Hausmusik, nobel gerahmt

Von harbran am 29. März 2012

Bei einer Programmplanung mit Mozart und Beethoven kann man eigentlich nichts falsch machen.

Das Hagen Quartett spielt das Streichquartett B-Dur op. 18/6 von Ludwig van Beethoven in bewährt intensiver Tonalität, in präziser Verfolgung der noch von Haydn geprägten vielfältigen Motivlinien. Da gibt es wahrlich nichts zu meckern, man kann sich nur in tiefer Ehrfurcht verneigen – oder eben gebührend applaudieren.

Welcher Teufel allerdings die vier Salzburger geritten haben mag, die Bearbeitung für Streichquartett von Arien aus Verdis Luisa Miller des musikalisch eher minderbemittelten Emanuele Muzio aufs Programm zu setzen, bleibt ganz und gar unklar, erst recht, nachdem sie gehört hat: das Niveau der Kompositionen ist das von gehobener Hausmusik. Und dass das heute schon einiges an Können erfordert, ändert nichts daran, dass die recht einfach gebauten Stücke zu jener Zeit sogar deutlich unter dem Niveau ambitionierter Dilettanten gelegen haben dürften. Man bleibt ratlos zurück, solches ist man allenfalls von leichthändig hingeworfenen Zugaben gewohnt, aber nicht mitten im Konzert. Es ist sicher nicht notwendig, diese Literatur der Vergessenheit zu entreißen.

Großartig erklingt dafür nach der Pause das Streichquartett D-Dur K 499 , das “Hoffmeister-Quartett”, von Wolfgang Amadé Mozart. Sie sind doch begnadete Musiker!

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Fast ganz ohne Schatten, diese Frau

Von harbran am 23. März 2012

Im ersten Nachkriegsjahr 1919 wurde sie im Haus am Ring zum allerersten Mal der Welt vorgestellt und hat damit die Ehre, eine der wenigen erinnernswerten Uraufführungen, die an der Wiener Staatsoper jemals stattfanden, zu sein. Wahrlich zählt Die Frau ohne Schatten – gemeinsam mit der Elektra – zu den besten Werken des kongenialen Duos Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss.

Zwar haben die beiden auch eine Menge Schmarren zu verantworten, den operettenhaften Rovenkavalier oder die eher platte Ariadne, aber beide werden viel gespielt und offenbar auch gern gesehen. Ich kann ihnen wenig abgewinnen. Mit der Märchenerzählung von der Kaiserin aber, die keinen Schatten hat, und der Färbersgattin, deren Schatten sie sich zu erwerben anschickt, ist den beiden eine seltene Symbiose geglückt, die einmal mehr meine Theorie untermauert, dass zu einer guten Oper unbedingt ein gutes Libretto gehört – und dass sich so eins nicht aus Textfetzen kompilieren oder ganz und gar ohne berufenen Dichter selbst fabrizieren lässt. Librettist Hofmannsthal trägt entscheidend zur Qualität der Frau ohne Schatten bei, von ihm stammt die psychologische Tiefe, die Strauss zum Sprechen bringt.

Knapp vor der Jahrtausendwende, 1999, hatte diese Inszenierung des Engländers Robert Carson in Wien Premiere, und ist damit eine der Perlen der rumänischen Ära; tief in der zweiten Spielzeit der französischen Ära können wir nun erst ermessen, dass die andere in einzelnen Produktionen so schlecht doch nicht war. Fraglich ist, warum ein Werk und eine Inszenierung dieser Kategorie zwischen 2003 und heuer in der Mottenkiste schlummern mussten. Direktor Meyer gebührt Applaus dafür, sie wieder hervor geholt zu haben.
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Flaches Geklimper

Von harbran am 22. März 2012

Es gibt gediegene Langeweile und solche, die einfach nur weggehen soll. Dazwischen irgendwo wäre diejenige zu verorten, die einen dazu veranlasst, selbst weg zu gehen: Pianist Chick Corea und Vibraphonist Gary Burton haben das nicht eben alltägliche Kunststück zu Wege gebracht, mich halbzeits aus dem Konzerthaus zu vertreiben.

