Aufklärung als Pläsir und Praxis

Unter Aufklärung kann man ja verschiedenes verstehen: ein recht gutes Beispiel dafür gibt Jürgen Overhoff in seiner Doppelbiografie Friedrich der Große und George Washington: Zwei Wege der Aufklärung. Der eine ist lupenreiner Demokrat, General des Unabhänigkeitskriegs und erster Präsident der neu begründeten Vereinigten Staaten von Amerika; der andere ist preußischer Autokrat, dem sein Volk nur insoferne ein Anliegen ist, als er es braucht, um seine Kriege zu führen.

Es eint sie wenig; noch nicht einmal, was sie je unter Aufklärung verstehen. Der Preußenkönig Friedrich II ist ein philosophischer Kopf, er debattiert gerne und gewährt auch Freiheit für ein breites Meinungsspektrum sowie Unterschlupf für radikale Denker, die andernorts nicht mehr geduldet werden. Auch in Fragen des Glaubens folgt er der Tradition seines Hauses: die von beständigen Kriegen entvölkerten Lande können fleißige Bauern gut brauchen, der preußischen Hauptstadt ermöglichen die merkantilen Elemente, die anderswo vertrieben werden, einen bemerkenswerten Aufstieg. Des alten Fritz eigene Regierung jedoch kümmert sich wenig um das Ergehen seiner Untertanen, es sei denn, er braucht sie – und die harten Zeiten, die sie mitmachen, sind Ergebnis von des allerhöchsten Königs wechselvoller Politik; sie weinen ihm demgemäß keine Träne nach, als er 1786 stirbt.

Über George Washington lässt sich hingegen wenig Nachteiliges sagen: in seiner Zeit ist es durchaus üblich, von der Freiheit zu reden, für sie ins Feld zu ziehen – und trotzdem auf den eigenen Besitzungen Sklaven zu halten. Der General ist weniger ein aufklärerischer Denker als ein Praktiker, was man in diesen Tagen als durchaus amerikanisch ansehen kann: diese bis heute fortdauernde grundsätzliche Haltung der Selbstbestimmung hat ihre Geschichte in der Einwanderung von Gruppen europäischer Glaubensverfolgter. Es ist die Freiheit der Kolonien, die sie anzieht, denn die Wirtschaftskraft ist noch nicht in der Lage, große Ausstrahlungskraft zu entwickeln.

Abgesehen von der mitunter interessanten Parallelität der beiden Lebensläufe findet sich – natürlich bedingt durch den knappen Raum einer wenig umfänglichen Doppelbiografie – in dem Band nichts Neues. Aber auch der Aspekt dieser Parallelität ist über die Gleichzeitigkeit der Lebensdaten hinaus wenig tragfähig. Diese beiden Leben beziehen sich nicht aufeinander und lassen sich auch nur in einem sehr hypothetischen Raum aufeinander beziehen. Das Experiment scheitert, weil es nichts bringt.

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