Unter dem grässlichen Schleier der Kirchenmusik
Von harbran am 17. Februar 2010
Der alte Johann Sebastian Bach, müde von den Querelen mit seinen Vorgesetzten an St. Thomas und vor allem ihrer sturen Forderung, er möge seiner Lehrverpflichtung für Latein und Gesang nachkommen, widmete sich vielmehr konsequent dem eigenen Nachruhm: einige der Sammlungen, die er in den letzten Lebensjahren anlegte, versammeln längst zuvor komponiertes Material in neuer Zusammenstellung und teilweise Umarbeitung, mit denen der Thomaskantor seine Ansicht zur rechten Musicke zu dokumentieren suchte.

Der Musikwissenschaftler und Autor Martin Geck hat mit seinem dickleibigen Buch Bach – Leben und Werk ein hübsches zweigeteiltes Werk geschrieben: einerseits die etwa 300 Seiten umfassende Biografie eines Mannes, von dem es uns – neben seinen Werken – vielfach an verwertbaren Nachrichten gebricht, andererseits eine nachschlagefähige gründliche Sammlung von Analysen über das Werk in vergleichbarem Umfang.
Ist die Biografie Bachs im Grunde eine recht langweilige – er ist im Vergleich zu Zeitgenossen wie Teleman oder gar Händel so gut wie gar nicht herumgekommen, sieht man einmal von Reisen nach Hamburg oder Berlin ab, und er hat auch, mit Ausnahme einer stattlichen, aber zeitüblichen Kinderliste, sehr wenig Privates hinterlassen -, so hält sein Werk doch viel Spannendes bereit, das man unter einem grässlichen Schleier protestantischer Kirchenmusik erst einmal hervorsuchen muss.
Wohl sind die Brandenburgischen Konzerte länger schon Gemeingut, die Passionen seit der Wiederaufführung durch Felix Mendelssohn-Bartholdy im religiös verbrämten Festkalender fix verankert, auch haben die Goldberg-Variationen spätestens seit ihrer Inszenierung durch den Kanadier Glenn Gould Kultcharakter.
Möchte man sich einmal einen Überblick verschaffen über das vielgliedrige Kantaten- und Motettenwerk Bachs, wozu man dann und wann durchaus Lust bekommt bei der Lektüre von Becks detail- und kenntnisreicher Biografie, dann sollte man – solange noch verfügbar – entschieden zur Gesamtausgabe greifen:
Die umfangreiche 
Bach Edition auf 155 CDs (plus CD-ROM mit Texten usw.) macht gerade das weniger im Interesse stehende geistliche Werk einfach und billig zugängig. Dass es fast überall kompetentere Aufnahmen gibt, ist aber eher ein Fall für ausgewachsene Liebhaber des Metiers. Bei den Passionen und vor allem den Kammermusikalischen Werken wird man jedoch durchaus zu Einspielungen erster Wahl greifen, da zahlt sich das auch aus.
Es gibt nämlich viel mehr zu entdecken an diesem langweiligen Orgelspieler:
- Sei solo, die Partiten und Sonaten für Violine
- die sechs Cello-Sonaten
- die beiden Teile des Wohltemperierten Clavier
- die späte Kunst der Fuge
- das für Friedrich den Großen zusammengestellte Musicalische Opfer
- und zuletzt die ‘catholische’ h-moll-Messe
In Gecks wohlfeilem Bach-Buch findet man einen prächtigen Leitfaden durch dieses Werk, wenn auch der biografische Teil allzu sehr daran krankt, dass in Ermangelung von Lebensdaten und Informationen aus dem Alltag des Komponisten allzu flächig über die werkgeschichtliche Aufarbeitung der zahllosen Kantaten elaboriert wird. Das zwingt bisweilen zu selektivem Lesen, tut aber dem Wert des Bandes trotzdem keinerlei Abbruch.