Beide sind großartige Musiker, das ist vielfach dokumentiert. Und sowohl das Klavier als auch das Vibraphon eignen sich für nicht-langweilige Darbietungen. Herausgekommen ist dennoch nichts als flaches Geklimper: das ist die Art von Musik, die man getrost auch in der Hotelbar spielen kann. Wäre sie zumindest gediegen

Kommt einerseits kein Drive auf, würde man andererseits vielleicht mehr intellektuellen Anspruch erwarten. Fehlanzeige. Das ganze halbe Konzert lang. Tröstlich dabei ist, dass die beiden Herren es für ausreichend befinden, nach nur 30 Minuten in die Pause zu gehen. Glück gehabt.

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Händel vollends unter Wert

Von harbran am 21. März 2012

Händels Londoner Opernunternehmen erlitt irgendwann endgültig Schiffbruch: seine zweite Karriere startete der umtriebige Komponist mit Oratorien. Damals war ihm großer Erfolg beschieden – heute werden sie weitaus weniger gespielt als seine Opern. Und das nur zu Recht.

Im Zyklus konzertanter Barockopern bringt das Theater an der Wien ausgerechnet das letzte Oratorium Händels, Theodora, zur Aufführung. Hervé Niquet und Le Concert Spirituel können daran auch nichts ändern: ein Oratorium ist keine Oper. Hier fehlt jegliche musikalische Dramatik, statt dessen wabert weihevoller Chorgesang.

Nur: ein Oratorium muss nicht fad sein, eines der besten Beispiele lieferte der Komponist höchstselbst in jungen Jahren mit Il Trionfo del Tempo e del Disinganno. Aber auch das erste Oratorium Haydns strotzt vor musikalischer Kraft. Man kann also auch nicht sagen, dass biblische Themen per se zu kompositorischer Mopsigkeit führen.

Ein wenig scheint die Sprache Teil des Problems zu sein: italienisch klingt einfach besser als englisch, von deutsch gar nicht zu reden. Und gerade bei biblischen Texten ist es enorm wichtig, dass man sie eben nicht versteht!

Über die gesangliche Darbietung kann man infolgedessen wenig sagen: die Pariserin Sandrine Piau ist als große Interpretin dokumentiert, hier aber hilft das wenig. Auch Patricia Bardon kennt man zumindest aus der MET, wo sie die Erda sang in Rheingold und Walküre.

Counter Lawrence Zazzo kenne ich bereits von Monteverdis Poppea, hingegen sind mir James Gilchrist und Nathan Berg bislang kein Begriff gewesen.

Der mitgebrachte Chor hat noch die besten Momente, hier wird unterm Weihrauch dann und wann das Genie Händels ruchbar. Zum Durchbruch kommt es allerdings nicht. Man erlebt Händel vollends unter Wert. Echt was für Fans. Ich gehöre aber nicht in diesen erlauchten Kreis.

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Ein ganzer Kontinent der Moderne

Von harbran am 18. März 2012

Das Label col legno hat in seiner Reihe Kontinent etwa zum Prinzip erkoren – und damit einer schleichenden Inflation unterworfen -, das normalerweise ausnehmend vielfältigen Künstlern attribuiert wird: von einem Kontinent kann man sprechen, wenn es weitläufige Areale zu erkunden gibt; andernfalls würde ich eher von Inseln oder Eilanden sprechen, wie etwa bei Brahms oder Bruckner. Einen Kontinent würde ich Mahler zugestehen, und natürlich auch Edgard Varèse:

Ende 2011 ist also Kontinent Varèse erschienen: Varèse steht damit in einer Linie mit Sciarrino, Berio, Cerha, Kurtág und Nono. Bei den wiedergegebenen Werken handelt es sich um Live-Mitschnitte mehrerer Konzerte des Zyklus “Kontinent” der Salzburger Festspiele – begründet, damit dort auch mal was sinnvolles passiert.

Edgard Victor Achille Charles Varèse war ein Vielseitiger, der sich auch vielseitigen Einflüssen aussetzte: Anfang des 20. Jahrhunderts studierte er in Paris, übersiedelte bald nach Berlin, angelockt von der neu begründeten Ästhetik der Moderne im Gefolge von Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst.

Zurück in Paris erlebte er die Uraufführung von Stravinskijs Scare und arbeitete im Umfeld von Cocteau. Der erste Weltkrieg vertrieb ihn wie so manch andere Künstler über den Atlantik in die USA. Dort entwickelte sich in den Zwanziger Jahren in Auseinandersetzung mit den ebenfalls emigrierten Dadaisten um Duchamps sein eigener Stil: monumentales Zeugnis davon ist sein schon früher begonnenes aber in diesen Jahren finalisiertes Orchesterstück Amèriques: auf der CD zu hören vom RSO Wien unter Bertrand de Billy. Hier gelingt die hohe atmosphärische Dichte in massiven Ausbrüchen und rhythmischer Wucht.

