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Zu Gast: die Klassik der Moderne

Von harbran am 10. Juni 2009

Ausgerechnet die Bamberger Symphoniker kommen nach Wien, um uns die Quintessenz unserer zweiten Klassik zu präsentieren: Dirigent Jonathan Nott brachte ein Programm mit, das von den Wurzeln in Schönbergs Klavierstücken bis in die rhythmischen Ausbrüche in Bartóks Konzerten führte.

Einleitend spielte Pierre-Laurent Aimard die Drei Klavierstücke op. 11 von Arnold Schönberg. 1909 steckte Schönberg mitten im Umbruch: in den Klavierstücken hat er erstmals die Tonalität hinter sich gelassen. Doch sie sind nicht bloss ein historisches Dokument geblieben, sondern lebendige Klavierliteratur, zumindest wenn ein Könner wie Aimard sie spielt.

Alban Berg komponierte die erste Fassung seiner Drei Orchesterstücke op. 6 1914 am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Wie eine gespenstische Ahnung tauchen hier die späteren Schrecken in musikalischer Dichte auf. Die Bamberger stellten die impressionistischen Schrecken glasklar in den Raum des Großen Konzerthaussaals, vielleicht hielten sie sich stellenweise sogar eine Spur zu sehr zurück.

Nach der Pause folgten – als frühe Anleihe eines ernsten Komponisten an den Jazz – die Octandre von Edgar Varése – und so klingt das Werk auch: als sezierte jemand die rhythmischen Eigentümlichkeiten und gewohnten Melodielinien des Jazz und spielte jene Bauteile losgelöst von ihrem Zusammenhang. Das ist natürlich keineswegs der Fehler des Oktetts aus Bamberger Symphonikern, sondern wohl eher das Mißverständnis Varéses im Umgang mit dem fremden Material.

Danach spielte Pierre-Laurent Aimard mit schlagkräftiger Unterstützung der Schlagwerker ein stringentes, rhythmisch entfesseltes Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 von Béla Bartók, was dann in der Tat eine nicht so häufig gehörte Freude war.

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Aus Londoner Tagen

Von harbran am 6. Juni 2009

Haydn’s späte Symphonien – namentlich die Londoner – sind bereits reife Werke der Klassik. Der Begründer der neuen Symphonik und Experimentator schrieb sich in seinen letzten Jahren nicht nur von Erfolg zu Erfolg beim britischen Publikum, er hinterließ eine Reihe von Werken, die zum Großen in der Symphonik gehören, auch wenn viele Jahre lang im Konzertgeschehen eher Beethoven oder Mozart im Vordergrund gestanden waren und Papa Haydn etwas geringschätzig behandelt wurde.

Es sind weniger die vielen kleinen Ideen und sogar Gags, die ihn sympatschi machen. Es ist ein konsequentes Erobern neuen Terrains, das die Reihe seiner über 100 Symphonien durchzieht. In der Londoner Zeit hatte Joseph Haydn sich bereits einen musikalischen Kosmos geschaffen, der erst vom späten Beethoven wieder erreicht wurde – und dann längerhin von niemandem mehr.

Marc Minkowski und die Musiciens du Louvre – Grenoble spielten ihren Haydn trocken, ganz ohne die leichten Verschmierungen, die man gemeinhin mit einem irgendwie Wiener Stil zu verwechseln sich angewöhnt hat, und man ist durchaus geneigt, Minkowski die Bemühung um historische Genauigkeit zu glauben.

Gespielt wurden die Symphonie D-Dur Hob. I/96 “The Miracle” (1791), die Symphonie Es-Dur Hob. I/103 “Mit dem Paukenwirbel” (1795) und die Symphonie D-Dur Hob. I/104 “Salomon” (1795). Kleine aber sympathische Eigenheit: der Paukenwirbel wurde gleich als Einleitung sozusagen nach vorne an den Beginn der Symphonie Nummer 103 dupliziert.

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Kulinarisches Altbrot

Von harbran am 29. Mai 2009

Mit der gemächlichen, sich erst allmählich steigernden Passione (Hob. I/49) von Joseph Haydn eröffnete Bertrand de Billy einen Abend, der eine seltsame Kontinuität über doch fast zweieinhalb Jahrhunderte präsentierte.

Mit dem kleinen Klangkörper des klassischen Orchesters wirkte Haydns Komposition fast kammermusikalisch. Gerade das Adagio könnte auch, dünner besetzt, in einem seiner Streichquartette stehen. Das RSO Wien präsentierte eine luzide, langsame, geradezu kulinarische Reverenz an den großen alten Meister.

