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Wieder mal: Schade um ein Orchester

Von harbran am 28. Oktober 2009

Um es vorweg zu nehmen: Eduard Lalo mag ein begnadeter Bratschist gewesen sein, er mag auch seine Soloinstrumentalisten, namentlich die an der Violine, mit wahren Gustostückerln versorgt haben, was ja durchaus hörbar ist, doch er war darüber hinaus ein fürchterlicher Ignorant dem Orchester gegenüber.

Da gastiert das Royal Philharmonic Orchestra schon mal in Wien, aber dann spielen sie ausgerechnet die nicht sehr geistreiche Fantasieouverture h-moll “Romeo und Julia” von Peter Iljitsch Tschaikowski und gleich drauf die Symphonie espagnole!

Der junge britische Geiger Joshua Bell brillierte ohne Wenn und Aber in den ernsthaft ausgefeilten Solopassagen, die Lalo zur Freude aller Virtuosen da hinein komponiert hat, doch das Orchester unter der Leitung von Charles Dutoit muss sich dabei mit langweiliger Hilfstätigkeit abgeben. Das kann doch auch nicht der Sukkus – im alten lateinischem Wortsinn: von succus wie Saft – eines Konzertes sein. Obendrein war Bell sich für eine kleine Zugabe als Dank für den tosenden Applaus auch noch zu gut – was natürlich seine Leistung keineswegs schmälert, aber doch aus der Menge sonstiger Solisten in krasser Vereinzelung heraussticht.

Wenigstens vermochte die auf einer Fassung des Dirigenten basierende Suite aus “Romeo und Julia” von Sergei Prokofjew dann doch den Abend noch zu retten. Da konnte endlich der königliche Klangkörper zur Geltung kommen, wurde ernsthaft orchestral musiziert. Dass Prokofiew sich von der blossen Gehopse-Musik seines Vorgängers Tschaikowski schon meilenweit entfernt hatte, wurde gerade in der Konfrontation mit dem Eröffnungsstück mehr als deutlich.

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Ohne Weichzeichner

Von harbran am 25. Oktober 2009

Alan Curtis und das von ihm gegründete Ensemble Il Complesso Barocco sind inzwischen – wenn auch nicht unbestritten – für ihre Interpretationen von Händel-Opern auf Bühne und CD bekannt.

Georg Friedrich Händel - Six Complete Operas - Il Complesso Barocco

Umso angenehmer, wenn die Box Six Complete Operas von Georg Friedrich Händel zum unschlagbar günstigen Preis über den Ladentisch geht: 6 Gesamteinspielungen auf insgesamt 15 CDs und einer CD-ROM.

Enthalten sind

Es dauert natürlich eine geraume Weile, bis diese Menge an Musik durchgehört ist – und die stupende Qualität der Sänger wie des Ensembles sorgt dafür, dass man viele Stellen wieder und wieder spielt!

Der Radamisto von 1720 ist eine jener Opern Händels aus der ersten Londoner Akademie, die mit einem völlig untypischen Auftakt überrascht: anstelle eines Rezitativs mit anschliessender Arie baut der Komponist eine ganze Szene, um seine weibliche Hauptperson zu charakterisieren. Polissena bekommt eingangs eine nur einteilige Cavatina ohne B-Teil und Da-Capo – dafür muss sie dann auch noch nicht abgehen. Das ermöglicht es Händel, zuerst noch den Verehrer Tigrane seine Liebesschwüre vorbringen und zudem ihren ungetreuen Ehemann Tiridate mit Krieg und Verwüstung und Grausamkeit auf die Szene poltern zu lassen, ehe sie mit “Tu vuoi ch’io parte?” in einer schluchzenden Sarabande effektvoll abtreten kann.
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Merci pour votre Révolution

Von harbran am 24. Oktober 2009

Das Monumentalwerk des Historikers Jules Michelet Geschichte der französischen Revolution, zuletzt in einer fünfbändigen Ausgabe nur noch antiquarisch erhältlich, wurde von Zweitausendeins in einer sagenhaft günstigen zweibändigen Taschenbuch-Ausgabe wieder allgemein zugänglich gemacht: über 2.000 Seiten einer geballten, detailreichen, dabei eloquent geschriebenen Darstellung der ersten aller Revolutionen, die unsere Gegenwart erheblich mitbestimmt haben.

