Der Blick von drüben

Über diese gigantische Schlacht ist viel geschrieben und allerdings auch viel gelogen worden, bewusst oder unterbewusst, sie ist zu dem entscheidenden Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs stilisiert worden, obzwar sie eigentlich bloß der Punkt der äußersten Dehnung des deutschen Vormarsches war, der sich in der Weite des russischen Raumes von vornherein totlaufen musste.

Die Betrachtung war aber bislang eine eher schiefe: es gab aus der Sowjetunion nur die offiziöse Darstellung, aus der bis heute der Geist Stalins weht, und selbst im modernen Russland wird an der Legende vom Großen Vaterländischen Krieg auch im Detail nicht gerüttelt.

Dabei bergen die ehemals sowjetischen Archive wahre Schätze: Die Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht.

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Mitten im Krieg, als noch keineswegs sicher war, ob der Ansturm der deutschen Horden sich bremsen oder gar zurück drängen lassen würde, gründete man aus einem Kreis von Historikern eine Kommission, die an die Fronten reiste und Beteiligte, vom General bis zum Schützen, aber auch nichtmilitärisches Hilfspersonal und etliche Zivilisten befragte.

Die Historiker um den Moskauer Geschichtsprofessor Issak Minz erfassten die Aussagen von hunderten Kriegsteilnehmern, darunter auch etlichen deutschen Gefangenen, in akribischer Weise, penibel protokolliert und unkommentiert wie ungeschönt – und genau so blieben sie zum Glück in den vergessensresistenten Archiven erhalten.

Der Historiker Jochen Hellbeck durfte dieses Archivmaterial nicht nur sichten sondern auch übersetzen und publizieren, obgleich es in Russland selbst noch keineswegs öffentlich zugänglich ist.

Im Gegensatz zu einer deutschen Stalingrad-Literatur, die durchwegs vom verratenen Heldenmut getränkt scheint, treten aus den russischen Protokollen reale Menschen entgegen, die von Angst und Hass erzählen, die sich anschicken, Heimat und Sozialismus zu verteidigen als die Pfeiler ihrer unabhängigen Existenz.

Wenn sich die deutschen Strategen unter dem Einfluss Hitlers in einem wesentlichen Punkt ganz und gar verschätzt haben, dann war es zweifellos die Festigkeit der Heimatliebe und tiefe Verwurzelung des Stalinregimes in der Bevölkerung; mochte auch die Armee zu Beginn des deutschen Feldzugs wanken, der Koloss Sowjetunion stand keineswegs auf tönernen Füßen. Im Gegenteil, zusammen gebrochen ist das Deutsche Reich, weil es von vorn herein die Chance, die Sowjetunion zu besiegen, niemals hatte.

Aufgeräumt wird auch mit einem Vorurteil: dass der zähe russische Widerstand einzig Stalins berüchtigten Befehl Nummer 270 zu verdanken gewesen sei; es dürfte jedoch im Gegenteil echter Verteidigungswille gewesen sein, gepaart mit einer Änderung in der militärischen Führung, die an der deutschen Strategie zu lernen begann und nicht mehr einfach ganze Armeen umfassen und einschließen ließ.

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