Eine neue Tosca – nur in Übersee!
Von harbran am 10. Oktober 2009
Regisseur Luc Bondy hat sie treffend The opera of the operas genannt: und wahrlich, des Herrn Giacomo Puccini Tosca darf sich mit nur ganz wenigen um diesen Titel balgen!
Wenn ich aber daran denke, wie sie in der Staatsoper seit vielen hundert Vorstellungen verhunzt wird, dann kann sie einem auch leid tun: seit über 45 Jahren dieselbe Chose! Das bedeutet nun quasi seit Menschengedenken ein und die gleiche Inszenierung!
Wohl, auch jene der MET hatte 25 Jahre auf dem Buckel. Aber: Peter Gelb, der General Manager der MET, sagte es anläßlich der LIVE-HD-Übertragung: es war schon höchste Zeit, eben diese neue Tosca ins Repertoire zu heben. (Da könnte sich der alte Rumäne bei uns noch ein Scheibchen abschneiden – aber einerlei: bald sind wir ihn ohnehin los! Es kann ja nur besser werden.)
Nicht besser vorstellbar ist aber diese New Yorker Produktion mit Karita Mattila als romantisch-heldenhafte Titelheldin: genauso wie diese Rolle sangliche Brillianz erfordert, braucht sie, zumindest auf der Bühne und schon gar bei den Close-Ups im Kino, schauspielerische Meisterschaft. Über beides verfügt die Finnin in mehr als ausreichendem Maß. Während sie singt, erweckt sie wie nebenher die Liebende, die Rasende, die Verzweifelte und die zum Töten Entschlossene glaubhaft zum Leben.
Die realitätsnahe Präsentation ist wohl in erster Linie Luc Bondy zu danken, der von seinen Sänger-Darstellern verlangt, lebendige Menschen in extremen Situationen zu verkörpern.
Der Scarpia des Georgiers George Gagnizde ist denn auch eine Ausgeburt der Bosheit, Hinterlist und Verschlagenheit – wenn Puccini solche Verkörperung gekannt hätte, wären wohl die beiseite gesungenen bösen Absichten schon in der Komposition unterblieben: Gagnizde braucht nur zu schauen, er bräuchte nicht auch noch zu singen, was er vor hat.
Daneben musste der argentinische Tenor Marcelo Álvarez als Cavaradossi reichlich blass bleiben: steifes Spiel, im Wettbewerb mit den anderen beiden wenig Ausdruck.
Über das Dirigat von Joseph Colaneri kann ich wenig sagen: es war – im Schatten einer grandiosen Leistung der Darsteller – eher unauffällig; vielleicht eben dadurch optimal. Und leider hat Puccini seiner Tosca keine nennenswerten Orchesterpassagen spendiert, lieber alles in die geraffte Dramatik gesteckt. Das macht vielleicht die Größe dieser Oper aus.
Dagegen ist das Bühnenbild von Richard Peduzzi monumental und einfallslos. Die Kostüme sind handlungszeitgemäß, jedoch mit feiner Ironie – Scarpia gepanzert im ganz und gar nicht politisch korrektem Kroko-Look. Kostümbildnerin Milena Canonero hat ihn denn auch – vor laufender amerikanischer Kamera nicht eben alltäglich – einen Son of a Bitch genannt.
Tags: MET, Puccini
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Der Goldkurs ist gefallen
Von harbran am 9. Oktober 2009
Darin äußerst sich einge gewisse langfristige Ironie der Gechichte – oder will die Botschaft bloss besagen, dass wir uns kaum vom Fleck bewegen?
Der Presse von heute verdanken wir die Erkenntnis, dass heutzutage Gold genausoviel Brot kauft wie unter Nebukadnezar, dem alten Babylonier. Bei einem angenommenen Preis von 2,10 gehen sich ziemlich genau 348 Brotlaibe heute zu 350 damals aus.
Damit ergibt sich beileibe keine Wertung, lediglich eine sehr langfristige Stabilitätsansage. Gold kann also – gewissermassen auf Ewigkeit – dazu dienen, Werte zu erhalten. Man kriegt sich mit dem Tauschwert satt, Krise hin oder her.
Umgekehrt können wir davon ausgehen, dass Brot noch nie so billig war wie heute – für die meisten Menschen in entwickelten Ländern jedenfalls, wo sogar die Armen auf jeden fall noch ein Handy und vielleicht ein Auto haben. Der Teil des Einkommens, der vom Durchschnitt der Bevölkerung für Nahrung aufzuwenden ist, hat sich seit nabuka-dazumal zweifelsohne dramatisch verringert.