Jules Michelet - Geschichte der Französischen Revolution

Michelet schrieb während der Zweiten Republik zwischen 1847 und 1867 an dieser Geschichte und konnte niemals seine klare Stellung als Republikaner und Demokrat verbergen, er wollte es wohl auch nicht. Der Tatsache, dass das Ancien Régime vollkommen abgewirtschaftet hatte, kommt in seiner Analyse die Rolle einer lapidaren Feststellung zu; die monarchische Regierungsform ist per se überholt, als im Jahre 1789 der französische König Louis XVI die Stände einberufen muss, um sich weiteres Geld aus neuen Steuern bewilligen zu lassen.

Hof, Adel und Klerus unterschätzen vollkommen die kumulierte Wirkung eines langen Jahrhunderts der Aufklärung: unter den Philosophen die Materialisten – La Mettrie, d’Holbach und Diderot, um nur die bekannteren zu nennen -, und vor allem Voltaire und Rousseau haben den Grundstein einer Gesellschaftssicht gelegt, der längst nicht mehr philosophischer Zirkel oder aristokratischer Salons bedarf, sondern in bürgerlichen Kreisen schon selbstverständlich verbreitet ist. Man will sofort Mitsprache, aber nicht nur bei der Bewilligung der Steuern.

Minutiös beschreibt Michelet das Reifen dieser Revolution – und ihren jähen Ausbruch am 14. Juli 1789; aber auch ihr untotes Hinschleppen über mehrere Jahre, bis die herrschende Clique sich schliesslich moralisch und politisch restlos verausgabt hat, die Kriege und die Misswirtschaft das Volk in eine noch schlimmere Situation gebracht haben als zu Zeiten des Königs. Friede ist dann schon alles, was Frankreich will. Doch es bekommt einen Kaiser, der wiederum nichts anderes im Schilde führt als eine endlose Reihe von Kriegen.
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Später Triumph

Von harbran am 23. Oktober 2009

Georg Friedrich Händel ist – neben seinen Opern, die man zur Zeit überall in die Spielpläne hebt – in erster Linie berühmt für seine Oratorien, und unter diesen vornehmlich für seine späten Werke, die aus der letzten Londoner Zeit.

Dass er in jungen Jahren bei seinem ersten Italienaufenthalt bereits ein Oratorium italienischen Stils geschrieben hat, ist weitaus weniger bekannt – er hat es denn auch selbst als Steinbruch für die Opern der Londoner Zeit benutzt, wohl wissend, dass keiner seiner angelsächsischen Zuhörer jemals das italienische Werk gehört haben konnte.
Georg Friedrich Händel - Il trionfo des Tempore e del Disinganno
Aus Il Trionfo Del Tempo e del Disingianno ist allenfalls die Arie der Piacere “Lascia la spina” bekannt, mit der sich schon Cecilia Bartoli gekonnt in Szene setzte.

In dieser Einspielung unter Emmanuelle Haïm singt Ann Hallenberg – siehe auch Il Ritorno di Tobia – die Piacere (Lust), Sonia Prina die Disingianno (Enttäuschung/Erkenntnis), Pavol Breslik den/die Tempo (Zeit) und: Natalie Dessay die Bellezza (Schönheit)!
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Eines roten Priesters Zauberin

Von harbran am 22. Oktober 2009

Eines sei gleich verraten: zaubern tut die Zauberin Armida aus Ariosts Gerusalemme liberata hier keineswegs. Auch schweigt der Kampf um Jerusalem bis zum Schluss der Oper. Dem Libretto aus der Feder des Giovanni Palazzi geht es in dieser Auskopplung aus dem Monster-Epos einzig um die Ränke und Intrigen einer in Liebe entflammten Frau.

