slow thinking
Von harbran am 29. Mai 2007
Das kling ja zuallererst einmal nach mentaler Müdigkeit, vielleicht sogar angeborener. Sie wissen schon: gemächliches Anspringen der Ganglien. So ist es aber mitnichten gemeint.
Genauso wie der Begriff slow food für bedächtiges Genießen steht, bezieht sich slow thinking auf genießerisches Denken, also sozusagen (analog zu den Prinzipien der Genußvereinigung)
- überlegte Auswahl dessen, worüber man nachdenkt,
- ruhiges, nicht überhastetes Denken in extra dafür reservierten zeitlichen wie räumlichen ‘Sitzmöbeln’,
- gründliches Durchkauen mit Sinn für die feinen Nuancen dessen, was einem dabei so unterkommt,
- umsichtige Beschaffung des denknotwendigen Basismaterials
- und nachhaltiges Tagging.
Man kann sich ja heute beileibe ins geistige Bockshorn jagen lassen, so viel fast thonk kommt einem da unter – Wortneuschöpfung zur Übernahme freigegeben. weiterlesen »
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Trilok Gurtu & Arke String Quartet
Von harbran am 28. Mai 2007
Eine auf den ersten Blick wahrhaft schräge Kombination: die vier Italiener vom Arkè String Project, das bisher mit “Acquario” eher weniger aufgefallen ist, haben sich mit dem indischen Percussionisten Trilok Gurtu zusammengetan. Herausgekommen ist eine wundbar dichte, musikalisch trotz vieler überwundener Grenzen kompakte Gratwanderung zwischen östlicher und westlicher Tradition:

Mit der CD Arkeology beweisen das Streichquartett und Gurtu kongeniale Fähigkeiten: hebt die CD mit Balatho echt auf Jazz ab, so kommt in Yoragathupaga ein klarer Anklang an das jüngste Projekt des radio.string.quartet und damit in direkter Linie das Mahavishnu Orchestra zustande – es klingt hier fast wie guter alter Fusion Jazz, nur weniger elektrisch. Folded Hands dagegen bewegt sich in fließendem indischen Singsang der Streicher dahin, interpunktiert von modernen Schlagzeugakzenten, inklusive irgendwie elektronischem “Moog”-Sound zum Solo. Auf “Skopje” schließlich klingt so etwas wie balkanesische Spielfreude durch. weiterlesen »
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Geld als Medium des Zynismus
Von harbran am 28. Mai 2007
Dustin Hoffman und Robert de Niro wedeln mit dem Hund: gestern abend lief auf dem ansonsten nicht gerade mit sehbaren Programmen glänzenden Schmuddelsender ATV Barry Levinson’s Meister-Satire über den Medienrummel namens Krieg und die amerikanische Politik Wag the Dog. Nicht gerade neu – aber sonst wohl auch nicht auf ATV.
Dennoch ein hervorragender Film zum Wiedersehen – allerdings stark abgeschwächt, weil naturgemäß in deutscher Version. Die ist dem Original absolut nicht gewachsen! Daher der DVD-Tipp: Wag The Dog [UK IMPORT]

