Sibelius’ Zweite
Von harbran am 12. Mai 2007
Heute abend im Großen Saal des Musikvereins Jean Sibelius’ zweite Symphonie von den Wiener Symphonikern unter dem jungen Arild Remmereit – von getragener, fast an Tchaikovskij gemahnender Fülle über ein liebliches Trio im 3. Satz bis zu den Höhenflügen ins Hymnische im Finalsatz: ein Werk wie geschaffen für den fülligen Klangkörper der Symphoniker. Wär’ der Saal nicht so kitschig überladen, müßte man zum Hören nicht die Augen schliessen. Geht aber auch so.
Vor der Pause meine ‘Vier letzten Lieder’ (Richard Strauss) – gesungen von der mir bisher noch nicht untergekommenen Luba Orgonásova. Ganz und gar unblamabel. Schön gesungen, kräftig genug vorm großen Orchester. Man könnte manchmal schon niederknien vor diesen Menschen! Danke, danke!
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Jubel ob närrischer Tapferkeit!
Von harbran am 12. Mai 2007
Hätte unser spoudolegoion einen Preis für die Tapferkeit des Medienmachers vor dem Content zu vergeben, wir müssten ihn heute und hier sofort an Dominic Heinzl vergeben!
Oh begnadeter Hofnarr der Society! Ein Narr, wie er sonst nur bei Shakespeare steht: der den Königen und Hofschanzen den Spiegel hält und ihnen die Wahrheit in aller Bitternis ins Gesicht sagt.
Man würd solches ja just auf einem Sender wie ATV überhaupt nicht erst erwarten. Dort regiert für gewöhnlich dieselbe Dummheit, wie sie die Damen und Herren der Seitenblicke-Gesellschaft in perpetuum demonstrieren. Aber Herr Dominic, ein Narr von Lear’scher Dimension, hat Society-Krokodil Jeannine Schiller (groblederne Haut, ein Gesichtchen wie nach mehreren Motorradunfällen) einmal zu viel vorgeführt und getriezt. Sie verweigert sich ihm! Frau Schiller (und natürlich ihr Mann, der sowieso den Eindruck erweckt, als wüßte er alleine nicht, was er tun soll) boykottieren Hi Society – für ATV-Analphabeten: die Klatsch- und Tratsch- und Prominenten-Sendung von ATV, deren Anchorman und fliegender Reporter der geniale Dominic Heinzl ist. weiterlesen »
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Der GROSSE Österreich-Test
Von harbran am 11. Mai 2007
Lesen Sie exklusiv den absolut umfassendsten Test der besten Zeitung des Landes! Wir prüfen auf Herz und Nieren – aber nicht auf Rechtschreibfehler, Fehlinformationen oder blanken Unsinn. Wir bewerten streng und kompromisslos, aber ohne jede Grundlage! Wir recherchieren möglicherweise, aber wir werden niemandem sagen, worüber! Wir übertreffen uns selbst! Ausserdem: wir sind gratis. Testen Sie uns!
Die weitere Betrachtung, die im Haupttext folgt, ergibt allerdings keine neuen Erkenntnisse. Es ist schon so: da ist nichts drin. Der Themenmix findet sich nur zu einem geringen Teil in einer seriösen Zeitung wie dem Standard wieder, dafür berichtet der Standard über mancherlei, das an Österreich spurlos vorbeigegangen scheint. Man möchte mitunter glauben, es handle sich nicht um die Ausgaben von ein und demselben Tag. Wissen kann man das bei Österreich natürlich nie. Vielleicht sollten sie dazu übergehen, das Datum nicht mehr aufzudrucken. Das erhöhte die Verwendbarkeitsdauer, ersparte einer Unmenge von Bäumen das Umgeschnittenwerden – und uns die stetige bange Furcht vor dem deja-vu. So richtig ernsthaft aktuell ist es sowieso nicht. weiterlesen »
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Sauerkirsche – Schoko – Chili
Von harbran am 10. Mai 2007
Duftet frisch nach Sauerkirschen, süßes Bouquet. Dann überraschend eine Schokoladennote vorne auf der Zunge, mit leichten Bitteranteilen. Und im Abgang Chili – schmeckt richtig rot und eine Spur scharf. Die Komposition ist aufregend schön. Dabei trotzdem frühstückstauglich.