Also ist Gold doch eigentlich ins Bodenlose gefallen, oder?
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Tanz mal was
Von harbran am 7. Oktober 2009
Nun bin ja – bekennenderweise – gar kein Freund von Ballett: das ist eine Kunstform, die spurlos an mir vorüber geht. Gut: wenn man sich nicht grade bemüht, eine Opernproduktion durch Gehopse aufzulockern, hab ich gar nichts dagegen. Ich muss ja nicht hingehen. Die letzten Einsprengseln im Theater an der Wien – Death in Venice: rudelhafte Sportdarstellungen – und der Staatsoper – Maskenball: recht verzopfter Auf- und Abmarsch des Corps – bieten keine positive Erinnerung.
Eine seltsame Verquickung kurioser Umstände hat mich aber ins Odeon – ja: die alte Getreidebörse der Monarchie – zu einer Produktion des Serapions-Ensemble geführt: Follow Me 2: School of Night ist Tanztheater, wie es dann auch mir zusagt – eben jenseits albernen Hopsens.
Das Serapions-Ensemble von Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits ist schon seit Jahrzehnten ein Fixpunkt in der Theaterlandschaft Wiens – und bisweilen war ich auch schon dort, etwa zu Marin Marais‘ Alcione, oder früher mal bei Bernsteins Candide. Aber da war jeweils das Tanztheater integriert in die Oper. Man verstehe mich bitte richtig: keine pflichtschuldige Einschiebung, weil der Komponist da was hingschrieben hat für die Damen und Herren Hopser, sondern integraler Bestandteil der Inszenierung.
Als reines Tanzstück ist School of Night in der Choreografie von José Antonio Rey Garcia und Mario Mattiazzo aber gewissermassen Neuland für mich. Der (kurze) Abend hat enorme innere Dynamik, beginnt ausgeprägt langsam mit einem Umgang vereinzelter asiatisch verkleiderter Gestalten, entwickelt dann aber Fahrt und kulminiert in so etwas wie Holiday-on-Ice auf dieser neuen Art von Rollschuhen – man frage mich nicht.
Dazwischen ziehen üppige und eindrucksvolle Bilder vorbei, expressive und ausdrucksvolle Choreografien, ein kriegerischer Tanz mit Stöcken, und – für mich der Höhepunkt: ein chinesisches oder koreanisches (?) Lied, gesungen von In Choi. So darf Tanz schon sein!
Tags: Odeon
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Der postaugusteische Irrtum
Von harbran am 27. September 2009
Man darf, was die Samstags- und Sonntagszeitungen dieses Landes sich als kulturelle Beilagen umhängen, nur in des abschätzigen Sinnes Gebrauch mit dem Wort Feuilleton – so wie’s schon Karl Kraus gebrauchte – bezeichnen. Meist ist es der aktuellen Produktion der Nichtigkeiten gewidmet, der Schau in den Output nimmermüder Druckerpressen – denn es wird so viel verlegt, wie niemals zuvor. Dabei leistet sich noch Die Presse mit ihrem samstäglichen Spektrum das mit Abstand beste und relevanteste dieser Blätter im Blatt.
In der Ausgabe vom 26. September 2009 steht ein – für dieses Medium – recht langer Beitrag von Rudolf Burger, dem gewidmet, was man Freier Wille nennt. Und seine Diskussion, die keineswegs allzu vehement die Neurobiologie bemüht, sie quasi nur streift als den recht späten Ausweg aus einem Dilemma, das uns – viel früher, aber nicht am Anfang – einer eingebrockt hat, der damit jedoch ganz anderes im Schilde führte.
Augustinus habe, so Burger, entgegen der gesamten vorhergegangenen Antike, in seiner Streitschrift De libero arbitrio den freien Willen sozusagen ex nihilo improvisiert, um der Gnosis Paroli zu bieten; seither haben wir ein Problem, das es – ohne Augustinus – gar nicht zu geben brauchte… und das wir erst langsam, unter großen Mühen der konkreten Wissenschaften, seiner Erledigung zuzuführen uns anschicken.
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Tags: Burger, Schopenhauer
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Pendatchanska dolcissima!
Von harbran am 26. September 2009
Die bulgarische Sopranistin Alexandrina Pendatchanska ist nicht nur bildhübsch – da kann sie es locker mit der Netrebko aufnehmen – sondern auch stimmgewaltig. In der Agrippina von Georg Friedrich Händel stellt sie eine wunderbar intrigante Kaiserin auf die Bühne, wiewohl das Werk im Theater an der Wien nur konzertant gegeben wird.