Tags: Bach, Barock
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Gespenstische Oper, verlorenes Drama
Von harbran am 13. Februar 2010
Wien scheint sich zu einem Kristallisationspunkt der Neuen Oper aufschwingen zu wollen – zumindest für den Februar: vor der Uraufführung der Medea des Berliners Aribert Reimann am 28. in der Staatsoper steht die Uraufführung der Oper Die Besessenen von Johannes Kalitzke am 19. im Theater an der Wien. Das gibt zum anderen einen spannenden Kompetenz-Wettbewerb zwischen den beiden Häusern.
Quasi als Auftakt gab die winzige Kammeroper Die Gespenstersonate von Aribert Reimann nach dem gleichnamigen Stück von August Strindberg. Das Furchtbare daran: die tragische Verstrickung der Figuren ist gesellschaftlich dermassen überholt, dass sie bestenfalls noch für Klamauk taugt. Immerhin aber hat die Regie diesen naheliegenden Ausweg nicht beschritten.
In Zeiten postmoderner Familienstrukturen lässt sich aus einer vor Jahrzehnten abspenstig gemachten Geliebten, einer untergeschobenen Tochter und der Anmassung von Adels- und militärischen Ehrentiteln kein dramtisches Süppchen mehr brauen. Auch der Direktor Hummel, der offenbar in irgendeiner Form alle anderen Personen auf dem Gewissen hat, ist heute kein Unikat mehr sondern eher die Personifizierung eines AWD-Beraters. Das Strindberg’sche Drama zielt heute nur noch ins gesellschaftliche Nirvana – vielleicht konnte man damit im Kompositionsjahr 1986 noch was anfangen… Das Gespenstische also ist die Oper selbst.
Musikalisch hat Aribert Reimann eine dichte Partitur vorgelegt, deren bestechendste Momente jedoch in den Zwischenspielen stecken, nicht in den allzu deklamatorischen Gesangspartien. Daher ist auch Dirigent Daniel Hoyem-Cavazza der Kern- und Angelpunkt der Aufführung.
Zu Stindberg passend – und genauso weit aus der Zeit heraus gefallen altbacken – haben Regie – Peter Pawlik -, Ausstattung – Cordelia Metthes – und Lichtdesign – Christian Weißkircher – eine vollkommern nichtssagende Umsetzung abgeliefert. Langweilig ist dabei noch ein Euphemismus.
Reimann benötigt für das kurze Werk – nach nicht mal eineinhalb Stunden ist der Spuk vorbei – eine erstaunlich lange Reihe an Darstellern, von denen die meisten auch mit zumindest ein paar Takten Singtext bedacht werden, doch bemerkenswert ist dabei kaum was oder wer.
Der junge Wiener Tenor Alexander Mayr als Student Arkenholz hat anfangs hörbar Schwierigkeiten mit der Intonation, liefert aber für der Rest der Partie eine passable Leistung ab. Durchgängig solide Bariton Hans Gröning als Direktor Hummel. Leicht verrückt und fas schon liebenswert Karin Goltz (Alt) als ‘die Mumie’ Amalie, Frau des Obersten, der vom Briten Brian Galliford tenoral knapp gehalten dargestellt wird.
Die beiden jungen Frauen sind in dieser Oper noch das beste: die Münchner Mezzosopranistin Annette Schönmüller als dunkle Dame, Tochter eines Toten, und das Fräulein Adele, hervorragend gesungen von Cornelia Horak – die Sopranistin kenne ich aus Tan Dun’s Tea oder als Komponist in der Ariadne der Volksoper, zuletzt aber aus Monteverdis Coronazione di Poppea am Theater an der Wien.
Ferner sangen mit:
- der Wiener Bariton Andreas Jankowitsch als Bengtson
- Tenor Ted Schmitz als Diener Johansson
- die Wiener Altistin Elisabeth Wolfbauer als Köchin
sowie eine Reihe stummer Rollen.