Antonio Vivaldi, der rote Priester, setzte in Armida al campo d’Egitto für den Karneval 1718 das zeittypisch verworrene Geschehen in liebreizende Musik – er findet mit einfach besetzten Streichern, zwei Theorben und obligatem Cembalo das Auslangen. Einzig im dritten Akt treten kurz zwei Hörner hinzu. Man mag das als Mangel ansehen, gerade wenn man Händels weitaus opulentere Orchestrierungen zum Vergleich heranzieht. Doch hat das fragile Klangkostüm der Vivaldi’schen Musik absolut seinen Reiz.

Die Handlung hingegen – mit den Personen Armida, Osmira, Adrasto, Emireno, Erminia, Tisaferno und einem Kalif – erweist sich als ganz und gar jenseitig: man bekommt die Verwirrnisse aus mehrerlei Gründen nicht wirklich mit. Wer nicht mit dem Kopf im Programmbüchel dasitzen möcht’, hat gar keine Chance, zu wissen, wer wer ist – auch nicht von den Künstlern, noch dazu, da die meisten Sängerinnen dieses weiblich dominierten Ensembles in Wien nachgerade unbekannt sind. Doch bilden sie ein homogenes Ganzes!

Natürlich: die Venezianerin Sara Mingardo ist eine Berühmtheit, aber doch eher an der Scala als bisher in der Wiener Opernlandschaft zu Gast. Nicht zuletzt liegt das an der Stimmlage (der Staatsoper fehlt jegliche Kompetenz für Opern mit solchen Stimmen, da erweist sich schon das Abonnement auf die Wiener Philharmoniker als Nachteil).

Sara Mingardo liefert eine glanzvolle Partie der Armida – und macht damit die ganz und gar verhaltene Vorführung von Vivica Genaux von vor ein paar Tagen unter Altistinnen wieder wett. Hier ist neben tiefer Lage auch erstaunlicher Umfang zu hören, selbst klangliche Brillianz in den – relativen – Höhen.

MIr am besten gefallen hat die Mezzosopranistin Romina Basso (Adrasto) aus dem Friaul – zu hören übrigens auch auf der CD-Einspielung von Händels Tolomeo unter Alain Curtis. Eine dunkle, kraftvolle Stimme, klar gesungen und – wie es sich für barockes Musizieren gehört – ohne jegliches Vibrato. Die erste ließ mich aufhorchen, aber ihre zweite Arie “Agitata de venti dall’onte” war einfach mitreissend!

Wirklich ausserordentlich auch die zweite Mezzosopranistin Monica Bacelli: ihre Osmira singt die recht delikaten Ausschmückungen mit Hingabe und Schmelz, dabei stets hell und sauber!

Ich muss zugeben: je öfter ich verschiedene Altistinnen und Countertenöre höre, desto mehr beginne ich mich auch in diese Stimmlagen einzugewöhnen. Bei CD-Aufnahmen sorgt zudem kein Bild für Irritation – wie hier im Theater an der Wien: der argentinische Counter Martin Oro sieht – mit kurz-gepflegtem Bart und ebensolchem Bauchansatz im grauen Anzug – wie ein soignierter Herr aus; umso ungewohnter ist es, wenn er anstimmt. Solche Diskrepanz am Rande der Lächerlichkeit macht mir abseits allen musikalischen Genusses noch immer zu schaffen. Auch wenn das natürlich mehr als unfair ist!

Martin Oro sang für mich dann auch die wahre Überraschung: die Arie “Quel torrente” des Tisaferno im dritten Akt. Es machte dann gar nichts mehr aus, wie es aussah oder mir vorkommen mochte – es war einfach nur wunderschön und mit viel Schmelz und Hingabe gesungen!

Weniger zu tun hatte Bariton Furio Zanasi als Kalif – Vivaldi hat ihm vergleichsweise knappen Text zu singen gegeben. Die Erminia sang die Römerin Raffaella Milanesi, die auch auf etlichen Einspielungen zu hören ist und hier gute Figur in einer wenig zentralen Partie machte, stimmlich versiert und mit präzisen Verzierungen.