Mit Händel ist es so ein Leiden: wunderbare Musik, vielfältige Ideen – wer Ohren hat zu hören, dem wird nicht entgehen, wie wenig Händel dem Klischee der starren Barockoper entspricht, ja diesem geradezu entflieht. Trotzdem bleibt der Eindruck eines aufgesetzten, wenn auch handwerklich perfekten, Virtuosentums, das jede freie Äusserung erschlägt. Es gibt in jeder seiner Opern den Punkt, an dem es sich bis zur Langeweile tot läuft. In jeder Oper schafft Händel es aber auch wieder, diesen Punkt zu überwinden und alles zu einem glänzenden Ende zu führen.
Das heisst vermutlich, dem Genius Händel unrecht tun, der in seiner Epoche nicht von ungefähr ein nicht bloß bejubelter Komponist, sondern auch ökonomisch auf eigenen Beinen stehender Musikunternehmer war. Man darf ruhig annehmen, dass sich dieser Erfolg den durchaus publikumstauglichen Qualitäten seiner Opern verdankt. Auch wenn wir das heute nicht mehr ganz verstehen. Zum ersten mangelt uns das Sitzfleisch – trotz Wagner.
Der Vorwurf, wir verstünden die Oper des Barock nicht, ist vermutlich berechtigt. Im Hinblick auf die Musizierpraxis hat das Bemühen um mehr Authentizität bewundernswerte Früchte getragen – Il Complesso Barocco, das von Alan Curtis begründete Ensemble für barocke und vor-romantische Musik, liefern den hörbaren Beweis. Auch wenn es manchen Kritikern nicht passt, so hat es einen guten Grund, warum sich jede Bemühung um barockes Musikgut derzeit Curtis als Messlatte gefallen lassen muss: der transparente, luzide Klang, die vom Symphonischen merklich abweichende Intonation, die belebende Dynamik und das nötigenfalls aus diesen wenigen Instrumenten abrufbare Volumen sind einzigartig.
So ist auch der Klang an diesem Abend – neben Alexandrina Pendatchanska und Umberto Chiummo (Claudio), die aus der Sängerriege herausragen – das eigentliche Highlight. Man hört gar nicht mehr, dass sich da im Grunde nur ein endloses Band von perlenden Rezitativen und hochgeschraubten Arien abspult.
Wohl: Händel stattet viele seiner Arien mit exquisiten musikalischen Einfällen aus; umgekehrt geizt er mit Zwischenspielen und hat den Chor ganz und gar gestrichen. Das macht aus einer Oper eine Kette virtuoser Gesangsdarbietungen; schon gar, wenn sie obendrein nicht szenisch stattfindet.
Ein musikalisch schöner Abend dankt sich aber auch – neben dem Orchester als eigentlichem Star – dem weiteren Sängerensemble:
- Tuva Semmingsem als Nerone
- Klara Ek als Poppea – ein Bisschen zu geschliffen
- Iestyn Davis als Ottone
- Raffaele Costantini als Pallante
- Antonio Giovannini als Narciso
- Metteo Ferrara als Lesbo
Tags: Barockoper, Händel, konzertant, Theater/Wien
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Der erste Rückgriff auf Kant
Von harbran am 18. September 2009
Friedrich Albert Lange (1828-1875), Gymnasiallehrer, sozialistischer Aktivist, zu Ende seines Lebens endlich auch Univertätsprofessor in Zürich und Marburg, war einer der ersten, die sich – neben Schopenhauer, und im Gegensatz zu ihm auf Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Laufe des 19. Jahrhunderts – darüber klar wurden, dass der über Fichte und Schelling bis zu Hegel auf die Spitze getriebene Idealismus an seinem Bankrott angelangt war. Stattdessen sei besser zu Kant zurück zu kehren und dessen nur halb erledigtes Werk zu komplettieren: die Abschaffung der Metaphysik.
Seine Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart versucht, das eine Extrem der Zeit, den im Rahmen des naturwissenschaftlichen Fortschritts auch in Deutschland neu aufwallenden blanken Materialismus, sowohl in historischer Perspektive als auch in seiner Bedeutung in der Gegenwart des Autors darzustellen.
