Hebung eines Schatzes

Gedenkjahre haben ja die nicht unerwartete Eigenheit, von ihren Jubilaren auch dies und das zutage zu fördern, das sonst nicht im Fokus des Interesses steht – manchmal geht das sogar so weit, dass echte Perlen dem Vergessen entrissen werden können.

Joseph Haydn hat 1775 sein erstes Oratorium Il Ritorno di Tobia geschrieben und damit beträchtliche Erfolge erzielt, nur um sich späterhin sozusagen selber in den Schatten zu stellen mit seinen Jahreszeiten oder der Schöpfung. Seither ist der Tobia so gut wie verschwunden, es gibt grade mal zwei Einspielungen, in Konzerten ist das Stück so gut wie nie zu hören.

Haydn-Jahr und Konzerthaus bringen nun auch die Österreich-Ungarische Haydn-Philharmonie unter Adam Fischer nach Wien, um in annähernd original großer Besetzung den Tobia aufzuführen.

Zwar wurde die Veranstaltung im Vorfeld von erheblichen Absagen von Söngern heimgesucht, die Riege, die aber heute antrat, erwies sich als äußerst versiert im Umgang mit dem Haydn’schen Tonmaterial und den erheblichen Schwierigkeiten, die den Arien innewohnen:

Allen voran glänzte die ungarische Sopranistin Erika Miklósa als Raphael mit brilliantem Klang, geschmeidigen Koloraturen und klaren hohen, ja höchsten Tönen – eine Bravourleistung! Neben ihr konnte die an sich gut disponierte Ana Maria Labin als Sara sich nur noch schwer durchsetzen, wiewohl auch sie eine – gemessen an den CD-Aufnahmen – hervorragende Partie bot.

Der Tobias von Tenor Bernard Richter, der schon 2007 als Medoro in Harnoncourt’s Aufführung des Orlando paladino am Theater an der Wien eine solide Leistung bot, trat denn stimmgewaltig und phrasensicher auf.

Vater Tobit wurde vom italienischen Bassbariton Luca Pisaroni gewichtig und sicher in der teils recht schweren Partie gestaltet.

Einzig Annamária Kovács als Anna vermochte nicht ganz zu überzeugen, zu deutlich habe ich ihre Landsfrau Klára Takács von der Aufnahme Ferenc Szekers‘ im Ohr. Vielleicht ist auch die Besetzung mit Mezzosopran, wo Haydn eigentlich für Contralto schrieb, nicht ganz optimal.

Herausragend aber die Wiener Singakademie: die wirklich herrlichen kontrapunktischen Chorsätze Meister Haydns klingen räumlich, exakt ausgesungen, gewaltig.

Papa Haydn braucht keinerlei Vergleiche, auch nicht beim Oratorium, mit dem anderen ‘Jahresregenten’ Händel zu scheuen.

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