Mit einem mächtigen Sprung ins Zwanzigste Jahrhundert landete das Programm sodann bei Olivier Messiaen und seinem Orchesterlieder-Zyklus Poéme pour Mi, 1936 für Sopran und Klavier entstanden und im Jahr darauf in einer Fassung für Orchester mit umfangreicher Bläserbesetzung publiziert.

Nun ist Messiaen nicht gerade ein Neuerer oder Zertrümmerer gewesen, auch nicht in seinen frühen Jahren. So gesehen ist der Übergang von Haydn her noch eher fliessend. Die Schweizer Sopranistin Heidi Brunner interpretierte die Lieder mit zurückhaltender Intensität, präzise im Text, sicher in den Höhen.

Nach der Pause eins der frühen Werke, die Arnold Schönberg in den ersten Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts noch mit beiden Beinen fest in der gewissermassen orientierungslos gewordenen Nachromantik zeigen: noch ist von der Auflösung, durch die er später die Musik in die Gegenwart holen sollte, nichts zu bemerken, wohl aber von der Schwierigkeit, als junger Komponist in der Zeitgenossenschaft Gustav Mahlers zu stehen.

Sein Pelleas et Melissande baut Spannungsbögen, wie sie zu seiner Zeit schon gewagt werden, aber noch nicht mehr. Hier, will es scheinen, zögert die Moderne noch einmal vor sich selbst.

Das RSO hat gewissenrmassen in aller kulinarischen Rafinesse altbackenes Brot geboten, schöne Musik, aber nichts, was nicht auch andere Orchester zu bringen im Stande wären, die sich weniger lautstark der Pflege Neuer Musik verschrieben haben. Hervorragend musiziert aber.

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Hebung eines Schatzes

Von harbran am 24. Mai 2009

Gedenkjahre haben ja die nicht unerwartete Eigenheit, von ihren Jubilaren auch dies und das zutage zu fördern, das sonst nicht im Fokus des Interesses steht – manchmal geht das sogar so weit, dass echte Perlen dem Vergessen entrissen werden können.

Joseph Haydn hat 1775 sein erstes Oratorium Il Ritorno di Tobia geschrieben und damit beträchtliche Erfolge erzielt, nur um sich späterhin sozusagen selber in den Schatten zu stellen mit seinen Jahreszeiten oder der Schöpfung. Seither ist der Tobia so gut wie verschwunden, es gibt grade mal zwei Einspielungen, in Konzerten ist das Stück so gut wie nie zu hören.

Haydn-Jahr und Konzerthaus bringen nun auch die Österreich-Ungarische Haydn-Philharmonie unter Adam Fischer nach Wien, um in annähernd original großer Besetzung den Tobia aufzuführen.

Zwar wurde die Veranstaltung im Vorfeld von erheblichen Absagen von Söngern heimgesucht, die Riege, die aber heute antrat, erwies sich als äußerst versiert im Umgang mit dem Haydn’schen Tonmaterial und den erheblichen Schwierigkeiten, die den Arien innewohnen:

Allen voran glänzte die ungarische Sopranistin Erika Miklósa als Raphael mit brilliantem Klang, geschmeidigen Koloraturen und klaren hohen, ja höchsten Tönen – eine Bravourleistung! Neben ihr konnte die an sich gut disponierte Ana Maria Labin als Sara sich nur noch schwer durchsetzen, wiewohl auch sie eine – gemessen an den CD-Aufnahmen – hervorragende Partie bot.

Der Tobias von Tenor Bernard Richter, der schon 2007 als Medoro in Harnoncourt’s Aufführung des Orlando paladino am Theater an der Wien eine solide Leistung bot, trat denn stimmgewaltig und phrasensicher auf.

Vater Tobit wurde vom italienischen Bassbariton Luca Pisaroni gewichtig und sicher in der teils recht schweren Partie gestaltet.

Einzig Annamária Kovács als Anna vermochte nicht ganz zu überzeugen, zu deutlich habe ich ihre Landsfrau Klára Takács von der Aufnahme Ferenc Szekers‘ im Ohr. Vielleicht ist auch die Besetzung mit Mezzosopran, wo Haydn eigentlich für Contralto schrieb, nicht ganz optimal.

Herausragend aber die Wiener Singakademie: die wirklich herrlichen kontrapunktischen Chorsätze Meister Haydns klingen räumlich, exakt ausgesungen, gewaltig.

