Voglio più!
Von harbran am 5. August 2009
Will man nicht hinaus aufs Land zu mitunter recht zweifelhaften Produktionen reisen, hat man’s im Wiener Sommer eher schwer mit der Oper. Die alte Dame, die Staatsoper, schlummert einer neuen, womöglich noch staubigeren Saison entgegen. Zum Glück aber läßt das Theater an der Wien es sich nicht nehmen, auch sommers trotz höchster Temparaturen einen Don Giovanni aufzuführen.
Im Regiekonzept von Keith Warner leitet der Titelheld das mondäne Hotel Universaire, als Concierge fungiert sein Diener Leporello. Dieses Setup erlaubt ein präzises, heutiges Psychogramm der Personen zwischen der Lebens- und Liebessehnsucht, die vor allem die Frauen immer wieder wie die Motten ins grelle Licht des Verführers treibt, aber auch des Don Juan selber, der wie uner Zwang Schönheiten, gefährliche Situationen und Grenzüberschreitungen sucht – dass dabei aber nicht immer gleich auch etwas Sinnvolles herauskommen muss, zeigte vor Jahren Konwitschny in der Komischen Oper.
Ein Ensemble großartiger junger Solisten, voran Erwin Schrott als Don Giovanni und Hanno Müller-Brachmann als sein philosophisches Faktotum Leporello, hebt Mozarts wirkmächtige Musik in luzide Sphären und Da Pontes verschmitzt-satirische Geschichte in den Bereich intelligenter Komödie. Kongenial agieren auch die Damen: Aleksandra Kurzak als Donna Anna und Nina Bernsteiner als lyrische wie erotische Zerlina – allen voran aber die wunderbare Véronique Gens als Donna Elvira – gesanglich boten sie alle drei fein ziselierte Portraits.
Witzig und gut disponiert Markus Butter als Masetto, sanglich etwas blass und als Person recht hölzern hingegen der Don Ottavio von Bernhard Richter.
Das RSO Wien unter dem kurzfristig eingesprungenen Riccardo Frizza musizierte auf gewohnt hohem Niveau, mit häufig aufblitzender Spielfreude und hörbar guter Abstimmung.
Tags: Mozart, Theater/Wien
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Vorwissenschaftliche Naturerkenntnis
Von harbran am 17. Juli 2009
Die sogenannte wissenschaftliche Weltsicht verdanken wir einigen Griechen. So viel ist common sense. In der Regel denken wir aber nicht groß darüber nach, welche Alternativen es dazu gibt oder gäbe oder vielleicht gegeben haben könnte.
Paul Feyerabend – der Vater des Anything Goes in der Wissenschaftstheorie – hat sich in seinen mittleren Jahren durchaus mit dieser Frage beschäftigt: in seinem Ansatz wird eine vor-wissenschaftliche Weltsicht sichtbar gemacht, die durchaus nicht unbedingt hätte zu der philosophischen Wende im Ionien des 6. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung führen müssen.
Mit seiner Naturphilosophie bezweckte der Querdenker nichts Geringeres, als neben dem wissenschaftlichen Erkennen die Tatsache anderer, deswegen aber nicht minderwertiger Erkenntnisweisen zu setzen.
Um das zu illustrieren, greift Feyerabend weit zurück bis in die Jungsteinzeit, um Weltsicht, Technik und künstlerische Äußerung vorgeblich primitiver Kulturen zu einem vollwertigen Erkenntnis- und Weltbeschreibungssystem zu fassen. Ziel ist es, zu manifestieren, dass andere als die begriffliche Erfassung durchaus auch zu operablen Ergebnissen führen konnte.
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Tags: Feyerabend
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Neues aus Raum und Zeit
Von harbran am 11. Juli 2009
Der Superstring-Theoretiker Brian Greene hat sich der schwierigen Aufgabe gestellt, Laien den Stand der Dinge in der Physik zu erklären. Dabei wählt er einen recht interessanten Leitfaden, der nur auf den ersten Blick deckungsgleich mit der Entwicklungsgeschichte der Disziplin ist: ihm geht es um die Genese von Raum und Zeit – nicht nur um unser sich allmählich wandelndes Verständnis von Raum und Zeit, sondern um deren Bedeutung für den Aufbau der Welt.
In Der Stoff, aus dem der Kosmos ist: Raum, Zeit und die Beschaffenheit der Wirklichkeit bringt Greene es zuwege, den Leser bei Newton und den für seine Zeit umwerfenden Neuerungen seiner Theorie abzuholen, was gerade noch zumutbar sein sollte, um eine wahre, wenn auch nirgends von Formeln oder Fachsprache verstellte tour de force zu absolvieren bis hin zu den Implikationen multidimensionaler Modelle und den Superstrings.
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Tags: Kosmos, Mach, Physik
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What Is It Like to Be a Philosopher?
Von harbran am 7. Juli 2009
Einer, der die Thematik rund um die aktuellen Erkenntnisse der Neurobiologie in ihrem Spannungsfeld an der Grenze zur Philosophie grundlegend beleuchtet, ist Michael Pauen: seine Grundprobleme der Philosophie des Geistes: Eine Einführung bieten genau das, eine grundlegende, den Bereich weitum ausleuchtende einführende Darstellung.