Schauen wir mal, ob die Medea in 14 Tagen mehr hergibt – oder Kalitzke’s Besessene nächste Woche…
Tags: Kammeroper, Neue Oper, Reimann
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Bad bad Pablo
Von harbran am 11. Februar 2010
Die Meinungen mögen ja durchaus auseinander gehen, was der eine oder andere sich von einer Biografie erwartet, nachgerade von der eines Jahrhundert-Künstlers wie Pablo Picasso. Das mag dann von einer werkzentrierten Entwicklungsgeschichte über den Menschen hinter dem Werk bis zum privaten Schmutzwäschewaschen reichen. Legitim ist das alles insoferne, als es sich sowieso nicht verhindern läßt.
Mir geht es jedenfalls so, dass mich an einem begnadeten Menschen wie Picasso der künstlerische Werdegang, das Umfeld, seine Zeitgenossen und Details der Werkentstehung zu fesseln vermögen – aber eher nicht, mit wem er wann und wie lange verheiratet war und wen er mit wem betrogen hat. Auch und gerade nicht, ob er ein nach unseren heutigen Ansichten partriarchalisches Verhältnis zu Frauen hatte.
Die griechisch-amerikanische Journalistin Arianna Stassinopoulos Huffington (auch als Bloggerin Citizen Huff bekannt) hat in ihrem Buch Picasso. Eine Biographie den Bösewicht Picasso ins Rampenlicht gestellt.
Der Mann ist insoferne verabscheuungswürdig – findet Frau Huffington -, als er nicht lieb zu seinen Frauen und Liebhaberinnen ist. Nun, vielleicht sollte sie bedenken, ehe sie allzu heutige Maßstäbe anlegt: Pablo Ruiz Picasso wurde 1881 geboren. Erstens ist er damit noch im 19. Jahrhundert aufgewachsen und zweitens wurde er im Spanien jener Zeit sozialisiert.
Leider kommt darüber die künstlerische Seite weitaus zu kurz; das Buch elaboriert elend lang über die armen Frauen – zu denen der Autorin nur in manchen Nebensätzen einfällt, dass sie zum Teil des Geldes wegen, zum Teil des Ruhmes eigener Kunstproduktion wegen hinter ihm her waren.
Natürlich war Picasso das, was man heute einen womanizer nennen würde. Die Autorin scheint Picasso aber eher aus privaten Motiven zu verfolgen, zumindest legt ihre eigene Biografie das nahe.
Was dabei herausgekommen ist, muss leider weitestgehend als uninteressant bezeichnet werden. Immerhin hat das Buch in der FOCUS-Edition wenigstens nur ‘n Appel und Ei gekostet.
Tags: Picasso
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Analytisches Musizieren
Von harbran am 10. Februar 2010
Mit dem Ersten Violinkonzert von Sergej Prokofjew taten sich schon die Zeitgenossen 1916/17 schwer. Nicht konzertmäßig, nicht virtuos genug schien es vielen Kritikern damals, und irgendwie scheint das doch dem Werk innezuwohnen – denn auch für einen grossen Auftritt von Hilary Hahn scheint es irgendwie dürftig…
Doch hat Prokofiew in den schwierigen Kriegsjahren ein eindrucksvolles Werk verfasst, das vom Geiger hohe Virtuosität verlangt, man darf sich bloss von der insgesamt leisen Anlage nicht täuschen lassen, die auch eine bei Prokofiew nicht gerade übliche Harfe vorsieht.
Der Komponist liess sich extra für dieses Konzert vom polnischen Violinvirtuosen Pawel Kochańskiberaten – und Hilary Hahn bei der Entwicklung der fein gesponnenen Pizzicato-Lineatur im ersten Satz zuzuhören, ist nachgerade ein Vergnügen. Hier ist durch alle drei Sätze viel Raum für die Entfaltung des Violinklangs.
Mit den beiden Zugaben – Ysaÿe und vor allem Bachs d-moll-Partita – kehrte die Solistin an ihre Anfänge zurück – die Bach-Partiten bildeten 1997 den fulminanten Start ihrer Karriere.