Die zweite Hauptpartie, die des nicht im Ariost vorkommenden Kriegers Emireno, sang Marina Comparato, sanglich perfekt, doch das kleine Weniger an Ausdruck war in diesem Kreis durchaus spürbar.

Unter der Leitung des Spezialisten für Alte Musik – und seines Gründers – Rinaldo Alessandrini spielte das Concerto Italiano einen leisen, sehr analytischen Vivaldi: präzise Ausführung, Perfektionismus pur. Der Nachteil: es gelang kaum je ein Ausbruch in die Affekte, welche die Figuren schüttelten. So gesehen hatten die Sängerinnen und Sänger leichte Begleitung, mussten sich aber selbst zu ihren Leistungen aufputschen.

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Frühes und Verzichtbares, sauber gestrichen

Von harbran am 19. Oktober 2009

Das Salzburger Hagen Quartett hat für den ersten Abend seines heurigen Konzerthaus-Zyklus eine Zusammenstellung gewählt, die mit der Hommage à Mihály András von György Kurtág ungewohnterweise das sonst inmitten versteckte moderne Pflichtstück an den Anfang stellte, eigentlich ungeplant und zu Beginn als Änderung angesagt, wie um es halt hinter sich zu bringen.

Gespielt waren die 12 Miniaturen jedoch präzise und mit luzidem Klang. Hart stiess aber hierauf Ludwig van Beethoven mit op. 18/1 an – mit dem der spätere Neuerer in noch jungen Jahren zunächst einmal seinem kurzzeitigen Lehrer Haydn zu beweisen suchte, dass er’s auch könne. Eine melodienhaltige, sich noch in den klassichen Formen bewegende Struktur, die wunderbar einzulullen vermag, doch auch offenbart, dass das nachmalige Genie hier bestenfalls am Anfang steht.

Nach der Pause gab’s die recht langen und über weite Strecken einfach auch langweiligen Emanationen des Streichquartetts g-moll von Edvard Grieg – ein durchaus verzichtbares Stück.

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Haydn und Fast Food

Von harbran am 18. Oktober 2009

Sich auf der eigenen Hompage als geniales Klarinettenquartett zu bezeichnen, reicht in der Realität leider nicht aus, es auch zu sein oder zu werden.

An diesem Abend mit dem Symphonieorchester Vorarlberg unter Gérard Korsten standen Joseph Haydn und Helmut Hödl auf dem Programm – ersterer mit den Symphonien f-moll Hob. I/49 La Passione und der späten B-Dur Hob. I/102, letzterer mit zwei leichtgewichtigen Stückchen, über die man wenig Worte zu verlieren braucht.

Ihren Haydn spielten die Vorarlberger mit mehr gekünstelter Freude als echter Präzision, insgesamt aber passabel. In Wien hat man jedoch besonders in diesem Haydn-Jahr schon besseres gehört, ergo hat die lange Anreise der Herrschaften sich nicht wirklich gelohnt.

Hödl versuchte sich an Benny Goodman, was noch naheliegend wäre – doch sind dem Komponisten die Möglichkeiten eines Symphonieorchesters ganz ersichtlich noch verborgen – und Gioachino Rossini, was schief ging. Leichte Kost, neben dem Haydn aber sogar Fast Food.

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Stürmische Bewunderung für Amenaide

Von harbran am 15. Oktober 2009

Dass das Theater an der Wien seinen 2. Platz im Ranking Opernhaus des Jahres der Zeitschrift Opernwelt verdient hat, kann man als regelmäßiger Besucher dieses und anderer intenationaler Häuser nur fortwährend bestätigen. Wiewohl: man kann nicht überall sein.

Mit dem Frühwerk Tancredi von Gioachino Rossini ist wieder ein eindrucksvoller Beweis gelungen. Der dankt sich vor allem dem Komponisten – nicht umsonst vermochten schon die ersten Opern des jungen Rossini in vielen Ländern eine Rossini Mania auszulösen -, der seinem Personal trotz schwacher Konstruktion des Librettos eine so wunderbare Musik an den Hals geschrieben hat, dass es ihnen offenbar leicht fällt, zu brillieren.

