützt auch nichts, dass mit Roland Geyer der Chef des Hauses persönlich verantwortlich zeichnet. So manch eine gute Idee geht in der Flut der vielen, deutlich weniger guten einfach unter: Vielfalt kann nämlich auch schädlich sein, da wo sie ans Beliebige schrammt.

Regie und Ausstattung möchten das Böse gern sexy haben, aber es kommt Schwülst dabei heraus. Eine Spiegelbühne wie aus der Peepshow samt nackter Tänzerin – manchmal glaubt man wirklich, diese Künstler rennen mit geschlossenen Augen durch die Welt: wir kennen das alles schon, das gibt’s an jeder Ecke, damit lässt sich niemand mehr schockieren. Man kann heutzutage auch nichts mehr damit aussagen, das ist seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts passé.

Einen wirklichen Lichtblick bringt aber der dritte Akt: dominiert vom Arnold Schönberg Chor, genauer: den Damen des Chors, der wie immer perfekt einstudiert ist und den gesamten Akt in ungeahnte Höhen trägt, handeln hier die Projektionen, nicht die Sänger. Über die gesamte Bühnenöffnung werden Szenen aus Hieronymus Bosch’ Triptychon Der Garten der Lüste gezeigt, animierte Teufel und Höllenkreaturen, zwischendurch gar ein Ballet der badenden Grazien. Das ist mal was Neues, eine glänzende Idee – passt aber in das ganze Nicht-Konzept des Abends wie ein Händedruck unter die Faustschläge.

Und so ist der Abend wieder mal durchwachsen bis flachsig: der Macbeth stimmgewaltig, fast zu groß für das kleine Haus; die Lady mit stimmlichen Mätzchen außer Kraft gesetzt, die Wiener Symphoniker allzu sehr ins Säuseln abgedrängt. Ein atemberaubender dritter Akt, ein gründlicher als der sterbende Domingo verröchelndes Finale. Wenn ich mich da an den Macbeth unter Jimi Levine erinner’, dem die MET als Lady eine schaurig-gewaltige Maria Guleghina zur Seite gesellte… hach ja, was durfte die singen!

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