Papa Haydn braucht keinerlei Vergleiche, auch nicht beim Oratorium, mit dem anderen ‘Jahresregenten’ Händel zu scheuen.

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Kammerspiel vom Pazifismus

Von harbran am 23. Mai 2009

In seiner eigenen Laufbahn hat Benjamin Britten – zu sehr ungelegener Zeit: 1942 – die Verweigerung des Wehrdiensts durchgefochten. So ist ihm zeitlebens der Pazifismus ein auch künstlerisches Anliegen geblieben. Der Figur des Owen Wingrave, der ursprünglich aus einer Erzählung von Henry James stammt, hat Britten in der gleichnamigen Oper viel von sich selbst gegeben.

Genauso wie der Komponist im Großbrittanien des Zweiten Weltkriegs mit seiner Ablehnung des Kriegführens gegen eine gesamte Nation stand, so steht sein Bühnenheld Owen gegen die geballte Macht und Einigkeit seiner Familie, ja des ganzen mehr oder minder verwandten Personariums auf dem Landsitz der Familie. Man hat die Tradition militärischer Karrieren über Generationen geübt – daran gibt es nichts zu rütteln.

Was in dem jungen Mann vorgeht, beschreibt Britten in eindringlichen, zwischen Verzweiflung, Lyrik und Befreiung changierenden Passagen. Mit dem jungen britischen Bariton Andrew Ashwin steht ein stimmgewaltiger, der Breite des Ausdrucks souverän gewachsener Kämpfer auf der Bühne. Auch wenn seine Sache das Soldatentum nicht ist, zu kämpfen wofür zu kämpfen ihm lohnt ist er eindrucksvoll im stande.

Die Verwandten sind je auf ihre Art verrückt, eingesponnen in eine Vergangenheitsbehauptung seltsamer Natur: Ewa Biegas als Tante Wingrave, Brian Galliford als General Wingrave.

Dem jungen Owen zur Seite gegen die Meute seiner Verwandten stehen sein Lehrer – Craig Smith – und seine Frau, Rika Shiratsuchi, ganz und gar hinreissend.

Neben Owen glänzte im Ensemble vor allem Astrid Hofer als arrogante, hohle und irgendwo zuinnerst – vielleicht auch bloß früher einmal? – verständige Angebetete…

Die kammermusikalisch reduzierte Version von David Matthews läßt der Musik Brittens das Intensive, gut möglich, dass es in dieser Form sogar noch besser wirkt. Der musikalische Leiter der Kammeroper, Daniel Hoyem-Cavazza, dirigierte die Aufführung mit der nötigen Präzision, ja es ist wieder und wieder verwunderlich, mit welch hohem Einsatz und künstlerischer Verve in diesem Haus trotz suboptimaler Bedingungen musiziert wird.

Die Inszenierung von Nicola Raab bewegt sich ruhig im funktional abstrahierenden Bühnenraum von Anne Marie Legenstein, ohne dabei jemals statisch zu werden oder – im anderen Extrem – in artifizielle Manöver ausbzubrechen.

Diese Kammeroper ist für die Wiener Opernlandschaft wichtig, wie es im Grunde nur die Arbeit von echten Enthusiasten sein kann. Mit viel Geld ist bald wo was halbwegs zu machen – hier wird mit Herzblut Oper geschaffen. Danke!

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Ein Haufen hingeworfener Dinge ist die beste Ordnung

Von harbran am 17. Mai 2009

Das stellte schon der griechische Philosoph Heraklith fest – vor über zweieinhalb tausend Jahren. Ich konnte es heute feststellen: im Konzerthaus, bei der Matinee der Wiener Philharmoniker unter dem recht legeren Daniele Gatti.

Aber nicht der Dirigent des Tages hat es heute diesem vornehmlich besten Orchester der Welt angetan, sondern einer, der selber besser Dirigent geblieben und nicht auch noch komponiert hätte… Andre Previn, der als Dirigent schon Bleibendes geleistet hat, griff irgendwann einmal zur Feder und schrieb ein Concerto for Harp and Orchestra.

Nun ist die Harfe gewiss ein arg vernachlässigtes Instrument, schon gar bei der Konzertliteratur, und auch abwegige Instrumente taugen durchaus für Großartiges – siehe Albrechtsbergers Konzert für Maultrommel – doch wenn einer unter komponieren versteht, einen Haufen Dinge, die er schon mal wo gehört hat, in einen Betonmischer zu schmeissen und ein paar Runden durcheinander zu würfeln, dann kommt dabei allenfalls furchtbar Epigonales heraus.

