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Die bessere Sylvester-Wahl

Der letzte Tag des alten wie der erste des neuen Jahres sind ja kulturell eher dürftiges Terrain. Zumindest kann ich dem Humptata-Ritual des Neujahrskonzerts wenig abgewinnen. Und eine traditionelle Aufführung von Otti Schenks Fledermaus geht erst recht nicht. Ganz und gar nicht. So Leiche kann ich bei Lebzeiten nicht sein.

Zur Rettung steht allerdings diesmal das Theater an der Wien bereit: man gibt den Don Giovanni in der eh schon bekannten, inzwischen etliche Jahre alten aber immer noch guten Hotel-Inszenierung von Keith Warner – mit Erwin Schrott in der Titelpartie!

Erstens kann ich Mozart fast immer, den Don Giovanni sowieso mehrmals im Jahr, und diese Inszenierung alle paar Jahre gerne wieder (das erste Mal fand schon vor Beginn dieser Aufzeichnungen statt, daher kein Link; wohl aber einer zur diesjährigen MET Neuinszenierung mit Simon Keenlyside, einen zum musikalischen Schiffbruch des allseits überschätzten GMD Welser-Möst sowie einen zur vorherigen MET Inszenierung mit Mojca Erdmann als Zerlina).

Das ist nun tatsächlich einen genüsslichen Vergleich wert: und zwar mit Mari Eriksmoen, die hier in Wien erstmals die Zerlina gab. Zu hören war eine sanglich brillante, zu sehen eine gar nicht norwegisch kühle, schelmische und obendrein gar hübsch anzusehende Verführerin, die ihrerseits mit dem notorischen Verführer spielt.

Als Don Giovanni agiert Erwin Schrott die Möglichkeiten des zynischen Womanizers mit geradezu stupender Glaubwürdigkeit aus. Die Regie erlaubt ihm aber auch wirklich alles, was Gott verboten hat. Ille vir beatus, wie der Lateiner seufzt.

Ihm zur Seite ein Leporello, der zunächst wirkt, als sei er direkt aus Hallo Hotel Sacher – Portier! engagiert – nur agiert er von Beginn an deutlich intelligenter als ich den drögen Fritz Eckhardt in Erinnerung habe (nebenbei bemerkt ist es erschreckend, mit welchem Müll unser Gedächtnis sich belastet, ohne dass wir dagegen was tun könnten).

Die Opfer, Jane Archibald als sexy Donna Anna und die resolut komödiantische Jennifer Larmore als Donna Elvira, singen sich durch Mozarts schillernde Koloraturen – insbesondere die große Arie Elvirens im zweiten Akt wird mir als besondere Perle in Erinnerung bleiben – und nutzen den darstellerischen Spielraum, den die Regie ihnen bietet, weidlich aus.

Als wirklich komischer Masetto glänzt Tareq Nazmi– zum ersten Mal im Theater an der Wien zu hören – mit einer gelungenen Integration von Ton und Pointe. Tolle neue Stimme.

Der junge Saimir Pirgu schlägt sich wacker als Don Ottavio, ja verleiht der im Werk höchst langweilig angelegten Figur sogar ein paar lichte Momente der Charakterzeichnung.

Dem Commendatore hat Mozart ja nicht eben die aller-umfangreichste Rolle geschrieben, dafür einen umso gewaltigeren Schlusspunkt überlassen: diesen intoniert Lars Woldt aus tiefsten Registern, dass es einen fürwahr schaudern macht.

Dafür bevölkern Damen des Arnold Schönberg Chores die Szene, die nicht nur hervorragend zu singen verstehen, wie immer, sondern dieses Giovanni’ fellini’sche Weltsicht aufs Feinste illustrieren.

Sir Ivor Bolton führt das Mozarteumorchester Slazburg mit großer Achtung vor der Dynamik, vor allem zollt seine Interpretation den Piani gebührend Respekt.

Sowieso kann ich den Don Giovanni oft und öfter sehen und hören, aber diese Aufführung wird mir lang und länger in Erinnerung bleiben.

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