Himmlische Gärtnerin

Der Oper La finta Giardiniera von Wolfgang Amadé Mozart eilt nicht eben der beste Ruf voraus: unbrauchbar sei ihr Textbuch, zu anspruchsvoll die Musik des nicht mehr jugendlichen Mozart – und viel gespielt wurde sie ja doch nie, schon gar in ihrer italienischen Version. Als späteres deutsches Singspiel erlebte sie zumindest einigen Zuspruch. Dass sie nun im Theater an der Wien gespielt wird, ist an sich schon ein Pluspunkt.

Der Geschichte selbst wäre einzig vorzuwerfen, dass sie nicht ganz den Klischees einer Opernhandlung entspricht: der Mord ist schon vorher passiert, und stellt sich als bloßer Anschlag heraus, den das Opfer überlebte. Und eben dieses Opfer will dem Täter nicht und nicht böse sein, sie liebt ihn weiterhin – und das schlimmste für sie ist, dass er ihr offenbar untreu wurde, nicht dass er sie beinah erstach…

Bedauerlicherweise lädt dieses Szenario mit offenen Scheunentoren zur Psychologisierung ein. Und Regisseur David Alden, der in München schon reihenweise Prämierungen und Preise einheimste, kann dem natürlich nicht widerstehen. Sein Konzept sieht es vor, dass die Menschen auf der Bühne sich wie im Wahnsinn gebärden – allerdings leitet Mr. Alden das Geschehen so an jeglicher Stringenz und Logik vorbei, sodass bald überhaupt nicht mehr klar ist, was da eigentlich los ist.

Mr. Alden und seine Ausstatter – Paul Steinberg, Bühne, und Wolfgang Goebbel, Kostüme – versetzen die Geschichte kurzerhand ins faschistische Italien vor dem Krieg, und stellen mit dem Podestà Don Anchise eine Schmalspurkopie des Duce auf die Bühne, einen lokalen Potentaten.

Dass Dinge, die Regisseure machen, nicht zwangsläufig in den Stücken selber stehen, ist man ja eh gewohnt. Schlimm wird es, wenn sich Elemente dieser Konzeption verselbständigen und, wie im Fall von Mr. Aldens Gärtnerin aus Liebe, zusammenhanglos nebeneinander her zu existieren beginnen. Da geistert ein Mussolini herum, eine Frau, die von Dolchstoß-Bildern besessen ist – das einzige, was einen aufgrund der Vorgeschichte nicht erst zu wundern braucht -, sucht ihren Liebsten, andere wollen heiraten, doch es ist der Falsche, und eben dieser Falsche, der nämlich zugleich der Liebste und vermeintliche Mörder der Gärtnerin ist, stolpert wie eine Jerry-Lewis-Karikatur durchs Bühnenbild. Überzuckert wird das Ganze mit spontanen vermeintlich lustigen Einfällen, als etwa in der Entführungsszene Delphinbilder aus dem schwarzen See des Irreseins auftauchen oder sonstige Sperenzchen.

Verwirrung und Ratlosigkeit werden aber zum Glück niemals so gross, dass sie die eigentliche Oper zu überdecken vermögen, sie stören das Gesamtkunstwerk, aber nicht die Musik.

Sophie Karthäuser dominiert das Ensemble von Anbeginn: erstens ist sie eine wahre Augenweide – was auf Opernbühnen keineswegs zum Standard gehört und schon gar nicht, seit auch Annissima Netrebko beständig Kilos zulegt – und zweitens singt sie die himmliche Musik Mozarts in ebenso himmlischer Weise. Das allein wäre schon genug.

Sie scheint aber auch inmitten all der Verrückten und von der Regie in falsche Bilder und Zusammenhänge gestellten Irrlichter die einzig normale Figur, obgleich sie es ist, die dem höchsten Schmerz und der tiefsten Verzweiflung ausgesetzt ist. Mozart hat ihr beinah das gesamte Repertoire der Gefühle in Musik gesetzt, und die belgische Sopranistin meistert mit Bravour und Innigkeit.

Der Podestà Jeffrey Francis singt eher entlang der Inszenierung als der Partitur, der in Australien geborene Finne Topi Lehtipuu gibt den Trottel vom Dienst, singt aber seinen Part passabel.

Wirklich gut wiederum – wie schon als Agrippina – die bulgarische Sopranistin Alexandrina Pendatchanska als Armida. Es ist, als hätte der Wolferl die Partie ihr auf die Kehle geschrieben…

Ferner sangen die Koreanerin Sunhae Im die Serpetta, Marie-Claude Chappuis den Cavaliere Ramiro und Robert Nagy den Diener Roberto / Nardo.

Ganz ausgezeichnet auf die frühe Klassik eingestellt ist das Ensemble: das Freiburger Barockorchester unter der Leitung von René Jacobs versteht es, Mozarts Klangwelt glaubwürdig umzusetzen und wird dabei niemals pickig oder kitschig. Gerade Mozarts Musik hat bei aller Schwierigkeit der Partitur nichts Artifizielles, wie sie bei aller Spielfreude nichts Wienerisch Verhudeltes verträgt. Sie ist klar, feingliedrig und clever – und so gehört sie auch gespielt. Und dann ist, wie bei den Freiburgern, auch die vermeintliche Kompliziertheit dieser Oper nicht wirklich nachvollziehbar. Danke!

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