Ionisation geniesst den Ruf, das erste allein für Schlagwerkensemble komponierte Werk der Musikgeschichte – soweit sie uns zugänglich ist – zu sein, wenngleich Tcherepnin in seiner 1. Symphonie zumindest schon einen Satz nur für Schlagwerker schrieb. Hier wird es durch Martin Grubinger und das Ensemble The Percussive Planet uner der Leitung von Martin Grubinger sen. fulminant zum Leben erweckt.

Inrteressant auch der Vergleich mit der Version für Kammerensemble, die es am Ende der CD in der Interpretation vom Ensemble Modern Orchestra unter Francois-Xavier Roth zu hören gilt.

Stiller, aber nicht weniger intensiv die Offrandes für Sopran und Kammerorchester, gesungen von der Britin Julie Moffat mit dem Ensemble Modern Orchestra unter Francois-Xavier Roth. Weiters: Hyperprism für 9 Bläser und Percussionisten, Intégrales für 11 Bläser und 8 Percussionisten.

Varèses in den dreißiger Jahren wesentliche Auseinandersetzung mit der elektronischen Musik stellt die Aufführung des Ecuatorial für Bass, 8 Blechbläser, Klavier, Orgel, 2 ondes Martenot und 6 Percussionisten ins Zentrum: Bass Otto Katzameier sowie Jacques Tchamkerten und Thomas Bloch an den ondes Martenot mit dem Ensemble Modern Orchestra, geleitet von Francois-Xavier Roth. Das Stück hat eine eigene Geschichte: ursprünglich gesetzt für zwei Theremin Cellos, musste Varèse es in den Fünfziger Jahren für zwei ondes Martenot umschreiben, da es keine Theremin Cellos mehr gab.

Dieser Querschnitt aus unterschiedlichen Konzerten bietet wahrlich die Gelegenheit, den musikalischen Kontinent – im besten Sinne des Wortes – eine Mannes zu erforschen, dem eine zentrale Rolle in der modernen Musik zusteht, die jedoch viel zu wenig wahrgenommen wird.

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Was will man mehr

Von harbran am 17. März 2012

Man muss nicht wiederholen, welchen Kahlschlag der europäischen, aber insbesondere der deutschen und österreichischen Kultur das barbarische Wüten der Nazis vollbracht hat – die Namen der Vertriebenen sind Legion, und es sind in der Regel die besseren der Besten, die davon betroffen waren oder sich mit den Brutalosnobs nicht gemein machen wollten. Vergessen werden darüber aber vor allem jene, aus denen noch hätten wahrhaft Große werden können, wären sie nicht ihren hirnlosen Mördern zum Opfer gefallen.

Einer, dem dieses Schicksal 1944 im KZ Birkenau angetan wurde, ist der tschechische Komponist Pavel Haas: heute außerhalb Tschechiens eher unbekannt, versäumten wir ein musikalisches Genie – träte da nicht das nach ihm benannte Pavel Haas Quartett immer wieder mit seinen Streichquartetten, von denen er 3 hinterlassen hat, an.

Für das Konzert im Mozartsaal haben die vier Musiker diesmal sein drittes Streichquartett op. 15, geschrieben 1937-1938 schon unter dem Eindruck massiver deutscher Einflussnahme in der tschechischen Politik, die sogar zur Absetzung seines Opernerstlings nach nur wenigen Aufführungen führte, mitgebracht: und daran lässt sich zweifelsfrei ermessen, welches Potential hier zum Verstummen gebracht wurde.

Kontrastierend dazu das zweite Streichquartett F-Dur op. 92 (über kabardinische Themen), das Sergej Prokofjew 1941 in den USA verfasste: es ist in seiner sehnsüchtigen folkloristischen Motivik und rhythmischen Grandezza zwar mitreißend, aber in essentia doch recht banal: es klingt über weite Strecken wie eine verjazzte Version von Anatevka für Streichquartett. Nun ja, wenig Futter für den Geist, aber immerhin freundlich zur Seele.