Bloß nicht die deutsche Version – die bietet zwar auch eine englische Tonspur, aber die deutschen Untertitel sind nicht auszublenden. Welchen Volltrotteln sowas einfällt! Aber wahrscheinlich ist es eher ein Symptom der generellen greediness der Filmkonzerne. Wer die deutsche und die englische Version in Reinkultur haben will, soll offenbar zweimal zahlen. Sie werden – wie die Musikindustrie – zwangsläufig untergehen damit.
Man kann den Film als blanken Zynismus verstehen. Doch ist er eine Satire, eine bloße Überzeichnung des Realen. Zynismus steckt auch drin – doch auf einer anderen Ebene! weiterlesen »
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Zwei Telefonate
Von harbran am 27. Mai 2007
Das erste Telefonat:
Eine mir stimmlich unbekannte Anfruferin stellt sich nicht vor und legt los: “Volks- und Hauptschule Sowiesogasse. Die Kinder brauchen Turnsackerln, Gymnastikmatten -” und ich weiss jetzt nicht mehr, was noch alles erwähnt wurde. Ich dachte zunächst an eine Fehlverbindung.
Man ruft mich gerne auch wegen Schlosserarbeiten an, denn die Schlosserei Hammerle – in der es noch dazu auch einen Herrn Ing. Brandstetter gibt – hat eine nahezu identische Nummer. Wenn ich ich also namentlich melde, legen die gleich los mit Betellungen und Beschwerden… So dachte ich auch hier.
Vermute ich also und frage nach, wieso ich? Nein, einen Baustein kann ich erwerben. Da bin ich momentan überrumpelt. Lasse alle Freundlichkeit fahren und sage nein, nein, nein. Gnade! weiterlesen »
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Kühlung
Von harbran am 26. Mai 2007
Gräßliche Hitze in der Stadt! Also raus ins Grüne, kühlen Schatten suchen, gekühlten Wein, einen kühlenden Luftzug vom Keller her… Und geht alles von selber: es trübt sich ein, zunächst drückt die Schwüle, dann fällt die Temperatur, es tröpfelt ein Wenig aus schweren, schwarzen Wolken. Die Luft ist auf einmal angenehm geworden. Unter der Pergola liest sich’s gut.
Also wieder Kierkegaard, “Furcht und Zittern”:
Wer nicht arbeiten will, der bekommt sein Brot nicht, sondern wird betrogen, wie die Götter Orpheus mt einer luftigen Gestalt an Stelle der Geliebten betrogen haben, betrogen, weil er zärtlich, nicht mutig, war, betrogen, weil er Zitherspieler, kein Mann war. Hier hilft es nichts, Abraham zum Vater zu haben oder siebzehn Ahnen, wer nicht arbeiten will, auf den trifft zu, was von Israels Jungfrauen geschrieben steht, er gebärt Wind, aber wer arbeiten will, der gebärt seinen eigenen Vater.
Kierkegaard beschreibt die äußere Welt und setzt ihr die Welt des Geistes entgegen, in der es eben nicht auf die Gerechten und die Ungerechten gleichermaßen regnet, in der nicht sein Brot bekommt, wer auch nicht arbeitet. Er versucht uns zu erklären, was es mit der Geschichte von Abraham, der seinen Sohn Isaak opfert, auf sich hat, warum es nicht bloß eine veranscheuenswürdige Tat ist, oder wenn schon keine Tat, weil in letzter Sekunde verhindert, so doch ein schrecklicher Plan: den eigenen Sohn zu töten auf Geheiß Gottes. weiterlesen »
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NuJazz Is Not A Crime
Von harbran am 25. Mai 2007
Wenn es schon sowas wie NuJazz geben muss, dann sollte es wenigstens gut gemacht sein. Da kann man allerhand befürchten, wenn 2 DJs aus Braunschweig sich aufmachen, ein vielköpfiges groovendes Orchester hinzukriegen. Man muss es ihnen aber lassen: stylish, souly & jazzy, meistens latin! Man fühlt sich an die Könner von “Mousse T” erinnert!

So sagt Terry Callier, Guest Voice auf “What Is Hip?”:
Hipness is not a state of mind, it’s a fact of life!
Mir ist es zwar vollkommen und umfänglich einerlei (auf gut Wienerisch: ‘wurscht’), ob die Scheibe hip ist – sie ist hörbar. Das ist in den meisten Fällen mehr wert! So betrachtet stimmt es: Bossa Nova Is Not a Crime.
NuJazz is not a crime – sometimes! Dürften nur die heutigen Kids mit mehr solcher Musik aufwachsen. Sie müßten sich nicht die Ohren und sämtliches Geschmacksempfinden ruinieren mit all dem Junk, den sie sich zuführen.
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Fröhliche Dritte
Von harbran am 23. Mai 2007
Wer zu spät kommt, nun: den bestraft irgendwer oder irgendwas. Zum mindesten die Absenz. Meinesfalls bei verspätete Ankunft im Großen Musikvereinssaal durch Versäumnis der ‘Wesendonck-Lieder‘. Ich bin zwar sonst kein ausgeprägter Freund von Richard Wagner, doch die fünf hübschen Lieder zu Gedichtchen der Mathilde Wesendonck, die Wagnern überdies beständig monetär aushelfen durfte, sind ganz erträglich und vollkommen un-schwer.
Gehört habe ich dann die Dritte Symphonie von Bruckner, interpretiert von Roger Norrington und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart. Relativ selten gespielt die diesmal gebotene Version: die Originalfassung von 1873 – bei weitem nicht die meistgespielte. Aber immerhin die lange Version, ohne die einschneidenden Kürzungen der zweiten Fassung. Hier werkt Bruckner sozusagen in Zeitlupe und ausgebreitet vor dem Hörer an allen Details – nach allen Regeln der kompositorischen Kunst. weiterlesen »
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Crooning with Biondi
Von harbran am 22. Mai 2007
Es gibt Sizilianer, die beschäftigen sich mit Verbrechen und schreiben Krimis. Auch soll es welche geben, die es mehr mit den Orangen und Zitrusfrüchten halten. Passable Musik machen auch etliche. Dieser hier swingt erstklassig: Mario Biondi, begleitet von den besten Jazzern Italiens, dem High Five Quintet.
Wenn man unter einem (noch dazu italienischen) Crooner vielleicht früher so etwas wie Dean Martin oder Perry Como verstanden hätte, sei man hiermit eines besseren belehrt: der Mann hat eine phantastische Stimme. Es tut dem Genuss dabei nicht mal Abbruch, dass er in Italien grad auf Nummer 1 der Pop-Charts steht. Gute Musik darf auch Erfolg haben.