Begleitet hat das Royal Scottish National Orchestra unter dem jungen Stéphane Denève, der wohl auch für die Auswahl des schottischen Lokalkomponisten James MacMillan verantwortlich zeichnet – die eingangs gespielte Confession of Isobel Gowdie ist ein quäkendes Lautgedicht mit sozialkritischem Anliegen, nämlich an die Hexenverfolgung in Schottland zu erinnern. Musikalisch wenig bemerkenswert, dafür laut.
Nach der Pause wurde eine sehr eigenwillige Interpretation der 2. Symphonie von Antonín Dvorák gegeben: die gemeinhin in ihrem klanglichen Überschwang und der vorwiegend dunklen Färbung – samt Brahms-Zitat – eher frisch von der Leber musizierte Symphonie hat jedoch darunter eine komplexe Struktur zu bieten, die der Franzose Denève in aller Klarheit herausarbeitet, auch wenn dabei der populäre Schwung des Tschechen aufs erste Hinhören ein Wenig zu leiden scheint.
Es ist aber durchaus lohnend, diesen Dvorák sozusagen in analytischer Nacktheit zu hören.
Tags: Dvorák, Prokofjew
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Der Tenor als Bariton
Von harbran am 6. Februar 2010
Eine gar nicht so schlechte Figur macht Plácido Domingo nun als Bariton – altersbedingt, wie er nicht unkokett zugesteht: seine Stimme sei aber immer schon dunkel genug gewesen.
Die HD Live-Übertragung des Simon Boccanegra von Giuseppe Verdi aus der New Yorker MET gab ein gutes Bild davon, was Domingo mit seiner Selbstcharakteristik meinte: er ist ein vollwertiger Boccanegra, stimmlich und ad personam sowieso. Die Rolle des jugendlichen Aufstrebers und Liebhabers Gabriele Adorno, auf die er ansonsten als Tenor abonniert gewesen wäre – und mehrere Jahrzehnte auch war -, würde selbst unter der besten Maske und dicksten Schminke allmählich unglaubwürdig.
Obwohl aber alle Welt auf diesen – nicht zum ersten Mal vorkommenden – Fachwechsel eines Tenors zum Bariton blickte, wohl der Prominenz des Herrn Domingo wegen, so war der Star des Abends in gesanglicher Hinsicht der kanadische Sopran Adrianne Pieczonka.
In einer recht konservativen und statischen Inszenierung von Giancarlo del Monaco, auf die sich die MET rein gar nichts einzubilden braucht, blieb die einzige weibliche Heroine Maria/Amelia im Drama dessen Dreh- und Angelpunkt. Adrianne Pieczonka singt mit lyrischer Finesse und der bei Verdi nötigen Kraft und dem gebotenen Nachdruck eine wundervolle Belcanto-Partie. Man kann sagen, sie habe einen Abend gerettet, der anders wohl nur etwas für die Domingo-Fangemeinde gewesen wäre.
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Tags: MET, Verdi
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Aufnahmen zu fünfen
Von harbran am 5. Februar 2010
Ich bin beileibe kein allzu grosser Verehrer von Franz Schubert – auf seine Symphonik kann ich grösstenteils verzichten, seine Messen können mit denen von Beethoven oder gar Bruckner nicht mit, und die Lieder! Man bleibe mir fern mit den Liedern! Wenn man einerseits Mahler haben kann, wozu dann Wolf oder eben Schubert? Das ist irgendwie der Popfunk des Biedermeier…
Nun ist es aber gewiss nicht so, dass Schubert seine Position in der klassischen Musik etwa versehentlich erklimmen hätte können. Wahrhaft spannend sind da doch sein späten Quartette – und das Streichquintett C-Dur op.163 aus seinem Todesjahr 1828.
Da mich das Werk letzthin in einem Konzert des Hagen Quartetts dermassen hingerissen hat, habe ich meine alte Einspielung wieder hervorgekramt:

Die preisgekrönte Aufnahme der DGG von 1987 vom Melos Quartett mit Mstislav Rostropovich darf als zeitlose, klare und ungekünstelte Referenz gelten.