Nach der Pause eine strenge Probe, wagt das Quartett sich doch mit “Der Tod und das Mädchen” – Streichquartett d-moll D 810 – von Franz Schubert ins einheimisch Klassische. Und es gelingt. In einem so dicht besetztes Feld wie bei diesem andauernd gespielten Stück ist es aber mehr als nur schwierig, eine eigenständige Linie zu finden. Die vier Tschechen – erste Violine Veronika Jarůškova, zweite Violine Eva Karová, Bratsche Pavel Nikl und Cello Peter Jarůšek – bringen eine mustergültige Umsetzung zu Gehör, sowohl die Dynamikwechsel als auch die lyrischen pianissimi kommen natürlich und – bei einem Stück wie diesem äußerst wichtig – unaffektiert. Was will man mehr?

Die Quartett von Pavel Haas gibt es auf mehrere CDs des Ensembles verstreut:

Neben Janaceks erstem finden sich hier die Streichquartette Nummrn 1 und 3. Das Quartett Nummer 2 findet sich – neben den Intimate Letters von Janacek, auf dieser:

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Abgesehen vom verdienten Applaus: ein ehrliches DANKE!

Von harbran am 9. März 2012

Dem Sänger-Ensemble ist zweifellos Glanz abhanden gekommen: Joyce DiDonato ist krankheisbedingt ausgefallen. Für sie springt die britische Mezzosopranistin Sarah Connolly ein, die als Publikumsliebling der Covent Garden Opera gilt, in Wien aber bislang nur in Konzerten zu hören war. Nun schafft sie es zumindest auf die Opernbühne, wenn auch vorerst nur in einer konzertanten Aufführung.

Auf dem Programm steht der Ariodante von Georg Friedrich Händel, ein an musikalischen Juwelen reiches Werk, in dem der Komponist im harten Konkurrenzkampf seines eigenen Opernbetriebs mit der neu begründeten und von Start weg erfolgreichen Nobility Opera alle Register zieht, inklusive einem bei Händel nicht eben zum standardisierten Inventar gehörigen Ballet.

Abgesehen von dieser Umbesetzung, die mich um das Vergnügen, Joyce DiDonao wieder einmal in persona zu erleben, gebracht hat, entpuppt sich das Ensemble aber als erstaunlich gut besetzt, gerade zu grandios: Einspringerin Sarah Connolly wählt einen eher zurückhaltenden Ton, bemeistert damit vor allem die leisen Passagen im ersten und zweiten Akt mit subtiler Ausdruckskraft und viel Gefühl, wenn auch etwas unterkühlt, mithin fehlt dabei der dem Glühen von Leidenschaften gewidmete Teil des Händelschen Gestaltungsspektrums. Nichts desto trotz ist jeder ihrer Auftritte ein intensives Erlebnis.

Vor allem die Arie Scherza infida im zweiten Akt gelingt Sarah Connolly mehr als eindrucksvoll. Da ist nach all dem Applaus ein ehrliches Danke mehr als angebracht.

Ihr zur Seite als Königstochter Ginevra die Kanadierin Karina Gauvin: zarter Schmelz, großes Gefühl, hier umso mehr Feuer und Leidenschaft. Ihre Landsfrau, Altistin Marie-Nicole Lemieux, brilliert als Polinesso mit quirligen Gesten, stupendem Stimmumfang und wuchtiger Stimmpräsenz. Beide scheinen einander einen Wettstreit der Koloraturen zu liefern, bei dem es zur Freude des Zuhörers sehr ironisch und mit einem Augenzwinkern engagiert zugeht. Heraus kommen in dessen Verlauf famose Momente barocker Musikalität. Das Duo war bereits in Giulio Cesare in Egitto zu erleben, doch diesmal gelingt höhere Intensität, springt ein Funke vom Spaß, den die beiden offenbar haben, ins Publikum über.

In der Arie Dover, giustizia, amor läuft Marie-Nicole Lemieux zu wahrer Höchstform auf: einerseits ist es faszinierend zu sehen, wie körperlich aufwändig Atemtechnik werden kann, wenn die endlosen Läufe der Koloraturen sehr viel Luft erfordern. Andererseits ist das gesangliche Ergebnis meisterlich. Diese Frau ist ein Orkan.

Als Dalinda ist die junge Spanierin Sabina Puértolas zunächst einmal der optische Aufputz, sie klingt in ihrer ersten Arie früh im ersten Akt recht schrill, es fehlt an Volumen. Dann hat sie leider über weite Strecken nur die Aufgabe, in den Rezitativen die Stichwörter zu bringen, sodass es bis in den dritten Akt dauert, ehe man von ihr eine wahrhaft große Arie zu Gehör bekommt. Und siehe, sie kann es!