Nun ist Lange nicht wirklich Materialist. Seine Darstellung ist dennoch fair, er sucht – und findet – in den Ansichten der Materialisten und angrenzender Positionen seit der Antike die ernsthaften Argumente; und er präsentiert sie durchwegs mit Sympathie. Offenbar ist ihm das andere Ende der Extreme – der Idealismus, die ausufernde Metaphysik – der eigentliche Greuel.
Enthalten ist im ersten Band – von der Antike bis vor Kant – ein tiefgreifendes Portrait der englischen (vor allem Hobbes) und der französischen Materialisten (v.a. D’Holbach und De la Mettrie). Im zweiten Band widmet sich Lange eingehend der tranzendentalen Philosophie von Kant, um dann die aktuelle Entwicklung der konkreten Wissenschaften seines Jahrhunderts zu analysieren.
Stellenweise, und das gerade, wo er in seiner aktuellen Zeit schreibt, bringt Lange durchaus untrockene, humorige, sogar bissige Sätze zu stande – wie etwa, wenn er gegenüber Kants grundlegendem Irrtum, der strikten Trennung der Handhabung der Denkgesetze von den Begriffen als Hort der Spekulation, einwendet:
Auch liegt der Fehler der Anhänger des common sense keineswegs im einseitigen Ausgehen von der Erfahrung. Man käme der Sache näher, wenn man den deutschen Ausdruck “gesunden Menschenverstand” etwa nach Analogie von “baumwollener Strumpffabrikant” und ähnlichen schönen Wortbildungen auffassen könnte. Es ist nämlich in der Tat, wenn auch nicht etymologisch, der mittelmäßige Verstand eines gesunden Menschen, d.h. eines Menschen, der ausser seiner rohen Logik auch noch gesunde Sinne anwendet, welcher bei seinen Urteilen ausser dem Verstand auch das Gefühl, die Anschauung, Erfahrung, Kenntnis der Verhältnisse in ungeregelter Weise mitsprechen läßt, wo dann in Fragen des täglichen Lebens innerhalb der Schranken der landesüblichen Vorurteile erin gute und in keinem Falle exzentrisches Durchschnittsurteil herauskommt.
Nichts desto trotz ist Lange überzeugt, dass nur mit einem Rückgriff auf die originale Tranzendentalphilosophie – unter Kenntnis der problematischen Voraussetzungen und Fehleinschätzungen des Königsberger Philosophen – der Philosophie in Deutschland, die mit Hegel sich endgültig und vollkommen in Spinnerei verrannt hat, zu helfen wäre.
Dieses Projekt des Rückgriffs auf Kant ist bis heute nicht zu seinem Abschluss gelangt; die fundamentale Erkenntnis der Apriorität von Erfahrungsbedingungen, mithin der Mitbestimmung des Denkens an der Erscheinungswirklichkeit, welches jedoch nicht bis in die Realität hinaus zu reichen vermag, ist uns auch heute noch genauso gegeben. Nicht zielführend war Kants Programm, eine Lösung in der Gestalt apriorischer synthetischer Urteile zu finden. Aktuell hingegen ist nach wie vor die präszise Fragestellung, vor die Kant uns stellte und stellt.
Tags: Kant, Materialismus
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Von einem, der allein gegen die Wand singt
Von harbran am 17. September 2009
Zum Auftakt der Saison bringt das Theater an der Wien gewissermassen eine riesige Menge an Talent in Anschlag auf eine Petitesse. Nicht dass des Herrn Nobelpreisträger Thomas Mann Novelle “Tod in Venedig” das Problem wäre: sie ist eine böse kleine Satire, und eine wahre noch dazu, wenn man bedenkt, dass hier der vierzigjährige Großschriftsteller den späteren Klassiker vorweg porträtiert hat. Er mag’s im Geheimen befürchtet haben – oder wahrscheinlicher gehofft haben, mit der Niederschrift das drohende Problem seiner alten Tage zwischen Buchdeckel bannen zu können. Es ist ihm, das wissen wir, bei weitem nicht gelungen.
Umgekehrt liegt’s auch nicht an der Musik des bereits schwer kranken Benjamin Britten: er ringt mit dem Stoff, das ist über gewisse Strecken speziell im ersten Akt durchaus zu hören. Der Wurm steckt im Versuch, aus Mann’s Novelle eine Oper zu machen. Aber dahinter kommt man erst, wenn man so ziemlich durch ist. Und das ist echt mühsam.
Es gibt zwei Hauptdarsteller, von denen einer eine stumme Figur ist. Das kann auf dem Theater – wenn nicht grad Pantomime ist – nicht gut tun, und tut es natürlich auch in der Oper nicht. Gut, man kann den Part – wie in der Regie von Ramin Grey – gleich einem Tänzer anvertrauen. Das ändert aber nichts daran, dass die eine Figur in einer Tour unerwidert gegen die Wand singt. Nochmal gut: das steht so in der Novelle.
