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Nönnchenleiden

Die junge Dame aus gutem Haus ist ein Wenig ängstlich, die Zeitläufe machen ihr Angst: draussen vor ihres Vaters Hauses Toren wütet die Revolution, die französische, die gerade dabei ist, Geschichte zu machen. Und das Mädel flüchtet sich zu den Nonnen, um selbst eine zu werden, denn im Kloster ist die Angst noch am ehesten auszuhalten. Und geschieht, was geschehen muss, damit aus einer doofen Ballade eine Oper werden kann: die Revolution holt die geistlichen Damen in die Welt zurück, und das dämliche Nönnchen muss sich entscheiden zwischen Glaube und Realität.

So ist jedenfalls Francis Poulenc bemüht, die Dinge zu sehen, dessen Oper Dialogues des Carmelites neuerdings gleich mehrfach Rückkehr auf die Spielpläne hält:
Francis Poulenc - Dialogues des Carmelites
Die Aufnahme aus der Scala erschien im Sommer 2007 – gespielt wurde schon 2004 im Teatro dei Arcimboldi, während das Haupthaus saniert wurde.
Die Hamburgische Staatsoper gibt derzeit eine Aufführung unter Simone Young, welche auch letzthin auf 3sat zu sehen war.

In Wien nimmt sich im Theater an der Wien der Chefdirigent des RSO, Bertrand de Billy, des zwiespältigen Werkes an – in einer reduzierten und darum wohl eher uninteressanten Inszenierung von Robert Carsen: bezeichnend ist die Bewegungslosigkeit der Akteure, die aber auf eine schon recht ärgerliche Weise zur Monotonie des Librettos passt.

Nun, man geht zwar für gewöhnlich nicht wegen des Inhalts in die Oper, aber eine vollkommenere Strapazierung der Vernunft, als sie diese Geschichte darstellt, ist kaum noch vorgekommen. Die Urgewalt der Revolution in den daumennagelgroßen Seelenspiegel eines Nönnchens zu zwingen, und uns darin eine Parabel von der Angst vor dem Tod, die sich durch Gottes oder des Glaubens Hilfe als Angst vor der Angst entpuppt, vorzuspielen, ist schon sehr gewagt einfältig – und tendenziös: die Angst der Blanche de la Force – nicht dass es nicht ängstliche Mädchen geben könnte – entspringt dem alleinigen Wunsch des Pamphletisten, sie zu läutern und ihren Weg in Erlösung kulminieren zu lassen.

Dazu wird viel Musik bewegt, die ihr neoklassizistisches Zuspätkommen in der Gegenwart ihrer Entstehungszeit, nachdem Poulenc einstmals sogar 1921 nach Wien zu Schönberg, Berg und Webern gereist war, um sich anregen zu lassen, nur schlecht verhehlen kann. Das Wollen tiefer Erschütterung geht vor, leider in einem penetranten Ausmaß, dem auch die feinziselierte Leitmotivik wenig von seiner Scherfälligkeit nehmen kann. Dabei könnte das Stück als grenzenlos modern gelten – wäre es hundert Jahre früher geschrieben worden.

Der ganze erste Akt ist eine Qual – schon gar in dieser Inszenierung, wenn man der gewaltsamen Metapher der Erlösung durch die Erlösung nicht folgen kann – weil einem halt das Denken im Weg steht, dass alles ganz einfach wäre: denn niemand zwingt die Karmeliterinnen, in den Tod zu gehen. Sie provozieren ihr Schicksal mit der Absicht zum Märtyrertum, und werden noch bestärkt von ihrer Oberin.

Schade eigentlich, dass die Nischen, welche große Häuser der modernen Oper widmen, mit solchen aus der Zeit gefallenen Harmlosigkeiten verstellt werden. Das ganze hat, speziell in der Schluss-Sequenz, wenn ein (nicht in der Partitur befindlicher) elektronischer Gouillotinierungsakkord die an sich eindringliche Verstummensszene, wo nacheinander die sterbenden Nonnen aus dem Salve Regina ausscheiden, ins Musicalhafte verreißt. Klar, das Gemüt neigt dazu, sich von derlei Theatereffekten stimulieren zu lassen… aber das hätte vermutlich das Verstummen der Sängerinnen nach und nach genauso geschafft.

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