Die aktuelle Einspielung Handful of Soul enthält auch die Hitsingle ‘This Is What You Are’, ist aber ansonsten weniger gefährlich: die CD enthält garantiert keine einzige schwache Nummer!
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Grundlagen des spoudogeloion 1
Von harbran am 21. Mai 2007
Im griechisch dominierten Syrien des 3. Jahrhunderts v.u.Z. entsteht das spoudogeloion als literarische Gattung: in direkter Übersetzung könnte man die Schriften ‘scherzernst‘ nennen. Denn der Begriff der ursprünglich römischen Satire trifft keineswegs den Kern der Sache. Das spoudogeloion ist eine poetologisch viel freiere Form, die in den menippeischen Urwerken der Gattung vorherrschende Mischung aus Versen und Prosa ist in den hellenistischen Nachfolgern weniger stark ausgeprägt.
Insbesondere Lukian von Samosata (im 2. Jahrhundert v.u.Z.) hat mit den Hetärengesprächen, aber auch mit dem Symposion
Meisterwerke der Gattung hinterlassen. weiterlesen »
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Das ‘Datum’ zum Monat
Von harbran am 20. Mai 2007
Man hat schon lang keinen so gewagten Versuch mehr gesehen – wie wohl er seit etlichen Jahren unverdrossen Monat für Monat gemacht wird – wie die Herausgabe einer textlastigen Zeitschrift, die ein Magazin zun nennen man sich kaum getraut.

Die Zeitschrift Datum exerziert auch in Österreich vor, was sonst nur besonders erlesene Schwesterblätter zustande bringen:
Mit einem Zugang ohne Arroganz und Insidersprache, in der Tradition des angelsächsischen Journalismus, wie ihn der New Yorker, das New York Times Magazine, der Atlantic Monthly oder, im deutschsprachigen Raum, Die Zeit oder Die Weltwoche pflegen.
Das ist, was die Amerikaner unter den Vorbildern betrifft, recht hoch gegriffen – die deutschen Ideale stehen da auf anderem Terrain: bedeutungsschwer: ja, besonders tief gedacht: weniger. So auch das österreichische Datum: es ist halt doch ein Stück wegs von der Vorlage zur Auflage. Aber immerhin ein wohltuend anderes Beispiel. Lesenswert.
Das Interview mit Alexander Wrabetz ist weniger erhellend. Manche der Fragen sind schlichtweg blöd und andere zeugen von wenig Kenntnis der Materie. Da fragt halt einer ins Blaue, hat man den Eindruck. Der andre antwortet, als wär’ alles eh nur ein Spassettl.
Das Thema ‘Berufsheer in Österreich’ dagegen ist am Anfang des Lesens so notwendig wie dem Wrabetz seine Reform, aber mit beissendem Hintersinn kommt an den Tag, dass es recht arg steht um das Thema. Sollten wir eigentlich haben, doch weder die Umstellung ist zu finanzieren noch der Erhalt; bleibt also weiterwursteln. Bloß die ketzerische Frage nach einer generellen Abschaffung stellt niemand. Fragt sich ‘Datum’.
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