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Chapeau, M. Harnoncourt!

Das Theater an der Wien bringt erneut eine große Oper jenes Barockkomponisten, der inzwischen wohl zum unangefochtenen Star des Metiers geworden ist: Georg Friedrich Händel. Rodelinda, ein dramma per musica in drei Akten, geschrieben 1725, ist eins der eindringlichsten und musikalisch tiefsten Werke aus seiner Feder.

Umgekehrt sind Nikolaus Harnoncourt und der Concentus Musicus ihrerseits nicht nur Experten für getreuliche Klänge aus der Epoche sondern auch verlässliche Stützen einer jeden Aufführung. Und man wird natürlich auch hier nicht enttäuscht.

Meister Harnoncourt führt das musikalische Geschehen mit gewohnter Übersicht und lässt eine Partitur zum Leben erstehen, in der Händel alle Register zog und seinen Protagonisten funkelnde Arien schrieb für alle emotionalen Zustände zwischen Wut, Rache, Verzweiflung und Triumph. Vor dem grandiosen Interpreten Harnoncourt ist tiefgebeugt der Hut zu ziehen…

Die Hauptfigur Rodelinda, ihres Ehemanns verlustig gegangene Königin der Langobarden, hat das volle Repertoire von acht großen Arien zu bewältigen, was die australisch-amerikanische Sopranistin Danielle de Niese im gesamten Spektrum vom Selbstbewusstsein einer starken Frau bis zum leisen Verhauchen in verzweifelnder Liebe meistert. Sie singt selbst im pianissimo noch deutlich und ungebrochen.

Star des Abends aber ist wieder einmal Countertenor Bejun Mehta in der Rolle ihres vom Thron vertriebenen Ehemanns Bertarido. Seine Rolle ist nicht nur stimmlich sondern auch emotional die Gegenseite der Hauptfigur: beginnt Rodelinda stark mit Widerstand gegen den Usurpator des Throns, so tritt Bertarido zunächst in blanker Verzweiflung auf. Je weiter aber die Königin sich in ihrer ausweglosen Lage erschöpft, desto kräftiger wird umgekehrt ihr Mann.

Widersacher der beiden ist Grimoaldo, der Eroberer des Langobardenthrons, kraftvoll gesungen vom in Österreich lebenden Amerikaner Kurt Streit. Er chargiert perfekt zwischen der Großspurigkeit, dem breitbeinigen Auftreten des Herrschers und der abgrundtiefen Verlorenheit seines vergeblichen Werbens um Rodelinda.

Leider viel zu wenig zu singen hat die stimmstarke Schwedin Malena Ernman als Eduige – die bildhübsche Mezzosopranistin ist mir ja schon früher in dieser Saison in Händels Semele positiv aufgefallen. Allmählich empfielt sie sich auch für die Hauptrollen.

Große Momente hat auch Bassbariton Konstantin Wolff als intriganter Herzog Garibaldo, vor allem gleich im ersten Akt. Ihm gegenüber hält Unulfo als Vertrauter des vertriebenen Königs diesem unverbrüchlich die Treue. Countertenor Matthias Rexroth singt ihn einfühlsam und mit hoher Präsenz, wie auch schon bei der Partenope vor zwei Jahren.

Musiker und Sängerinnen wie Sänger performen auf höchstem Niveau – nicht ganz auf dieser Höhe ist des Dirigenten Sohn Philipp Harnoncourt, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet. Sie ist zwar zum Glück weitestgehend frei von verzerrender Interpretation, aber im Gesamtkonzept doch recht harmlos, um nicht zu sagen, vollkommen arglos. Umfeld ist eine Nachbarschaft eines Hauses oder eines Hinterhofs, Anwohner und Verwandte bevölkern in großer Zahl – so nicht im Libretto vorgesehen – das Bild. Man hat den Eindruck, der Regisseur wollte die langen Da Capos durch Hintergrundaktivitäten abwechslungsreicher gestalten, was an sich schon ein veritabler faux pas wäre, wirkte sich das Getue und Geschiebe im Abseits nicht bisweilen obendrein sogar störend aus.

Grundidee und Setting ermöglichen leichtfüssiges Schweben von Szene zu Szene, die Bühne – Herbert Murauer unter Mitarbeit von Barbara Pral – mit der skeletthaften Betonkonstruktion dreht und bewegt sich beinah unentwegt, doch passiert hier nichts Irritierendes, und das ist immerhin schon ein Vorteil. Die Regie macht sich in all dem teils zu wenig bemerkbar, allzu flapsig gehen die mehreren nebeneinander laufenden Hintergrundhandlungen vor sich – vor allem aber tappt Hauptdarstellerin Danielle de Niese eher planlos durch Handlung und Nachbarschaft. Das ohnehin schwache Konzept geht an ihr spurlos vorüber.

So ist es am Ende ein wahrhaft großartiger Abend geworden, denn eine schwache Regie hindert nicht den Genuss. Das eine oder andere Witzchen hätte sie getrost unterlassen können, doch tat das summa summarum dem Vergnügen keinen Abbruch. Versöhnlich immerhin der von Vater Nikolaus verschmitzt mitgetragene Abschluss-Gag: der die Oper wie gewohnt beschliessende Chor wurde erst mitten in den Verbeugungsreigen hinein angestimmt und stieß so wohl auf gesteigerte Aufmerksamkeit. Die hörbaren Buhrufe für das Leading Team waren aber alles im allem übertrieben.

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