International muss sowas wohl ein Fruchtaufstrich heissen, für Österreich gilt: es ist eine Marmelade: Sauerkirsche – scharze Schokolade – Chili von SIERKS in Neumünster, Deutschland.
Wir enthalten uns jetzt der üblichen Häme im Zusammenhang mit germanischer Kulinarik. Da scheint in den letzten Jahren in dem oder jenem Reservat auch was besser geworden zu sein. Für die Deutschen gilt ja, was auch für die Engländer als prägend anzusehen ist: wenn man aus diesen Ländern kommt, ist es beinah überall auf der Welt besser essen – Ausnahme gerüchteweise vielleicht in Finnland. Ergo neigen jene Germanen, die mit offenen Mäulern durch die Lande ziehen, dazu, Neues mitzubringen. Auch so entsteht Fortschritt.
Es ist aber nicht so, dass es dazu nicht auch ein heimisches Angebot gäbe: bei SCHUBERT’S Handgerührte Köstlichkeiten kriegt man ebenfalls eine Komposition aus Kirsche – Schokolade – Chili. Ein Vergleichstest wär’ also angezeigt. Wir sind ferner absolut ausser Stande, Original und Kopie zu unterscheiden. Als kulinarische Lokalpatrioten haben wir allerdings eine Vermutung…
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Yep. Und nichts hinzuzufügen.
Von harbran am 10. Mai 2007
In tiefer Dankbarkeit: es ist beglückend zu erfahren, dass es einen Blog gibt, der mir die doch recht nervige Arbeit abnimmt, jeden Tag dieses Österreich, das vermeintlich eine Zeitung ist, zu lesen. Ich mag es nicht, mich ekelt vor dem ganzen Stil – respektive dem Nicht-Stil, denn das ist ja ein positiv besetztes Wort, oder?
Die beiden Herren Otto Fishbine und Hildebrand Johnson – erinnern Sie sich: Billy Wilder’s ‘Extrablatt’? – lesen für uns das Käseblatt und fassen alles Bemerkenswerte vollständig zusammen. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Thank you.
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Neuland im Flachwasser
Von harbran am 9. Mai 2007
Man kennt das doch – oder ahnt in Hirnkastels Hinterstübchen, dass man das jetzt gerade und eigentlich wirklich kennen sollte… Die Rede ist vom Gefühl, dem Erreichen eines bisher nie dagewesenen Tiefstands beizuwohnen.
Nun, Fernsehen rechtfertigt ja beileibe keine höheren Erwartungen. Selbst öffentlich-rechtliche Sender sind in den letzten zehn Jahren vom Tugendpfad des qualitativen Programms abgewichen, schließlich muss man doch dem Gebührenzahler was bieten für seine Knete. Das gibt einerseits eine probate Ausred’ für jedwedes Tiefstapeln beim Programm ab – die Leut’ wollen halt Musikantenstadl und Thomas Gottschalk! Andererseits kann man damit genausogut gezielt am Publikum vorbei senden, schließlich können die sich eh nicht helfen.
Ich hatte also gestern abend das ungeteilte Glück, sechseinhalb Minuten “Mitten im Achten” zu sehen, die neueste Daily Soap – oder Daily Sitcom – des ORF mitten im Hauptabendprogramm. Die senderinterne Abkürzung MiA war salopp gemeint und augenzwinkernd gemünzt auf ein erfolgreiches Programmformat. Aber knapp daneben ist genauso vorbei wie komplett ins Wasser geklescht. Das kann man nicht anders nennen. (Ironischerweise heißt MiA im Amerikanischen missing in action und bezeichnet im Einsatz verloren gegangene Soldaten.) weiterlesen »
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Das Geheime und das Vertrauliche
Von harbran am 8. Mai 2007
Da kann man schon einen Unterschied machen. Zumindest tut das ‘Die Presse’ heute: Geheime Berichte, deren Inhalt streng vertraulich ist titelt die alte Dame. Na, vielleicht ist ihr der Titelgenerator aus den zittrigen Händen gerutscht.
