Fruchtbarmachung einer blutigen Angelegenheit

Dass frühneuzeitliche italienische Fürstentümer und Republiken keine Kindergärten waren, ließ sich immer schon erahnen. Dass auch die Medici trotz ihrer überragenden Rolle für die Kulturgeschichte gewiefte politische Taktiker und nicht selten skrupellose Machtmenschen waren, darf eigentlich auch nicht verwundern.

Die Verschwörung: Aufstieg und Fall der Medici im Florenz der Renaissance ist zunächst einmal ein blöder Titel. Das Original April Blood. Florence an the Plot Against the Medici ist da schon entschieden besser, denn wir wissen ja die Medici in die Renaissance und nach Florenz einzuordnen, was das einzige Bedeutungselement des deutschen Untertitels ausmacht. Gleich vorweg: vom Fall der Medici ist im Buch auch erst im Nachwort die Rede. Mit deutschen Buchtiteln scheint sich eine Entwicklung zu wiederholen, die schon bei Filmen in ein veritables Desaster führte.

Schade, denn das Buch ist abgesehen von seiner Titelverfehlung wirklich gut: es beschreibt das Florenz des fünfzehnten Jahrhunderts, in dem sich die Medici anschicken, ohne formelle Funktion die Herrschaft in der Republik an sich zu ziehen – und jene größe Verschwörung gegen Leib und Leben des Lorenzo – genannt il magnifico -, der zwar sein Bruder zum Opfer fiel, aber sonst in erster Linie die Attentäter, ihre Mitverschwörer und deren Familien, sowie letztendlich die Freiheit der toskanischen Adelsrepublik.

Verdienstvoll ist wirklich in erster Linie die Aufarbeitung des politischen Umfelds in Florenz aber auch im Italien der Zeit, was auch kaum voneinander zu trennen wäre. Dass insbesondere Lorenzo de’ Medici nicht nur der Prächtige war sondern auch ein Schurke von welthistorischem Format, wird plastisch erfahrbar, auch, wie eine Machtpolitik funktionierte, in der dem Inhaber der realen Macht keinerlei offizielles Amt zu Gebote stand. Insoferne ist diese Geschichte ein Lehrstück gerade für jene heutigen Demokraten, die an der Filzokratie in unseren Systemen wenig auszusetzen finden.

Martines erzählt spannende Geschichte und hat zugleich ein prächtiges Buch geschrieben für Zyniker, obwohl der Autor sich nach Kräften bemüht, dem gegenzusteuern. Im Kern der Erzählung steht jener Anschlag am 26. April 1478, in dessen Verlauf zunächst Lorenzos Bruder Giuliano zum Opfer fiel, dann aber die ersten Verschwörer und Mitglieder der konkurrierenden Adelsfamilien, die sich nicht weit und sicher genug entfernt von Geruch der Verschwörung befanden – bis hin zu Lorenzos Schwager aus der hochgestellten Familie der Pazzi, die sofort als Zentrale des geplanten Staatsstreichs ausgemacht wurden. Im Hintergrund aber zogen einflussreiche Mächte der Apenninhalbinsel die Fäden: Papst Sixtus, der König von Neapel und andere, denen die Selbständigkeit der florentinischen Politik seit jeher ein Dorn im Auge war oder die alte Feindschaften in die gemeinsamen Pläne trieben.

Minutiös beschreibt Martines den Aufbau der Verschwörung, lässt zeitgenössische Dokumente zu Wort kommen und spart dabei nicht mit Einblicken in ein Zeitalter, in dem vieles nicht zu dem Ruf der kulturellen Höhe passen will, auf der wir es wähnen: hier herrscht weitgehend noch mittelalterliche Brutalität, ist der Begriff von Recht ein vollkommen anderer, funktioniert Macht noch sehr direkt.

Wir lernen: der Kunstsinnige Mäzen und erfolgreiche Bankier Lorenzo de’ Medici, dem wir heute einen Teil der Kunstschätze Florenzens glauben verdanken zu dürfen, hatte wenig Skrupel, Leute aus dem Volk oder Gleichgestellte einer ziemlich raschen und erbarmungslosen Gerichtsbarkeit zuzuführen; da wurden etliche gleich aus den Fenstern der Paläste gehängt und tagelang zur Schau gestellt, vor allem aber deren mitunter weit durch das frühe Europa verzweigte Vermögen akribisch aufgespürt und eingezogen, ja sogar die Tilgung aus Bildern und von Namen aus Dokumenten wurde bereits praktiziert.

Das Buch beschreibt eine recht blutige Angelegenheit in einer ansonsten mit wärmster Affirmation wahrgenommenen Epoche, ist dabei selbst aber verständig komponiert und bietet neben dem Fortgang der Geschichte auch zahlreiche Tiefenbohrungen in Gestalt von Biografien handelnder Personen oder Abschweifungen in die angrenzenden Zeitalter, die erst eine Einordnung des Geschehens fruchtbar machen.

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