Ich habe in sehr vielen Konzerten schon sehr lange keinen solchen Schmarren mehr gehört. Dass sich die Mitglieder eines der besten Orchester der Welt dabei – sichtlich – gelangweilt haben, braucht einen nicht zu wundern. Die besten Stellen im dritten Satz klangen dann auch wie fernes Herüberwehen von Stravinskij. Warum der junge Franzose Xavier de Maistre sich die Harfe ausgesucht hat, ist vermutlich sein privates Problem, die heutige Vorstellung war aber den Applaus nicht wert. Zum Großteil wohl, weil Herr Previn dem Solisten keine besonderen Ideen vorgelegt hat.

Souverän dagegen spielten diese Wiener Philharmoniker im ersten Teil Gioachino Rossini, die recht eingängige Ouverture zum Barbier, sowie nicht recht dazu passend die Jeu des cartes von Igor Stravinskij – das perfekte Vorbild für Herrn Previns tapsige Versuche.

Zum Abschluss nach dem mageren Harfengeklimper bewiesen die Wiener aber wieder, welche Klasse man ihnen zurecht attestiert: man kann die Italienische von Felix Mendelssohn-Bartholdy im Übereifer auch reichlich verschmieren – hier aber war wirklich jede Note klar zu hören und auch die exzeptionelle Dynamik Mendelssohn-Bartholdys wurde hörbar. In so kleinen Dingen scheiden sich die Welt- und die Weltspitzenklasse.

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Trio infernale

Von harbran am 3. Mai 2009

Was liegt näher, als – jenseits einer revisionistischen Aufrechnung der Opferzahlen gegeneinander – die großen Verbrecher des Zwanzigsten Jahrhunderts in einer gemeinsamen historischen Betrachtung in Beziehung zu stellen?

Robert Gellately - Lenin, Stalin und Hitler

Dieses heikle Unterfangen wurde schon mehrfach versucht. Dem aktuellen Ansatz, den Robert Gellately in Lenin, Stalin und Hitler: Drei Diktatoren, die Europa in den Abgrund führten verfolgt, kann man immerhin zwei wesentliche Aspakte abgewinnen:

Über weite Strecken bringt Gellately Bekanntes, und nur manchmal in neuen Blickwinkeln oder Zusammenhängen. Sein vorrangiges Verdienst ist es aber, eine Kontinuitätslinie der Befindlichkeiten abseits der drei Biografien gezeichnet zu haben.


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Liebe, Krieg und Familienzwist

Von harbran am 24. April 2009

Auf der banalen Ebene kann das Stück nicht arg viel mehr. Da ist eine junge Herrscherstochter, die dem König des Nachbarlands zur Frau versprochen ist. Da ist eben dieser König, der verbissen und unermüdlich Krieg um Krieg gegen seinen Leib- und Magenfein Rom führt. Und da sind zwei Söhne, die während der Abwesenheit ihres streitbaren Vaters nichts Besseres zu tun haben, als sich um die Braut des Alten zu balgen. Die wiederum hat sowieso wenig Freude mit dem Arrangement, das die Könige für sie getroffen haben. Das verspricht zumindest die nötige Anzahl an Verwicklungen.

Was noch nachgerade barock klingt, wurde dafür schon recht spät in Musik gesetzt vom grade mal vierzehnjährigen Wunderknaben Wolfgang Amadé Mozart, zu Mailand 1770 in der Karnevalssaison geschrieben – geradezu herausgestampft – und daselbst mit großem Erfolg uraufgeführt.

Dieser Mitridate, Re di Ponto ist dennoch nicht in die Kategorie der Jugendwerke einzureihen – die spielt sich bei Mozart in bei weitem jüngeren Jahren ab. Diesem Komponisten muss man keineswegs das wenig reife Alter zugute halten: das Werk weist zwar viele Anspielungen und sogar eine Kopie einer ganzen Arie aus Gasparinis kurz zuvor erschienenem Mitridate auf, doch das liegt im Trend der Zeit und des Theaters jener Tage. Die Sänger waren Primadonnen im schlimmsten Sinne des Wortes und zwangen den Komponisten ihre Vorstellungen von Hochglanz auf. Darunter hatte auch und gerade der junge Mozart zu leiden.

Herausgekommen ist aber ein Werk, das in der Opernliteratur an der feinen Grenzen von der Opera seria zur durchkomponierten Oper steht – aus der Feder eines, der späterhin wahrhaft großartige echte Opern geschrieben hat.

