Echt zum Heulen!

Wer auch immer die Programmierung der Cineplexx-Opera-Reihe zu verantworten hat: es ist ganz offenbar der blanke Populismus, der uns heuer vier Mal Verdi beschert, dazu zwei Donizettis, vom alten Wagner den Parsifal und – man höre und staune: – Händels Giulio Cesare in Egitto. Dagegen klingt die Liste der Live in HD-Übertragungen aus der New Yorker MET, die wir eben nicht zu sehen kriegen, weitaus interessanter: Mozarts Clemenza di Tito, Berlioz’ Les Troyens wären echte Perlen! Statt dessen kriegen wir einen profunden Einblick in den transatlantischen Repertoirebetrieb…

Ein beispiel dafür ist der Otello von Giuseppe Verdi: ein Schmachtfetzen von Oper, bei dem es allerdings sehr auf die Asuwahl der Sänger ankommt. Was soll man an diesem Abend sagen: Johan Botha singt die Titelpartie nach Rekonvaleszenz mit dem typischen Verdi-Schmelz, was an manchen Stellen gar nicht von Übel ist; zum Helden fehlt ihm aber einfach die Kraft, zur Verzweiflung die Intensität. Botha ist inzwischen ein idealer Platten-Tenor geworden: er klingt phantastisch, es ist aber ein Drama, ihn agieren sehen zu müssen.

Er ist schon so fett, dass er sich nicht hinknien kann, geschweige denn, dass er dann wieder auf die Beine käme, da muss die Regie schon den Vorhang bemühen. Wenn dieser Otello seine pummeligen Polsterhändchen zu wabbeligen Knödeln ballt, dann ist kein Anzeichen von Wut mehr, sondern nur noch ein Drama. Und wenn er fuchsteufelswild drein schaut, glaubt man ihm wirklich, dass ihm offenbar wer in die Bratensauce gespuckt hat. Für Botha lohnt es sich nicht mehr, in ein Opernhaus oder ein Kino zu gehen. CD oder Radio reicht. Immerhin hat man ihm die sonst notorische schwarze Gesichtsbemalung erspart.

Ihm gegenüber müht sich Renée Fleming um Leidenschaft und Verzweiflung. Sie hat allerdings meist Schwierigkeiten, an den Koloss Otello überhaupt heran zu kommen – man will sich Leidenschaft da gar nicht erst vorstellen. Man tut sich – um auf die kaum nachvollziehbare Programmauswahl zurück zu kommen – schwer zu verstehen, warum man statt dessen nicht die Garanca im Tito sehen darf… Sie kann zweifellos besser singen und ist obendrein noch in einem Alter, das die Nahaufnahme in HD keineswegs zu scheuen braucht.

Einzig am Jago von Falk Struckmann ist rein gar nichts auszusetzen: er singt seine Rolle betörend, agiert glaubwürdig als perfider Intrigant und versteht es am Ende genauso gut, sich geschlagen zu geben. Er beschert dem Abend die besten Momente. Auch der junge Michael Fabiano, Nachwuchs aus den MET eigenen Auditions, gibt einen wunderbaren Cassio.

Der etwas schlampige Theaterzettel weist Mariusz Kwiecien einen Belcore zu, was aber im Otello nicht sein kann – das ist wohl von der letzten Übertragung, Donizetti’s Elisir d’Amore, stehen geblieben. Als Rodrigo macht er immerhin gute Figur. Man ist von ihm ja mittlerweile saubere Darbietungen gewohnt.

Ganz und gar daneben – oder eben mit beiden Beinen bis über die Waden im Populären – schwelgt dagegen Regisseur Elijah Moshinsky. Das ganze ist steif und bewegungslos wie schon seit dem unseligen Otto Schenk nur selten mehr gesehen, eingemottet in das realistische und dabei ganz und gar inspirationslose Bühnenbild von Michael Yeargan, das so marmorn und statisch wirkt wie in der tiefsten Provinz, nur offensichtlich teurer.

Musikalisch entlockt Semyon Bychkov dem MET Orchestra nicht die Grandezza, der sie bekanntermaßen fähig wären. Das Ganze schleppt sich bisweilen etwas mühsam dahin, so als richte der Takt sich nach der Bewegungsfähigkeit des Hauptdarstellers. Mag sein, dass dem so ist.

Dieser Otello ist echter ein Auswuchs des Repertoiretheaters. Man kann eigentlich nur bittere Tränen weinen darüber, dass man sowas im Abonnement hat – und nicht den Tito! Man darf getrost als Bauern oder Bäurin bezeichnen, wer diese Auswahl verbrochen hat. Echt zum Heulen!

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