Und das taten sie: Aleksandra Kurzak als Amenaide ist sicher der Star des Abends, auch wenn sie die dankbarste und sanglich reichhaltigste Rolle hat. Ihre jugendliche Frische, der Durchlauf aller Register von Übermut, über Verzweiflung und Schmerz bis in den dankbaren Triumph der Liebe in Rossinis erstem Schluss – dem Happy End von 1813 – ist sowohl hörens- wie sehenswert. Sie war schon im Sommer als Dona Ana mitreissend und bezaubernd, doch aus der Partitur des Tancredi erwächst ihr ein verdienter Triumph, die sich am Ende in einer wahrhaft stürmischen Bewunderung des Premierenpublikums äusserte.
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Die Kepler-Kantate

Von harbran am 11. Oktober 2009

Eine Oper ist es eher nicht geworden. Das liegt keineswegs an Philip Glass – der hat für Linz09 im Prinzip das komponiert, was er immer komponiert. Dabei ist ein dichtes, grandioses Stück Musik herausgekommen. Aber eine Oper?

Der ORF nahm sich ein hohes Beispiel an der MET und übertrug LIVE in HD aus dem Landestheater in Linz. Es war denn auch direkt rührend, wie sehr man sich ans Vorbild hielt. Obwohl es im ersten Akt einen zeitweiligen Ausfall eines Mikrofons just beim Hauptdarsteller gegeben haben dürfte – denn es sah ganz genau so aus, als sänge er, doch war nichts zu hören.

Welcher Teufel auch immer die Verantwortlichen geritten hat, der Puppentheaterspielerin Martina Winkel den Auftrag zum Libretto zu übertragen – man weiss es nicht -, doch herausgekommen ist dabei nichts, was man zu einer Oper im weitesten Sinn machen hätte können: ihre Textschnipsel-Sammlung birgt durchaus Spannendes, die Auseinandersetzung mit den Werken des Astronomen Kepler und des Dichters Andreas Gryphius ist offenbar halbwegs profund, wenn es auch insgesamt nur bedingt intelligent ist. Allein: es ist keine Handlung da.

Kepler ist folglich eher eine Kantate, die man auf die Bühne gestellt hat. Und das Brucknerorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Dennis Russel Davies ist ein ausgewiesen kompetenter Klangkörper für das Werk von Philip Glass – man hat gemeinsam schon Symphonien des Amerikaners uraufgeführt und etliche Opern produziert.

Insoferne ist dieser Kepler eine gelungene Reise in den musikalischen Kosmos Glass’. Und dank der energetischen Chor-Passagen entlang der Gryphius’schen Lyrik – gegen Ende des ersten Aktes im Vanitas! Vanitatum Vanitas! oder im zweiten Akt in der Schilderung der Greuel des Dreißigjährigen Krieges – erweist sich auch die Einbeziehung des Zeitkolorits als überaus fruchtbar. Als Textkompilatorin hat die vermeintliche Librettistin durchaus was zutage befördert.

Allein: die Regie – Peter Missotten zeichnet auch für Bühne und Video verantwortlich – kämpft auf recht verlorenem Boden: da gibt es eigentlich nichts zu tun für einen Regisseur. Kepler rennt auf die Bühne, rennt von der Bühne – ja: er ist ein Rastloser. Der Chor tritt auf, der Chor tritt ab; manchmal legt er sich ein Wenig hin. Dann steht er wieder auf. Die sechs Mitsänger – ohne weitere definierte Rollen – steigen kleine Treppchen empor, steigen diese Treppchen wieder runter. Ach ja: das Ganze dreht sich beinah fortwährend. Die Linzer haben natürlich auch eine Drehbühne. No na.

In der Szene, in der Kepler den Weg seiner Entdeckungen beschreibt, wird der halbe Schnürboden herabgelassen, sodass der Forscher das Gewirr aus Kabeln, Mechanik, Scheinwerfern und dergleichen als Kulisse nutzen kann, um – ja: – Experimente mit Kreppband zu machen, während er sich in der Beschreibung der Planetenbahnen vom Kreis zur Ellipse bewegt. Ein auf dieser durch und durch technisierten Bühne störend kindlicher Einfall, der obendrein auch aller seiner Illustrationskraft verlustig geht, wenn die gequetschte Rolle des Kreppbands beim Oval ganz gleich ausschaut wie bei der Ellipse.