Nicht uninteressant ist dann aber, wie man zwanzig Jahre später als jüngeres Ensemble mit einem starken Hintergrund in der Neuen Musik an dieses Werk herangeht:

Gemeinsam mit Schuberts letzten Quartetten 14 und 15 nahm das von mir bevorzugte Belcea Quartett 2009 auch das Streichquintett C-Dur auf, am zweiten Cello: Valentin Erben.
Das klingt anders: kräftiger, lebendiger. Man ist auch eher geneigt, dem Belcea Quartett die dem Werk innewohnende dunkel Thematik von Tod und Schicksal abzunehmen – wobei auch hörbar wird, wie man Schubert aus der pickigen Romantik herauslösen und gerade sein C-Dur-Quintett vom Sockel des Monuments herab in den Strudel des Lebendigen stossen kann. Und wie gut ihm das tut. Ich würde sagen: diese Einspielung hat den entschiedenen Vorteil, in mehreren Dimensionen erlebbar zu sein und nicht bloss zu erschüttern.
Auf meiner Suche bin ich dann auch noch auf eine Einspielung mit Issac Stern, Paul Tortelier und Pablo Casals von 1952 gestossen – die werd’ ich mir trotz ihres Alters vergönnen, denke ich…
Tags: Schubert, Streichquartett
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Verneigung für zwei Celli
Von harbran am 28. Januar 2010
Wieder mal das Hagen Quartett: mit Mozart F-Dur K590 und Debussy in g-moll… Fast möchte ich bereuen, diesen Zyklus genommen zu haben, war ich doch die letzten beiden Male weniger angetan, doch immerhin – sehr lange nicht mehr gehört – steht auch das Quintett C-Dur von Franz Schubert auf dem Programm.
Gut: die Hagens sind nahezu perfekt, doch es ist eine Perfektion, die schon wieder hochmütig klingt. Und Lukas Hagen verpasst dem Mozart’schen Violinpart eine Portion Schmelz, die viel zu süßlich und – ja: – beflissen klingt. Aber sonst ist das alles natürlich einwandfrei.
Dann noch das g-moll-Quartett von Claude Debussy. Der Mann hat es tatsächlich geschafft, selbst seine Dissonanzen harmonisch klingen zu lassen. Doch was er in der Klavierliteratur mächtiges hinterliess, lässt umgekehrt sein Streichquartett weit hinter sich. Wenn das, was gespielt wird, mich langweilig ankommt, dann kann ich leider auch nicht beurteilen, wie es gespielt wird.
Nach der Pause aber endlich was für mich!
Kann man, möchte man fragen, der himmlischen Einfachheit und zugleich absoluten Komplexität des Streichquartetts denn überhaupt noch etwas Relevantes hinzufügen, indem man es mit einer zweiten Bratsche oder einem zweiten Cello ergänzt? In der Tat ist Schuberts C-Dur-Quintett da eine herausragende Innovation – und zugleich ein Monolith bis auf den heutigen Tag:
Die Innovation besteht allein schon darin, anstatt der Bratsche, wie noch bei Mozart oder Beethoven üblich, ein zweites Cello einzusetzen. Das zieht die gesamte klangliche Struktur ins Dunkle – und das macht den speziellen Reiz dieses Werks aus. Und gar, wenn dieses zweite Cello kein geringerer als Heinrich Schiff bedient.
Schubert ist da gar nicht faul gewesen und hat dem zweiten Cello überdies eine vom ersten vollkommen unabhängige Rolle zugeschrieben. So ergänzt er eine Facette, die dem Cello im Streichquartett recht selten zukommt: neben dem Bassbereich, den es sonst abzudecken hat, führt der Komponist die zweite Cellostimme in lichte Höhen, sozusagen zum Tenor. Denn gerade in seinen Höhen wird das Cello für gewöhnlich unter seinem Wert geschlagen.
