Vom Verschwinden der Musik im Zeiterleben

Für die Neue Musik muss man meistens eine gute Portion ebenso guten Willens mitbringen, das äussert sich immer wieder in den Konzerten von wien modern. Vieles ist weniger Komposition als Programm, weniger Musik als Konzept.

So auch beim Amerikaner Morton Feldman: sein Streichquartett No. 1 von 1979 bietet wenig ausser ziemlich ausufernder Länge. Mit eineinhalb Stunden gehört es zu den längsten der Gattung – wenn auch Feldman selbst des weiteren noch deutlich längere schreiben sollte -, doch ist es inhaltlich dürftig.

Man muss sich schon auf das Experiment des Hörens geringster Veränderungen einlassen – wollen -, um hier zu profitieren. Das mag je nach Einstellung erzwingbar sein oder je nach Stimmung sich einfach ergeben. Ich hatte das Glück, trotz anfänglicher Müdigkeit am Ende eines langen Tages in einen fühlbaren Gleichklang mit Feldman’s Musik zu fallen.

Es sollte aber nicht vorausgesetzt werden, dass das zustande kommt. Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich bei diesem opus magnum genausogut auch quälend langweilen könnte. Die musikalische Suppe ist ziemlich dünn, das Konzept steht eindeutig im Vordergrund – und es ist eines, das dem Zuhörer Experimente im Zeiterleben vorschreibt.

Ich glaube – und muss glauben, da ich es nicht weiss -, dass die Partitur wie fast alle zeitgenössischen Werke ihre Schwierigkeiten aufweist, und daher ist wahrscheinlich die Aufführung durch das Arditti Quartett – das sich ja immer schon der allerneuesten Musik freudig angenommen hat – zusätzlich zur Länge wohl auch eine performative Leistung.

Ein Effekt des Werks ist jedoch das Verschwinden der Musik in der Zeitstruktur, und damit ist wohl das Ensemble dann am besten, wenn es in der Wahrnehmung verstummt – bis zu jenem ruhig wabernden, lang anhaltenden Ton am Ende, der wieder zurück in den Mozart-Saal führt und zurück in die Präsenz der vier Musiker.

Der Abend macht jedoch auch deutlich, wie stark diese Konzept-Musik vom Willen des Publikums, sich auf das Aussermusikalische einzulassen, abhängig ist. Im Publikum gab es sichtlich alle drei Gruppen: die schon bald nervös auf ihren Stühlen zu wetzen begannen, die sich steinern um Aufmerksamkeit und fachgerechte Anmutung bemühten – und die offensichtlich entrückten. Für die inzwischen doch erreichte Qualität des Publikums von wien modern spricht, dass keine geräuschvollen Abgänge zu verzeichnen waren.

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