Das Volkstheater scheint ziemlich am Ende zu sein

Man mag Maxim Gorki als Dichter einreihen, wo man will: als einen großen Russen im besten Sinne einer langen literarischen Tradition oder als sozialistischen Dampfplauderer, der er zu Ende seines Lebens wohl war, nachdem er sich von den Sowjets hat zurück in die Heimat des Sozialismus locken lassen. Was er aber auf keinen Fall verdient hat, ist eine Neudichtung – auch wenn sie in Gestalt einer der heutigen Zeit angepassten Übersetzung daher kommt.

Das Wiener Volkstheater scheint aber mangels budgetärer Freiräume gerne auf irgendwelchen Murks zurück zu greifen, solange der recht wenig kostet – zumindest bin ich geneigt, die textliche Adaption von Gorkis Kinder der Sonne – erstmals erschienen 1905 im Angesicht der misslungenen ersten Revolution – darauf zurück zu führen, denn es kann ja nicht eines Theaterdirektors Ansinnen sein, einem profunden Text quasi mit dem Holzhammer Gegenwartsbezüge einzuimpfen. Das Theater hat das bislang ohne Textvergewaltigungen zustande gebracht – man nennt das auch Inszenierung. Ist es also notwendig, dass im Stück fortwährend von Gentechnik gesprochen wird? Bin ich als Theaterbesucher – in deren Augen – zu blöd, das von alleine zu kapieren?

Also: die Textversion von Ulrike Demme ist scheußlich. Von Gorki ist da nicht viel geblieben, Übersetzung also eher ein Euphemismus. Die Inszenierung von Nurkan Erpulat ist unbeholfen: er weiß mit dem Personal, das fast durchgehend samt und sonders auf der Bühne herum lungert, wenig anzufangen. Gleichermaßen mit dem Holzhammer werkelt die Regie, indem das im Stück wohlweislich – bis auf die Antonowna und den Schlosser Jegor – ausgeblendete Proletariat – oder Volk, wie man will – noch um einige Handlanger ergänzt, deren Funktion es ist, in einem entscheidenden Moment die Arbeit nieder zu legen. Oh Überraschung, ohne die Tätigkeiten der Untergebenen und Unsichtbaren bricht die bürgerliche Welt sang- und klanglos zusammen…

Das ganze hat was von agitierendem Theater, ist aber von dessen großen Tagen doch recht weit entfernt. Dadurch, dass die Dinge platt bei ihren Namen genannt werden, wird aus der Vergegenwärtigung des Stücks eine Boulevardisierung – die Veranstaltung hinterlässt einen Nachgeschmack wie die Berichterstattung über den Klimawandel in heute oder Kronenzeitung.

Dabei ist Kinder der Sonne durchaus in unsere Zeit einbettbar – wenn nicht in jede Zeit überhaupt, da es eine Gesellschaft von privilegierten Gutmenschen, die sich enorm auf ihr Ding zu Gute halten, nahezu immer und überall gibt; das Scheitern dieser Ambitionen vor der Realität aber auch. Gorki hat ein Parabel von bleibendem Wert geschrieben, das Volkstheater hat daraus einen faden Abend gemacht.

Das liegt aber auch an den Darstellern. Man scheint sich – auch im Vergleich mit dem Schnitzler früher in dieser Saison – vorwiegend selber zu spielen, artifiziell und schauspielschülerhaft, grell überzeichnet – vor allem Nanette Waidmann und Heike Kretschmer – oder vollkommen fehl am Platz Günther Wiederschwinger, dessen Künstler direkt aus dem Wiener Fin de Siecle Schnitzlers zu stammen scheint.

Passabel Patrick O. Beck als realitätsblinder Forscher Pawel Fjodorowitsch, gänzlich indiskutabel aber Claudia Sabitzer als Melanija.

Das Volkstheater scheint ziemlich am Ende zu sein. Mal sehen, was demnächst die Adaption von Joseph Roths Hotel Savoy bringt…

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