Das Werk lässt einen sprachlos zurück. Und es gibt auch rein gar nichts zu maulen. Ich verneige mich vor Franz Schubert, vor den vier Mitgliedern des Hagen Quartetts und vor Heinrich Schiff…
Tags: Debussy, Mozart, Schubert, Streichquartett
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Un poco popolare
Von harbran am 26. Januar 2010
Die Herren vom Ensemble Chanticleer haben für ihre CDs ja schon allerhand Preise eingeheimst, und ich habe sie vor Jahren schon live gehört. Diesmal gastierten sie wieder im grossen Saal des Musikvereins, den sie anstandslos zu füllen im Stande sind.
Das Programm enthält mindestens so viele Gustostücke der Alten Musik – etwa von Orlando Gibbons, Giovanni Pierluigi da Palestrina (seine Missa Veni sponsa Christi), Guillaume Dufay (Lamentation Sanctae Matris Constantinopolitanae und eine Motette) oder Clément Janequin – wie der Neuen Musik – Györgyi Ligeti, Jean Yves Daniel-Lesur, Steven Sametz oder Michael McGlynn – aber leider auch eine Menge Stückchen, die dem Breitengeschmack scheicheln und gar ins garstig Populäre überschwappen.
Nicht dass das nicht alles immer wunderschön arrangiert und gesungen wäre…
Glücklicherweise teilt sich der Abend entlang der Pause in einen hörbaren, von Palestrina bis Ligeti getragenen, und einen verzichtbaren Teil – mit den Medleys von Folk bis Spiritual. Da kann man ja den Saal verlassen und einfach nicht wiederkommen.
Der erste Teil aber war – bis auf die Motette Unser Leben währet Siebzig Jahr von Sethus Calvisius – wirklich gut, das Ensemble hervorragend gestimmt und die Stimmen im Gewirr der polyphonen Dickicht blendend geführt.
Tags: Alte Musik, Neue Musik
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Fahrt durch die deutsche Romantik
Von harbran am 25. Januar 2010
Das WDR-Symphonieorchester Köln unter Semyon Bychkov besuchte Wien und hätte ursprünglich den norwegischen Cellisten Truls Mork – einen meiner Favoriten – mitbringen sollen, doch der hat aus privaten Gründen abgesagt.
Den Abend begann Bychkov mit der Overtüre zu Lohengrin – einem der wenigen Stücke von Richard Wagner, das wirklich konzerttauglich ist.
Anstelle von Truls Mork spielte Kirill Gerstein das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 in g-moll op.25 von Felix Mendelssohn-Bartholdy: ich kannte es bislang nicht, und halte es nach dieser Aufführung für ein durchaus bemerkenswertes Stück romantischer Musik im besten Sinne, dem eben nicht die Verirrungen der deutschen Romantik an allen Enden hervorquellen – vielleicht weil es dafür noch recht früh, 1831, entstanden ist.
Mendelssohns Musik folgt hier eher dem leichtfüssigen Stil eines Mozart, die Schwere und Dichte des Klaviersatzes von Beethoven und – später – Brahms erreicht er nicht, doch speziell der zweite Satz bezeugt das Genie des Komponisten. Auf jeden Fall ist es einen Eintrag in der Liste der zu besorgenden CDs wert.
Kirill Gerstein gab noch eine hinreissende Schubert’sche Klavierbearbeitung des Erlkönigs zu.
Nach der Pause gab’s dann – aus Verwandtschaft, möchte man sagen, denn wirklich passend wäre was anderes gewesen – die Zweite Symphonie C-Dur o.61 von Robert Schumann. Ich kann mich mit dem originalen Schumann leider nicht mehr anfreunden, seit ich seine Symphonien in der Fassung von Gustav Mahler kenne. Da langt Schumann irgendwie nicht an Schumann heran, nun ja.