Im Text nicht und auch nicht in der Oper: keine Frauen. Es dürfen welche rumlaufen, ja, aber zu singen haben sie so gut wie gar nichts. Das hat Britten schon in Billy Budd so gehalten, warum auch immer. Es macht die Voraussetzungen des Unternehmens Death in Venice kein Bißchen besser.
In der Hauptrolle leistet Kurt Streit Großartiges – dafür, dass Britten ihm das alles allein aufgehalst und ihm dazu noch eine meistenteils besonders monotone Partie geschrieben hat, kann er ja nichts. Sonst gibt’s nur singende Statisterie – sie haben alle nichts beizutragen. Wiederum liegt das natürlich zum einen an der Geschichte, die ausser Statisten keine weitere Bevölkerung braucht, zum andern an Libretto und Komposition, die nichts vorgesehen haben.
Bemerkenswert einzig noch Bariton Russell Braun, der alle anderen halbwegs wichtigen Rollen zusammen spielt und singt. Es hätte sich wohl sonst nicht gelohnt, ihn zu engagieren.
Thomas schrieb, je älter er wurde, immer längere Texte mit immer weniger Menschen drin. Er mühte sich ab an der künstlerischen Sublimierung seiner peinlich strikt vor sich selber uneingestandenen Neigung zur Homosexualität. Die ganze ‘Tod in Venedig’-Geschichte ist ein Paradebeispiel dafür. Das mag in den Worten von Ehefrau Katja – Frau Thomas Mann – harmlos klingen: der Dichter guckt halt auf Leute, an denen ihn was interessiert, was seine Figuren brauchen können. 1911 in Venedig aber sind ihm offenbar die homophilen Sicherungen heiß geworden, er hat das alles geflissentlich in den fast einjährigen Prozess des Novellenschreibens verschoben. Das gibt natürlich in der Regel auch keine tragfähige Grundlage her.
Die aus Hamburg übernommene Inszenierung ist so schül wie der Hintergrund der Geschichte, stellenweise sogar gräßlich seicht. Da retten ein paar vordergründige Metaphern wenig: etwa, wenn mittels Gebläse eine Stoffbahn wie ein etwas zu weicher, alter Phallus hochgeblasen wird und dann zusammensinkt, wenn der Protagonist wieder mal vom Jubel in die Tristezza stürzt.
Hier wird mit enormem Aufwand an Talent eine künstlerische quantité negligeable ans Licht der Welt gebracht. Da kann kaum wer was dafür, als dazumal derjenige, der sich in den Kopf gesetzt hatte, aus dieser Baustelle eine Oper zu machen, sowie diejenigen, die das heute noch auf die Bühne stellen.
Auf der Rückfahrt war dann die U-Bahn gesteckt voll mit Rapid-Anhängern. Die hatten einem ebenso sensationellen wie überraschenden Sieg ihrer Mannschaft beigewohnt und waren wohl schon einigermassen leergefeiert. Es ging recht gesittet zu, wenn auch im Dunst von Bier. So aber bleibe an mir, was sonst denen bleibt: mich der paar guten Momente zu freuen. Wenn es nicht um Fußball ginge, hätt’ ich womöglich gern getauscht. Sagen wir, es war nichts.
Tags: Britten, Theater/Wien
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Erschwingliches Schatzkästlein
Von harbran am 13. September 2009
Opern von Joseph Haydn sind – wiewohl er eine respektable Anzahl davon geschrieben hat – eine rare Spezies: auf den Bühnen sowieso, aber auch in der Riege qualitätvoller Einspielungen. Sieht man einmal von Nikolaus Harnoncourt ab, der mit dem Concentus Musicus sowie Partricia Petibon und Michael Schade Haydns Orlando paladino – zu sehen auch schon im Theater an der Wien – eingespielt hat, wird man schnell auf Antal Dorati und seinen Zyklus stossen:
Zum Glück beschert uns das Haydn-Gedenkjahr eine erheblich vergünstigte Neuausgabe: in der Box Haydn – The Operas werden die ehemals zwei Boxen mit insgesamt 8 Werken auf 20 CDs in eine zusammengefasst – und von Decca duchaus erschwinglich gepreist.