Immerhin: Martin Achrainer singt den Kepler klar und ausdrucksvoll. Einer tieferen Verkörperung von so etwas wie Rolle stehen jedoch entgegen: das Nicht-Libretto, die schematischen Gesangsanforderungen der Partitur, die fahrige Ideenkargheit der Regie. Der junge Mann kann da beileibe nichts dafür.

Die sechs Mitsänger waren: die Soprane Cassandra McConnell und Karen Robertson, Mezzo Elsa Giannoulidou, der Tenor Iurie Ciobanu, der Bariton Seho Chang und Bass Nikolai Galkin. Besonders Cassandra McConnell und Elsa Giannoulidou bestachen durch beinah so etwas wie Lyrik inmitten der mechanistischen Gesangskaskaden.

Hevorzuheben sind aber das Brucknerorchester und der Chor des Hauses – der in der Einstudierung von Georg Leopold wahrhafte Erschütterung zu vermitteln vermochte. Diesen Damen und Herren danken sich die besten Momenten des Abends.

Nimmt man es ob seines lausigen Librettos nicht als Oper sondern als Kantate, dann hat Kepler das Zeug zu einer Erhellung.

Und Linz ist dann doch gar nicht so schlimm, wie man meint. Der ORF aber beging den faux pas des Abends: eine scheussliche Werbesendung für die Stadt- und Landespolitik zum Thema Neues Musiktheater in der Landeshauptstadt. Und das in Überlänge. Aber das ist wohl der Preis dafür, wenn man verschenkte Karten nimmt – das Experiment war immerhin gratis: Danke also.

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Im Morast der Spitzfindigkeiten

Von harbran am 11. Oktober 2009

Da treten zwei, auf die wir beide getrost verzichten können, gegeneinander an – vielmehr der eine gegen den anderen, der von seinem Angriff ja noch nichts weiss: der Grazer Philosophieprofessor Peter Strasser brät dem neurowissenschaftlichen Sterndeuter Thomas Metzinger im Spectrum der guten alten Presse eins über.

Merke: ich habe hier gezielt nicht Philosoph und nicht Neurowissenschafter gesagt.

Metzinger hat ein banales, doch recht marktschreierisches Buch – Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik – im Windschatten der Erkenntnisse und Debatten der Neurowissenschaften geschrieben: gut, das kann und darf man kritisieren und auch, je nach Gusto, verdammen oder zerpflücken. Es ist nicht der Rede wert, es ist noch nicht einmal ein Debattenbeitrag – es bleibt hinter der Debatte zurück. Und damit könnte man es gut bewenden lassen.

Metzinger argumentiert nicht unähnlich dem Populisten, der ein tieferes Problem dadurch auszumerzen vorgibt, dass er eins seiner Symptome mit der Wurzel ausreisst. Weil viele Ergebnisse der Neurobiologie nahelegen, dass da nichts weiter sei als die physiologischen Vorgänge in einem biologischen Organ, dem Gehirn, beschliesst Metzinger, die Welt baue sich rund um eine rein virtuelle Ich-Perspektive herum auf; wir befänden uns in jenem Ego-Tunnel, dem wir nicht entrinnen könnten, dabei, uns eine Aussenwelt zurecht zu fabulieren.

Er stürzt sich damit Hals über Kopf ins eine Extrem: die Welt ist nicht. Strasser dagegen fabuliert – mit Descartes – von einem Selbst, oder Ich, welches sich selber erlebe. Womit dann schon bewiesen wäre, dass da auch was ist. Zum Gegenteil dessen, was Strasser Metzinger vorwirft: dieser nehme die Tatsache der Konstruiertheit unserer Wahrnehmungsinhalte zum Anlass, gleich alles abzuschaffen.
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Themen: Erkenntnistheorie, Neurobiologie, spoudogeloion |    Keine Rekationen »

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