Die große Ödnis der russischen Seele

Ich hatte mich durchaus gefreut auf Léos Janáceks Suite für Bläsensextett Mládi – doch hat ein übelwollender Krankheitsteufel wenig Einsehen mit mir. Wegen Ausfalls eines essentiellen Musikers wird das Programm des Klangforum Wien unter Emilio Pomárico empfindlich verändert.

In diesem zweiten Konzert des Zyklus Festliche Tage alter Moderne im Theater an der Wien wird vor allem umgestellt und die Gesänge für Sopran und Orcheser Slopiewnie von Karol Szymanowski eingeschoben. Die aus Long Island gebürtige Sopranistin Marisol Montalvo – Finalistin im Belvedere Gesangswettbewerb sowie Gewinnerin der Metropolitan Opera National Council Auditions und derzeit am Opernhaus des Jahres in Basel – bringt hohe Prägnanz und gestalterische Eleganz in die fünf Lieder des Polen.

Auch ihre Interpretation der an sich eher langweiligen Balmont Lieder von Nikolai Obuchow – gespielt in einem Arrangement für kleines Ensemble von Elmer Schönberger – rettet, was da noch zu retten ist. Lediglich das Kleid, das sie in diesem ersten Teil trägt, ist gelinde gesagt vulgär. Das scheint aber zumindest so manchen über das mopsige Werk hinweg getröstet zu haben.

Dass man offenbar Russe sein muss, um russische Gesänge zu mögen, beweist Modest Mussorgsky in Lieder und Tänzen des Todes – es ist zum Auslaufen öde, was Bariton Dimitrij Solowjow da elegisch vorträgt, doch den massenweise anwesenden Russen scheint’s zu gefallen. Es gibt also offenbar so etwas wie eine esoterische nationale Kultur.

Weit weg von diesem Russland zeigt sich indes Igor Strawinski, der spätestens mit der Oktoberrevolution zum Weltbürger – und das nicht zuletzt in musikalischer Hinsicht – wurde: sein Oktett für Bläser von 1923 ist ein dreisätziger Geniestreich, versteht der Wahlpariser es doch offenbar spielend, französischen Esprit und Vorwitz mit der Ernsthaftigkeit des inneren Russen zu vereinen.

Nervtötend neben den Russen – auf der Bühne wie im Publikum – machen sich aber auch die elendslangen Umbaupausen bemerkbar. Auch was Schauspieler Michael Dangl an einführenden und verbindenen Worten – von Achmatova und Kandinsky – bringt, ist hochgradig verzichtbar. Nur der Kommentar Strawinskis zu seinem Oktett vermag zu überzeugen. Ich hasse Literatur in Konzerten.

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