Bruce Ford vermag in dieser Premiere im Theater an der Wien den Mitridate perfekt zu verkörpern, ein Held mit Auftreten, dem man – mangels Leibesfülle – den Krieger noch durchaus geneigt ist abzunehmen. Seine beiden Söhne Sifare und Farnace sind mit der griechischen Sopranistin Myrtò Papatanasiu und dem indischen Counter Bejun Mehta hochkarätig besetzt. Nicht zu reden von Patricia Petibon als heftig umworbene Aspasia.

Mozart hat ihnen allen so vielfältig verschiedene Arien geschrieben, Bravour, Kantabilität, Verzweiflung und Melancholie, dass ein jeder im Ensemble rundum gefordert ist. Lediglich in der umfassenden Ausstattung aller Protagonisten mit ausreichend Gesangsstücken ist eine – kleine – Schwäche zu sehen: der dritte Akt zieht sich merklich, weil jeder nochmal drankommen muss. Und da scheint auch die Musik Mozarts stärker von den Einflüsterungen seiner Sänger verzerrt als in den beiden ersten Abschnitten.

Die Inszenierung von Robert Carsen versucht sich zum Teil in Dynamik und so etwas wie Bewegungstheater, stößt aber immer wieder an die überflüssigerweise vollgeräumte Bühne von Radu Boruzescu. Das gesamte Setting, symbolisiert in den wenig inspirierten Kostümen von Miruna, der Frau von Radu Boruzescu, scheint jeweils immer den naheliegendsten Strohhalm zu ergreifen, ohne weiter nachzudenken.

Der Liverpooler Harry Bicket verfügt über ein langes Register an barocken Erfahrungen, scheint sich aber im Kampf gegen die Wiener Symphoniker nicht gegen den bei uns heimischen, leicht verschmierten Musizierstil nicht recht durchsetzen zu können. Beim frühen Mozart, der noch durchaus seine Quellen im barocken Musizieren sowie ein feines Gehör für die Varianten und klanglichen Expositionsmöglichkeiten hat, die sich ihm im Material seiner Zeit bieten, tut das aber gar nicht gut. Darüber ärgert sich nicht bloß Nikolaus Harnoncourt.

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Die Weltverschlingungsmaschine

Von harbran am 16. April 2009

War für Karl Kraus das Österreich des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts die Versuchsstation des Weltuntergangs, so kann man im Jahre 1937 in Moskau das Innenleben einer veritablen Weltverschlingungsmaschine besichtigen.

Karl Schlögel - Terror und Traum. Moskau 1937

Terror und Traum: Moskau 1937 von Karl Schlögel führt an einen zwiespältigen historischen Ort: die Hauptstadt der Herrschaft des Proletariats ist eine Art Wolkenkuckucksheim zumindest für Intellektuelle, die dort nicht dauernd leben müssen. Mit gigantischen Bauprojekten, denen längst der ursprünglich innovative Geist der befreiten Kunst und Architektur abhanden gekommen ist, nachdem seit Jahren im roten Reich Genosse Stalin herrscht, wird die betriebsame Baustelle einer neuen Welt markiert wie weiland der General Potemkin der Zarin seine halbseitigen Dörfer baute.

Im Jahr 1937 ist ein vergrößertes Moskau der Institutionen im Entstehen, die sich breitmachen, wo einstens Menschen lebten; und zugleich beherbergt die Stadt eine enorm gewachsene Anzahl von Menschen, die hierher gekommen sind, weil sie an der Zukunft mitpartizipieren wollen, weil sie aus ihrer unmittelbaren Vergangenheit brutal vertrieben wurden. Die Ambivalenz von pulsierendem städtischem Leben und Schreckensstarre produziert bleibende Werke der Weltliteratur wie Bulgakows Meister und Magarita oder menschenschinderischer Großprojekte wie den Moskwa-Wolga-Kanal oder die gigantomanische Untergrundbahn.

Es ist die Zeit der großen Schauprozesse, in denen Stalin dem Volk und seinen eigenen Spießgesellen vor Augen führte, dass ihre Heimat von perfiden Mächten bis ins Innerste bedroht werde und füglich jeder von ihnen auf der Hut zu sein habe. Gleichzeitig besuchen westliche Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger Moskau und lassen sich mehr oder minder bereitwillig ins Stalins propagandistische Beschönigungsmaschinerie einspannen.