- Enthalten sind:
- Armida mit Jessye Norman und Samuel Ramsey
- La Fedeltà Premiata mit Frederica von STadt, Ileana Cotrubas und Luigi Alva
- Orlando Paladino – die gesamtlich sicher beste Aufnahme bisher – mit Ardeen Auger, Elly Ameling, Gwendolyn Killebrew und Domenico Trimarchi
- La Vera Costanza mit Jessye Norman, Helen Donth, Wladimiro Ganzarolli und Domenico Trimarchi
- L’Incontro Improviso mit Margareth Marshall, Della Jones und Domenico Trimarchi
- L’Infedeltà Delusa mit Edith Mathis und Barbara Hendricks
- L’Isola Disabitata mit Linda Zoghby, Luigi Alva und Renato Bruson
- Il Mondo della Luna mit Arleen Auger, Edith Mathis, Frederica von Stade, Luigi Alva und Domenico Trimarchi
Schmerzlich zu vermissen hingegen: L’Anima del Filosofo – Orfeo ed Euridice, ein Werk, das nicht hinter Glucks bahnbrechender Umsetzung des gleichen Stoffes zurück zu stehen brauchte.
Auf allen Einspielungen ist das Orchestre de Chambre de Lausanne zu hören, dirigiert von Antal Dorati.
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Tags: Haydn, Händel
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Sinnvolle Sätze über das Bewusstsein
Von harbran am 12. September 2009
In der gegenwärtigen philosophischen Debatte um die Implikationen der Neurobiologie gewinnt man recht rasch den Eindruck, dass da von den beteiligten – der Einfachheit halber auf zwei reduzierten – Seiten das Terrain jeweils unterschiedlich definiert wird – sodass man keinen Ort hat, an dem man zusammentreffen könnte, um ein Gespräch zu führen.
Einserseits gelingt es den Neurowissenschaften inzwischen eleganter, grundlegende Fragestellungen der Moralphilosophie und der Erkenntnistheorie zu behandeln – wenn vielleicht auch noch nicht endgültig zu beantworten -, andererseits wird nahezu verzweifelt die Position verteidigt, die Hirnforschung könne zur Lösung philosophischer Probleme nichts beitragen (besonders tut sich hier Matthias Vogel hervor).
Im Wesentlichen geht es darum, Begriffe der Alltagspsychologie und Erkenntnisse der Neurowissenschaften gegeneinander antreten zu lassen. Das Beharren auf die Relevanz der Alltagspsychologie scheint dabei das zentrale Dilemma zu sein. Denn nur weil wir gewohnt sind, alltäglich von Bewusstsein und dergleichen zu reden, postulieren Vertreter der Philosophie des Geistes ein Erklärungsdefizit der Neurowissenschaften: selbst alles Wissen um die gehirnphysiologischen Abläufe würde es nicht ermöglichen, das Phänomen Bewusstsein zu begreifen oder zu erklären.
Diese Art. Philosophie zu treiben, geht davon aus, dass es genügt, ein Problem zu formulieren, damit es auch besteht. Doch die Kardinalfrage ist: was wird hier formuliert?
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Tags: Carnap
Themen: Erkenntnistheorie, Neurobiologie, Wiener Kreis, spoudogeloion | Keine Rekationen »
Der fröhliche Urstand im Schlossgraben
Von harbran am 9. August 2009
Nicht alles, was in der Provinz von statten geht, ist allein aus geografischen Gründen schon provinziell. Das Musikfestival Steyr jedoch tut sein möglichstes, derlei Vorurteile als wohl-erworbene zu bekräftigen.
Was 2005 bei der Mozart’schen Zauberflöte noch im Lieblich-Verspielten des Werkes untergehen mochte, erweist sich bei der diesjährigen Carmen jedoch als fatal: hier werkt ein operetten-seliges Lead-Team mit einem nicht minder vorbelasteten Ensemble – und bringt einen Bizet auf die Bühne, der in erster Linie weh tut.
Man geht schmissig zu Werk, als käme es allein darauf an, die Gassenhauer unters Volk zu schmettern. Natürlich hat Bizet selber diese unzweifelhaft auch breitenwirksamen Erfolge komponiert. Und natürlich freuen sich die gemeine Frau und der gemeine Mann im Steyrer Schlossgraben aufrichtig, dass ihnen das alles bekannt vorkommt. Aber allein, dass man heutzutage noch “Auf in den Kampf, Torrero” von einer Bühne herab schmettern kann, erinnert mehr ans Wunschkonzert im Regionalradio denn an eine Opernaufführung.
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Tags: Bizet, Oper auswärts
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