Im Duett mit Tenor Nicholas Phan als Lurciano wird echtes Musiktheater lebendig. Der singt brav, mit glattem Ausdruck und stimmlicher Brillianz. Wenig spektakulär dagegen der Re di Scozia von Bassbariton Matthew Brook.

Das Ensemble Il Complesso Barocco musiziert unter seinem Leiter Alan Curtis gewohnt präzise, insbesondere die solistischen Fähigkeiten, die Händel in der Begleitung einiger Arien erfordert, gelingen in aller gebotenen Schönheit. Ihnen dankt sich nicht unwesentlich ein ernsthaft schöner und trotz dreieinhalb Stunden Dauer kurzweiliger Abend!

Auf Tonträger ist diese Produktion von Händels Ariodante – allerdings mit Joyce DiDonato in der Titelrolle – ebenfalls erhältlich:

Ich glaube, diese Aufnahme ist der von Marc Minkowski überlegen, aber das ist letztendlich bei zwei perfekten Produktionen auch und zuinnerst Geschmackssache.

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Kein Meilenstein, aber wirklich gut

Von harbran am 8. März 2012

Das Wiener Küchl-Quartett widmet sich in seiner heurigen Konzertsaison dem Quartettschaffen von Dmitri Shostakovich: diesmal stehen die Nummern 5 B-Dur, op. 92 und 6 G-Dur, op. 10 auf dem Programm, zwei Werke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Expressiv und musikalisch komplex das erste, folkloristisch durchsetzt das andere.

Die vier Philharmoniker spielen trefflich vom Blatt, es gelingt ihnen allerdings keine nachvollziehbare eigene Interpretation. Das muss aber auch kein Nachteil sein, wie sich hören lässt.

Anders beim Streichquartett C-Dur 59/3 von Ludwig van Beethoven: sehr klassisch angelegt, wunderbar gefühlvoll umgesetzt, mit leichten Gewichtungen auf die harmonischen Welten akzentuiert. Im Schlusssatz hüten sie sich vor dem Faux Pas, das hohe Tempo, das Beethoven hier vorschreibt, zu unterschreiten – viele Quartette praktizieren einen etwas langsameren, wenn auch nicht gemächlichen, Ansatz.

Insgesamt spielen hier Musiker, die sehr genau wissen, was sie da tun. Sie fühlen sich der vom Komponisten überlieferten Notation verpflichtet – und das ist gut so. Ein Meilenstein oder Lichtblick wird das freilich so nicht. Aber das muss ja auch nicht andauernd sein. Als Aufführungen gelingen alle drei Werke wirklich gut.

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Trotzdem ein Genuss

Von harbran am 4. März 2012

Mit einem Dvorak-Programm präsentziert sich derzeit das Wiener Quartuor Mosaiques im Mozart-Saal. Voraus geht dem zur Einleitung das Streichquartett G-Dur op. 18/2 des frühen Ludwig van Beethoven, in dem noch die Anklänge an seinen kurzzeitigen Lehrer Haydn allgegenwärtig sind. Die Instrumente aus der Zeit musizieren sich weich, der Zusammenklang ist wohlproportioniert.

Beliebt sind die Zypressen B 152 von Antonin Dvorak allemal, vielfach als Bedienungsladen für kürzere Stücke, die nicht ganz so aus dem Zusammenhang gerissen erscheinen wie einzelne Quartettsätze, und leider kommen auch hier nicht alle 12 Stücke zur Aufführung. Was erklingt, wird allerdings hohen Ansprüchen gerecht. Auch das Streichquartett Nr. 14 As-Dur op. 105, ein gleichfalls recht beliebtes Stück aus der Literatur des späten 19. Jahrhunderts, wenn auch nicht ganz so allgegenwärtig wie die Nummer 12, stellen die vier Musiker plastisch und in klarer motivischer Arbeit in den Raum, doch fehlt etwas die analytische Klarheit, die man – offenbar aufgrund der Beschäftigung mit originaler Aufführungspraxis und originalem Klang – bei älterer Musik vom Quatuor Mosaiques gewohnt ist.

Schade, dass sich das Ensemble diesmal nicht wieder weniger bekannter Literatur gewidmet hat. Dvorak gibt es oft genug – ein Genuss war’s trotzdem.