Insgesamt war’s endlich wieder mal ein Konzert mit Romantik, das sich auch lohnte. Und nebenbei ein schönes Beispiel, wie vielfältig die musikalische Epoche doch sein kann, und wie wenig ihr so manches Deutsche darin gut tut – so man Wagner als Romantiker gelten lässt. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass er trotz seiner Ansätze zur Überwindung der romantischen Musik im Grunde ein zu spät gekommener Frühromantiker ist…
Tags: Mendelssohn-Bartholdy, Schubert, Schumann, Wagner
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Ein Wiener Orpheus
Von harbran am 24. Januar 2010
Der Orpheus-Stoff ist in der Geschichte der Oper zahllose Male vertont worden. Umso spannender ist es natürlich, ab und zu eins der Werke abseits von Gluck oder Monteverdi zu hören zu bekommen. Im Rahmen der Resonanzen wurde heute im Konzerthaus eine konzertante Fassung von Johann Joseph Fux‘ Orfeo ed Euridice gegeben.
Das Libretto des Wiener Hoflibrettisten Pietro Pariati sieht allerdings – im Gefolge der venezianischen Gepflogenheit, Opern um zwei konkurrierende Paare und ihre Liebesverwicklungen aufzubauen – einerseits den um Euridice werbenden Aristeo – der sich ihrethalben selbst entleibte, um in der Unterwelt weiter um sie werben zu können, vor, andererseits ein lieto fino: Euridice muss nicht zurück in die Unterwelt und Orpehus wird nicht von den Furien zerrissen.
Bemerkenswert sind im Libretto aber vor allem auch die direkte Ansprache des Kaisers – Karl VI., der Vater Maria Theresias, regierte 1715 in Wien – im Schlussgesang und die mehrfachen Anspielungen auf die Schwangerschaft von Kaiserin Elisabeth Christine. sie gebard denn auch den lang ersehnten männlichen Thronfolger Leopold, der jedoch nach kurzem wieder verstarb.
Fux, damals bereits Hofkapellmeister, komponierte sein Componimento da camera per musica in un atto für mehrfach besetztes Streicherensemble mit Continuo und Holzbläsern, unter anderem die damals in Mode gekommenen Klarinetten und das – leider heute wieder verschwundene – Chalumeau.
Die vielfach ausgezeichnete neapolitaner Capella della Pietà de’ Turchini unter ihrem Gründer und Leiter Antonio Florio spielten das formen- und variantenreiche Werk auf Originalinstrumenten und mit grossem Gespür für die feinen Nuancen.
Begeisternd war die aus Gorizia gebürtige Mezzosopranistin Romana Basso – die heuer schon in Vivaldi’s Armida für Begeisterung sorgte – als Orfeo. Klare, ungekünstelte Linien ohne exaltierte Verzierungen evozieren im Kontrast ihrer dunklen Stimme mit den ätherischen Höhen des Chors aus drei Sopranen, Alt und Tenor gleich zu Beginn Entrückung und Elysium, in die der Sänger kraft seiner Kunst vordringt.
Ihr zur Seite die noch blutjunge Francesca Boncompagni als Euridice, die zunächst noch allzu kindlich klingen wollte, doch im Laufe ihrer ersten, nicht eben einfachen Arie Sposo amato io veggo neben ungeahnten Höhen auch eine überraschend volle Sopranstimme hören ließ.
Den – in der griechischen Sage nicht vorkommenden – Liebhaber Aristeo sang der Apulier Giuseppe de Vittorio, ein kräftiger Tenor, doch eingangs etwas farbarm. Einen hervorragenden Eindruck hinterliessen auch die Soprane Maria Ercolano – Amore – und Valentina Varriale -Proserpina -, sowie der vom Komponisten mit nur zwei Arien bedachte Pluto Makoto Sakurata.
Mit diesem Orfeo boten die Resonanzen eine Perle aus dem barocken Opernschaffen am Wiener Hof, das leider tief in Vergessenheit geraten ist, wenn man von Glucks allseits bekanntem Meisterstück einmal absieht. Fux hat eine reichhaltige Musik geschaffen, die recht unaufgeregt daherkommt, aber tiefe Emotionen der Sängerinnen und Sänger wie eindringliches und auch solistisch brilliantes Musizieren im Orchester erfordert. Dieser ist nicht der einzige, aber ein bemerkenswerter Wiener Orpheus.
Tags: Barockoper, Fux, konzertant, Wiener Hof
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