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Ein Wiener Orpheus

Der Orpheus-Stoff ist in der Geschichte der Oper zahllose Male vertont worden. Umso spannender ist es natürlich, ab und zu eins der Werke abseits von Gluck oder Monteverdi zu hören zu bekommen. Im Rahmen der Resonanzen wurde heute im Konzerthaus eine konzertante Fassung von Johann Joseph FuxOrfeo ed Euridice gegeben.

Das Libretto des Wiener Hoflibrettisten Pietro Pariati sieht allerdings – im Gefolge der venezianischen Gepflogenheit, Opern um zwei konkurrierende Paare und ihre Liebesverwicklungen aufzubauen – einerseits den um Euridice werbenden Aristeo – der sich ihrethalben selbst entleibte, um in der Unterwelt weiter um sie werben zu können, vor, andererseits ein lieto fino: Euridice muss nicht zurück in die Unterwelt und Orpehus wird nicht von den Furien zerrissen.

Bemerkenswert sind im Libretto aber vor allem auch die direkte Ansprache des Kaisers – Karl VI., der Vater Maria Theresias, regierte 1715 in Wien – im Schlussgesang und die mehrfachen Anspielungen auf die Schwangerschaft von Kaiserin Elisabeth Christine. sie gebard denn auch den lang ersehnten männlichen Thronfolger Leopold, der jedoch nach kurzem wieder verstarb.

Fux, damals bereits Hofkapellmeister, komponierte sein Componimento da camera per musica in un atto für mehrfach besetztes Streicherensemble mit Continuo und Holzbläsern, unter anderem die damals in Mode gekommenen Klarinetten und das – leider heute wieder verschwundene – Chalumeau.

Die vielfach ausgezeichnete neapolitaner Capella della Pietà de’ Turchini unter ihrem Gründer und Leiter Antonio Florio spielten das formen- und variantenreiche Werk auf Originalinstrumenten und mit grossem Gespür für die feinen Nuancen.

Begeisternd war die aus Gorizia gebürtige Mezzosopranistin Romana Basso – die heuer schon in Vivaldi’s Armida für Begeisterung sorgte – als Orfeo. Klare, ungekünstelte Linien ohne exaltierte Verzierungen evozieren im Kontrast ihrer dunklen Stimme mit den ätherischen Höhen des Chors aus drei Sopranen, Alt und Tenor gleich zu Beginn Entrückung und Elysium, in die der Sänger kraft seiner Kunst vordringt.

Ihr zur Seite die noch blutjunge Francesca Boncompagni als Euridice, die zunächst noch allzu kindlich klingen wollte, doch im Laufe ihrer ersten, nicht eben einfachen Arie Sposo amato io veggo neben ungeahnten Höhen auch eine überraschend volle Sopranstimme hören ließ.

Den – in der griechischen Sage nicht vorkommenden – Liebhaber Aristeo sang der Apulier Giuseppe de Vittorio, ein kräftiger Tenor, doch eingangs etwas farbarm. Einen hervorragenden Eindruck hinterliessen auch die Soprane Maria Ercolano – Amore – und Valentina Varriale -Proserpina -, sowie der vom Komponisten mit nur zwei Arien bedachte Pluto Makoto Sakurata.

Mit diesem Orfeo boten die Resonanzen eine Perle aus dem barocken Opernschaffen am Wiener Hof, das leider tief in Vergessenheit geraten ist, wenn man von Glucks allseits bekanntem Meisterstück einmal absieht. Fux hat eine reichhaltige Musik geschaffen, die recht unaufgeregt daherkommt, aber tiefe Emotionen der Sängerinnen und Sänger wie eindringliches und auch solistisch brilliantes Musizieren im Orchester erfordert. Dieser ist nicht der einzige, aber ein bemerkenswerter Wiener Orpheus.

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