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Vor allem das Bühnenbild! Und Alexandrina Pendatchanska.

Von harbran am 29. Februar 2012

Nicht sehr viele Besprechungen von Opernaufführungen muss man mit der Bühne beginnen – mit misslungener Regiearbeit manchmal, mit der Ausstattung so gut wie nie. Schon gar nicht im Positiven. Denn eine moderne Inszenierung, die nicht überfrachtet oder verzerrt, sondern einfach einen Raum schafft für das Geschehen einer Oper: viel zu selten gelingt das.

Unter den Armen der Ausstatter Vasilis Triantafillopoulos und Herbert Schäfer ist dieses Kunststück zu einer wirksamen Manifestation von Welterzeugung geworden. Für die nicht eben geistreiche Oper Telemaco des noch nicht in Paris in den Olymp aufgestiegenen Christoph Willibald Gluck erzeugen sie Raum, der aus einem riesigen beweglichen Präsentierteller besteht, der nahezu die gesamte Bühne einnimmt, aber dem Publikum nicht wirklich Einsicht gewährt, und – geniale Wendung des halben Konzepte zu ebener Erde – durch einen oben gehängten überdimensionalen runden Spiegel quasi ins Sphärische ausgeweitet wird. Der Grieche hat ja hier am Haus 2010 schon die Iphigenie beeindruckend umgesetzt.

Manches von der Handlung ist nur als Spiegelung sichtbar. Man kann daran sehen, dass es nicht immer das neumodische Video sein muss, um Brechung zu erzeugen, es geht auch mit innovativ eingesetzter alter Technologie. In diese Sphäre fügt Regisseur Thorsten Fischer viele Ensembleszenen ein, auch wenn der hier gestalterisch mitwirkende Arnold Schönbar Chor gar nicht zum Singen antritt, doch wird damit der Geschichtenhintergrund erzeugt, der weiteres zur Plastizität der Umsetzung hinzufügt.

Rainer Trost singt den Ulisse stimm-mächtig, aber darstellerisch eher auf dem Niveau eines möchtegern jung-gebliebenen Edmund Sackbauer. Ihm gegenüber Primadonna Alexandrina Pendatchanska als verschmähte Zauberin Circe – wie erwartet erweist sich die bulgarische Sopranistin als prägende Figur, auch gesanglich herausragend: die Wut der verschmähten Geliebten, die Aufwallung von Rachegelüst’ bis hin zur Weltvernichtung sind, gerade in ihrer vergeblichen weil unglaubwürdigen Drohgebärde, atemberaubend. Glucks noch zutiefst barocke affektmalende Musik ist bravourös gesungen. Ulisse wird sie am Ende dennoch verlassen.

Das erste Liebespaar – eben nicht Circe und Ulisse – sondern dieser und die daheim in Ithaka zurück gelassene Penelope, hier dargestellt von einer Schauspielerin, bestreiten den ersten Teil der Oper. Das zweite Liebespaar – Telemaco und die gleichfalls auf der Insel festgehaltene Asteria haben einander vor Beginn der Oper gefunden – muss erst noch zusammengeführt werden, indem er sie befreit, im zweiten Teil, der irgendwie nicht besonders gut integriert erscheint. Sehr eindringlich gesungen wird die zunächst mit Ablaufdatum verliebte Gefangene von der jungen Valentina Farcas.

Bejun Mehta sollte den Telemaco singen, ist aber noch nicht hinreichend wieder hergestellt, also mimt er lediglich die Rolle auf der Bühne, während der Koreaner David DQ Lee aus dem Orchestergraben singt. Dabei erweist sich hörbar als Vorteil, dass er die seltene Rolle kennt. Man kann mit ihm sehr zufrieden sein, selbst wenn man gekommen ist, um Bejun Mehta zu hören.

Die deutsche Sopranistin Anett Frisch schließlich gibt den Begleiter des Telemach, Merione, aber davon ist wenig bemerkenswertes zu berichten. Ganz anders der Arnold Schönberg Chor, der wieder einmal viel gesangliche Arbeit und szenische Belebung auf der Bühne leistet: Glucks Chorpassagen fordern, und werden aufs Beste erfüllt und ausgefüllt.

Alte Musik-Spezialist René Jacobs führt die Akademie für Alte Musik Berlin durch das Werk, es wird kompetent musiziert: eine fundierte Vertrautheit mit dem Barockrepertoire kommt diesem mittleren Gluck durchaus noch zu Gute.

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