Oder sollte der darinnen wohnende feine Unterschied uns zu denken geben? Aber was? Dass geheim schwerer wiege als vertraulich, sonst müßt’ ma’ ja nicht dieses noch mit einem adverbiell gebrauchten Adjektivum quasi verstrengen.
Zur Aufklärung: Rechnungshof-Rohberichte sind nicht öffentlich zugänglich, aber dafür brisanter als Endberichte. Ja so. Na klar! Man versteht das – oberflächlich. Denn daneben zitiert die Zeitung ausführlich aus eben dem geheimen, offenbar nicht streng genug vertraulichen Rohbericht des Rechnungshofes über die Österreichischen Bundesbahnen. Nicht, dass das jetzt irgendwie interessant wär’. Faszinierend ist die Nonchalance, mit der da eins das andere be- und hinterleuchtet.
Das könnte fast vom alten Fellner sein! Wir Leser sind ja so dämlich, dass man uns mit einem hölzernen Augenzwinkern zu verstehen geben muss, dass das jetzt bitte schon ein wengerl nicht wirklich vollkommen absolut ganz legal ist, ned wahr? Zugegeben, in Fellners Österreich wär’ bestimmt noch dabei gestanden, dass ebendasselbe (das Blatt) ebendieselbe (die Meldung) natürlich exklusiv und vor allen anderen Medien der gesamten bewohnten und unbewohnten Galaxis ans Licht justderselben (der Öffentlichkeit) gehoben habe… übermorgen, 10. Mai ebendesselben (voraussichtlich: 2007).
Manchmal fällt es einem schon recht schwer, nach so einer Frühstückslektüre einen ernsthaften Arbeitstag zu beginnen.
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982 in 415 auf 1
Von harbran am 6. Mai 2007
982 Ausgaben in 415 Heften – jetzt auf 1 DVD.

Zwischen 1899 und 1936 publizierte Karl Kraus die in späteren Jahren großteils nur noch von ihm allein geschriebene Fackel, eine der prägendsten Zeitschriften überhaupt; und weil man – kurz nach seinem Tod im 36er Jahr – die Juden Wiens in alle Welt zerstreut hat, auch ein Werk globalen Einflusses.
Wollte man Kraus auf einen Polemiker reduzieren, so wäre das wenig und ungerecht – aber die Größe seines polemischen Schaffens stünde dennoch einzigartig im Raum dieses ansonsten nicht gerade geistreichen 20. Jahrhunderts. Karl Kraus mag ein spitzfedriger Kritiker seiner Zeit und Zunft gewesen sein – einer der ersten, welche die Presse als Objekt beißenden Humors entlarvten: mit der Methode des Zitats als Selbstverlächerlichung.
Natürlich: ein Moralist von geradezu biblischen Dimensionen wohnte gleichfalls in ihm. Er mochte sich für Themen der Zeit, die Frauen, die Sexualität, die Juden und andere geknechtete Zeitgenossen wie die Kunden der Südbahngesellschaft zu ereifern und dabei zu nachgerade heiligem Zorn aufzufahren. Oder war es nur die vor wie nachher unerreichte Sprachgewalt in allen Registern und auf allen Ebenen der Gesellschaft seiner Zeit, die ihm dermaßen Autorität verleihen konnte?
Die Reprint-Ausgabe, die ich seit doch nunmehr etlichen Jahrzehnten mein eigen nenne, liegt bändeweise wunderbar in der Hand, erlaubt auch ein wenig die haptische Sensation der seinerzeitigen ersten Leser nachzuvollziehen – aber unhandlich ist sie schon, und gar, wenn man was drinnen sucht. Ein solches Œuvre schreit geradezu nach der Digitalisierung. Erst recht, wenn die Schutzfrist des Urheberrechts (endlich) abgelaufen ist.
