Ende mit Fragen

Über das Ende des Dritten Reiches ist wahrhaft schon genug geschrieben worden, sollte man meinen. Das sieht auch der britische Historiker Ian Kershaw so – allerdings harrt eine Frage nach wie vor der Beantwortung: Wie konnte Hitlers Imperium so lange durchhalten, als doch spätestens nach der Landung der West-Alliierten in der Normandie im Juni 1944 und dem Durchbruch der Roten Armee im Rahmen der Operation Bagration nahezu zeitgleich recht eindringlich klar wurde, dass man auf verlorenem Posten kämpfte. Und erst recht nach der missglückten deutschen Offensive in den Ardennen im Dezember: warum also konnte es noch über vier Monate dauern, ehe Nazi-Deutschland endlich kapitulierte?

In der Tat gab es dazu bislang keine umfassende Studie. Die eben hat Ian Kershaw nun vorgelegt:

Das Ende: Kampf bis in den Untergang – NS-Deutschland 1944/45 ist in der Tat ein gelungener Versuch, plausible Gründe für das überraschend lange Durchhalten zu benennen, das in seiner schrecklichen Konsequenz die Opferzahlen des europäischen Kriegsschauplatzes exorbitant in die Höhe trieb und insbesondere die deutschen Verluste nochmals verdoppelte.

Gerne werden die Brutalität des Regimes und Hitlers Starrsinn sowie die Angst der Deutschen vor der propagandistisch überhöhten Abscheulichkeit der Roten Armee als Gründe genannt. Kershaw kommt hingegen zum Ergebnis, dass das alles keineswegs verantwortlich für die enormen Anstrengungen der Deutschen in einem längst verlorenen Krieg war – jedenfalls nicht allein. Und es waren auch nicht die strategischen und taktischen Fehler der Alliierten: zwar lieferte insbesondere Montgommery von der Stunde der Landung in der Normandie an eine Serie von Fehlschlägen, für die ihm nahezu allein die Verantwortung zuzuschreiben ist, und blieb stets hinter allen Zeitplänen zurück, es ließen sowohl die Amerikaner als auch die Russen jeweils ihre größte Chance auf ein frühes Durchstoßen ins Innere des Deutschen Reiches ungenutzt, doch das alles stellt sich in erster Linie aus der Sicht alliierter Historiker als wesentlich für die Dauer des Endkampfes dar.

Man kann in dieser Frage den Effekt des Stauffenberg-Attentats nicht hoch genug einschätzen: indem Hitler überlebte, blieb auch nicht mehr der kleinste Raum für Widerstand gegen die absurden Befehle des Führers und seinen festen Willen zum Untergang; auch musste vor allem die Wehrmacht, voran das Offizierskorps und die Oberkommandierenden, nach dem 20. Juli 1944 mit gesteigertem Fanatismus auftreten, um das schlechte Licht zu kompensieren, in welches der Attentatsversuch die ganze Truppe gestellt hatte. So haben Stauffenberg und seine Mitverschwörer mit ihrem stümperhaften Umsturzplan zwar der Nachwelt ein moralisches Trostpflästerchen hinterlassen, tragen aber wohl große Verantwortung für den Tod von mehreren Hunderttausenden Opfern des Regimes.

Klar arbeitet Kershaw heraus, wie klar sowohl den Schergen des Regimes – in den Parteiorganisationen und der SS – als auch den meisten in den bewaffneten Kräften – Offizieren wie Soldaten – gewesen ist, dass die Verbrechen, die man selbst im Osten begangen hatte, sich nunmehr unvermeidlich über Deutschland selbst ergießen würden. Und die Angst vor der brutalen Vergeltung der Roten Armee sorgte für verzweifelte Gegenwehr und ausdauernden Widerstand. Dabei stand insbesondere bei der Truppe weniger die Propaganda im Vordergrund, welche die Russen als Bestien und erbarmungslose Untermenschen darstellte, sondern das unzweideutige Wissen um die eigenen Verbrechen, für die es nun ganz zu Recht Vergeltung zu befürchten galt.

Nicht nur die höchsten Kader des Regimes – neben Hitler, dem klar war, dass er von niemandem erwischt werden wollte, das führende Quartett Himmler, Bormann, Goebbels und Speer – sondern auch die Parteifunktionäre aller Ebenen sahen keine Chance, den Untergang des Regimes zu überstehen. Also entwickelten sie große Energie in der Mobilisierung des Widerstands – um sich später dennoch als erste abzusetzen.

In der Bevölkerung überwog die Meinung, dass der Krieg ohnehin verloren sei, wenn das auch kaum öffentlich geäußert werden konnte. Nach dem gescheiterten Attentat überwog jedoch die Ausweglosigkeit: der Krieg war verloren, aber Alternativen zum Weiterkämpfen ergaben sich auch nicht; erst als die Alliierten im Westen unmittelbar vor den Toren standen, drängten verschiedene lokale Kräfte darauf, den drohenden Totalschaden durch eine kampflose Übergabe noch abzuwenden. Dies aber erst so kurzfristig, dass es je nach Personal von Partei, Wehrmacht und Zivilgesellschaft nahezu von Ort zu Ort verschieden ausging.

Im Hinblick auf die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches sind inzwischen viele beteiligte gewürdigt worden, an ihrer Spitze zweifellos Rüstungsminister Albert Speer, dem es gelang. bis zum völligen Zusammenbruch der Transportmöglichkeiten die kriegswichtige Waffen- und Munitionsproduktion aufrecht zu erhalten, allerdings um den Preis einer vollständigen und plötzlichen Implosion jeglicher wirtschaftlicher Tätigkeit im April 1945.

Ian Kershaw hat mit der Studie sicher einen wesentlichen Beitrag zur Klärung dieser Frage geleistet, wenn auch im Detail noch viel aufzuarbeiten sein wird. Obendrein ist ihm – selbst in der deutschen Übersetzung – das Lob auszusprechen, ein überaus lesbares Buch geschrieben zu haben.

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