Atemberaubend – bis einem das Lachen gefriert! – das Kapitel über die Volkszählung, die in einer bürokratischen Schwejkiade von Allunionsdimensionen zu Tage bringt, wie viele Menschen der Sowjetunion bereits fehlen nach inzwischen 20 Jahren Einparteiendiktatur. Und natürlich durfte das Ergebnis nicht veröffentlicht werden, gerieten die Statistiker und Beamten ins Visier von Stalins Rachegelüsten.

Das Buch ist eine Ortsbesichtigung im Kern des Historischen. Seine Ortsgebundenheit befreit von der Sorge um historische Zeitläufe und ihre voreiligen Festlegungen; es eröffnet Blicke, die sonst nur in Spezialdisziplinen zu haben sind, und dabei eine Rundumschau ins lebendige Herz der Weltrevolution, die ihre Arme von Spaniens Bürgerkrieg bis in die Zeitungen New Yorks ausstreckt.

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Das Wüten des katholischen Elements

Von harbran am 15. April 2009

Dem Hitler sagt man lange schon nach, zumindest tat dies schon Friedrich Heer in Der Glaube des Adolf Hitler, dass zu einem nachweisbaren Teil das Katholische seiner Herkunft sein verheerendes Wesen bestimmte.

Peter Longerich - Heinrich Himmler. Biografie

Nicht unähnlich ergeht es dem Leser der Heinrich Himmler-Biografie des Briten Peter Longerich mit dessen Abstammung und tiefer Verwurzelung im katholischen Bayern.

Aber fern davon, Himmler zu einer psychologischen Karikatur zu verformen, erzählt Longerich diese Biografie des zwiespältigen Taktierers Himmler an den Bruchlinien des Zwanzigsten Jahrhunderts, vom Übergang aus einer rückständigen Welt in eine erträumte, von ihm selbst gestaltete große Zukunft, die dann in Schlamm und Blut und russischen Granaten unterging.

Hier wird weder die Person des Organisators des Massenmords noch die hohle Entrüstung eines heutigen Lesers geschont: der war ein recht normaler Zeitgenosse. Einen heute nicht mehr nachvollziehbaren Knall mit diesem schrillen, geifernden Hitler hatten damals die meisten; einen Hang zur Barbarei dürften gleichfalls recht viele gehabt haben, sonst wäre wenig so gekommen wie es kam. Den Himmler brauchten sie dazu nicht wirklich.

Wohl, er trug sein Schärflein bei zum Aufstieg der braunen Horde, doch muss man sich schleunigst verabschieden von jedem Gedanken, dass es ohne den einen oder den anderen nicht oder nicht so abgegangen wäre. Die Liste derer, die hier Hand in Hand und äußerst effektiv zusammenarbeiteten, von Weichenstellern bei der Reichsbahn bis ins Führerhauptquartier, vom Blockwart in der Paniglgasse bis zum Führer und Reichskanzler höchselbst, ist beinah so lang wie das Einwohnerregister des Deutschen Reichs.

Himmer gestaltete seine Rolle, taktierte und zog Kompetenzen an sich, um das Reich seiner SS auf- und auszubauen. Dass er dabei ein wenn auch verquerer, so in erster Linie komplexbehafteter und ziemlich verlogener Durchschnittsbürger blieb, ist das nach Hannah Arendt wenig erstaunliche Ergebnis dieses umfänglichen Buches.

Die Details sind atemberaubend in zweierlei Sicht: bis ins Detail wird Himmlers Machtbereich ausgeleuchtet, werden die zahllosten Aktivitätsstränge, die letztlich in den Massenmord und die Gaskammern führen, beschrieben; aber auch der kleinliche Bürokrat Himmler, der vom Großen gerne träumt, dabei ein recht bigottes Privatleben führt, der Spießbürger, der draussen in den Weiten des Ostens zum Schöpfer einer neuen Menschheitsordnung mutiert, der beinah unglaubliche Dummkopf, der jedwedem Hokuspokus im Bereich des Okkulten und der damit verknüpften esoterischen Deutschtümelei begeistert aufsaß, haben ihre Auftritte.

Das So-sein der NS-Diktatur schuldet sich Himmlers Wirken in ganz beträchtlichen Ausmaß. Das bedeutet aber nicht, dass irgendetwas davon ganz allein ihm zuzuschreiben wäre oder ohne ihn nicht gleichermaßen schlimm geworden wäre. Nur anders. Seine persönliche Duftnote hat zweifellos hinterlassen. Es gab im bayrischen Katholizismus bestimmt noch andere Kaliber, die genauso gut hätten mit Hitler an die Spitze und in den Untergang marschieren können.


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