Erhältlich zum Spottpreis von nicht mal 20 € exklusiv bei Zweitausendeins.
Tags: Kraus
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Blutrot muss Elektra tragen
Von harbran am 6. Mai 2007
Am Vortag Daphne, heute Elektra – man kann schon Glück auch haben. Das allerschönste in beiden Fällen: nicht ganz zwei Stunden ohne Pause. Ich konnte mir also an zwei Abenden in der Oper das überwiegend vertrottelte Publikum ersparen. Auch was wert.
Agnes Baltsa (die von der Schuld und ihren Dämonen umgetriebene Klytämnestra) meisterte ihren einen Auftritt mit gewohnter Bravour und Bellezza – wenn man auch den Akzent immer noch hört, wenn ihre eigenwillige Betonung der strauss’schen Gesangsmelodie querläuft – und Deborah Polaski als rasende Agamemnons-Tochter und Titelfigur: sie bringt glaubhaften Wahnsinn, tiefste Verzweiflung und einen Racherausch auf die Bühne, der sich (in Blut) gewaschen hat. Natürlich dankt sich das dem Text von Hofmannsthal; aber gerast hat schon die Polaski!
Ein präzises Spiel und der Modernität in der Strauss’schen Partitur verpflichtetes Dirigat von Peter Schneider: man freut sich jede Minute.
Die Inszenierung von Harry Kupfer und das kolossale Bühnenbild von Hans Schavernoch legen nahe, dass die immer wieder im Repertoire der Staatsoper auftauchenden echt faden und mopsigen Interpretationen (man nenne nur den Paradelangeweiler Otto Schenk) den langen Zeitläufen des Repertoires geschuldet seien – und dass vielleicht doch noch Hoffnung auf Besserung besteht. Wenn auch in äonenlangen Zeitläufen.
Tags: Staatsoper, Strauss
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Am Ende von 32 Jahren Vergessenheit
Von harbran am 5. Mai 2007
… sind viel zu lang für dieses Werk: Richard Strauss’ Daphne kannte ich aus der Konserve, 1964 live mitgeschnitten im Theater an der Wien unter Karl Böhm. Lang, lang ist’s her. Noch mit Fritz Wunderlich.
Der Franzose Nicolas Joel hat 2004 eine Inszenierung für die Staatsoper erarbeitet, die sich recht wohltuend von dem vielen verstaubten Zeug abhebt, das sonst in dem ehrwürdigen Haus am Ring zu sehen ist. Wohlgemerkt, das Sehen ist dabei das Problem. Ein wahrhaft für modernere Oper unbegabter Otto Schenk hat dem Haus etliche furchtbar banale Einstudierungen hinterlassen, die nicht und nicht vom Spielplan verschwinden wollen – es hat mich schon mit einem Rosenkavalier und einer Aida erwischt. Aber alles musikalisch großartige Abende – lediglich der Staubhaufen da unten auf der Bühne und das wenig inspirierte Krabbeln der Akteure tut einem immer wieder leid und weh. Schon gar beim Rosenkavalier war’s eine Tortur!
Daher ist es im Grunde ärgerlich, dass ich so lange brauchte, bis sich die Daphne mal ‘dergangen’ ist. Und auch das nur per Zu-, nämlich Aus-Fall einer Logenplatz-Inhaberin. Trotz großer Müdigkeit an diesem Freitagabend hat mich der alte Strauss gepackt und hochgehoben und fast zwei Stunden lang getragen. Ricarda Merbeth (Daphne) und Johan Bohta (Apollo) hinterliessen mir nachhaltigen Eindruck.
Nun muss ich sie mir wohl auch in die DV-Thek einverleiben. Verfügbar ist allerdings nur Daphne aus der La Fenice in Venedig.
Tags: Staatsoper, Strauss
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