Dabei geht Pauen weniger auf die Neurobiologie selbst ein, aber das scheint bei Philosophen schon die eher traditionelle Haltung den Wissenschaften gegenüber zu sein – man weiss schließlich, dass man alles weiss. Die Kollegen aus der (vermeintlich) denkenden Zunft halten es genauso: die Liste der Einwände gegen jeden Primat der Biologie sprechen die deutliche Sprache manifester fachlicher Entfernung.
Ein absoluter Favorit ist dabei das von Thomas Nagel 1974 präsentierte Gedankenexperiment What Is It Like to Be a Bat? – mit dem bewiesen werden soll, dass ein fundamentaler Unterschied zwischen der naturwissenschaftlichen (Er-)Kenntnis über einen bewusstseinsfähigen Organismus und den Erfahrungen, der Selbstwahrnehmung usw., die dieser Organismus selbst macht, bestehen bleibt.
Bestechend daran – wie auch an den meisten Gedankenexperimenten – ist die recht brutale Konstruktion des Arguments: wäre ein Bewusstsei denkbar, das anders als das unsere funktioniert oder zumindest funtionieren könnte, dann wäre die Kenntnis der biologischen Grundlagen kein hinreichendes Modell, um es zu erklären. Nun ja: das Bewusstsein einer anderen Spezies mag anders funktionieren oder auch nicht, wir wissen es nicht. Die biochemisch-physikalischen Grundlagen lassen sich im Vergleich mit der Fledermaus jedoch recht ähnlich den unseren darstellen, die Biologie scheint sich dabei recht wenig um irgendwelche Gedankenexperimente zu kümmern.
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Tags: Dualismus, Roth
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Am Ende bloße Poesie
Von harbran am 6. Juli 2009
Man soll ja nicht gleich das Ende der Philosophie ausrufen. Solches hat sie schon des öfteren überlebt. Allerdings ist es mehr ein Vegetieren, denn zu Fortschritten, wenn man das nicht teleologisch sondern durchaus im Sinne des Schreitens in irgendeine Richtung verstehen will, hat sie es auch nicht gebracht.
Im Grunde sind wir nicht weiter, als die antiken Philosophen es waren. Erkenntnis und Erkenntniszugewinn geschieht vor allem ausserhalb der Philosophie in den sogenannten konkreten Wissenschaften, den Naturwissenschaften. Sie sind aus dem Nachdenken der Philosophen über die Welt erst entstanden, aber sie sind gelehrige Schüler und haben in ihren je eigenen Disziplinen das philosophische Denken längst überholt. Der Philosoph weiss in der Regel nciht mal mehr, wovon die Rede ist. Und allmählich nimmt eine neue Wissenschaft der Philosophie wiederum eine Kernfrage aus der Hand.
Die Neurobiologie schickt sich an, das Thema Dualismus grundlegend zu beantworten – und zu erledigen. Die meisten, nicht an den Details interessierten Philosophen scheinen das aber noch nicht wahrzunehmen. Es wird keine Diskussionen um Rationalismus und Empirismus mehr geben.
Gerhard Roth bietet in Fühlen, Denken, Handeln eine fundierte Zusammenfassung nicht nur des (nahezu) aktuellen neurobiologischen Kenntnisstandes sondern auch eine eingehende Diskussion der Implikationen, wie sie in die Domäne der Philosophie hinein reichen. Allerdings geht Roth an die Philosophie gewissermaßen mit Glacéhandschuhen heran.
Wenn Denken geschieht, dann denkt das Gehirn. Dieses ist ein biologisches Organ, in dem physikalisch-chemische Prozesse ablaufen. Seine Fenster nach draussen sind die Sinne. Allerdings ist klar – seit Kant eigentlich auch den Philosophen -, dass es keinen direkten Übergang von der Welt draussen – Kants Ding an sich – nach drinnen gibt; hier werden physikalische Gegebenheiten in Signale umgewandelt und ausschließlich diese verarbeitet.
Nun bedeutet das vielerlei: wir haben nur mittelbaren Zugang zur Welt, ja sogar zu uns selber, da wir auch unsere Introspektion nur indirekt über unseren Wahrnehmungsapparat vornehmen. Wir können einen Gedanken nicht zugleich denken und analysieren – wir können uns also quasi beim Denken nicht zuschauen. Das ist eine Gegebenheit.
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Tags: James, Kant, Materialismus, Pragmatismus, Roth
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Lang lebe Zerbinetta!
Von harbran am 22. Juni 2009
Es mag schon sein, dass Hofmannsthal seine Feder gut gespitzt in die Schlacht führte: des reichen Mannes Umgang mit der Kunst war Ziel seines Spotts. Der leistet sich eine ernste Oper und eine Buffo-Truppe als Ausgleich zu seinem Fest. Doch kurzfristig packt ihn die Allmacht, und er verordnet Gleichzeitgkeit. Man spiele die ernste Oper und die Buffa zugleich!
Was wie das Setting für eine Burleske klingt, ist dann doch nichts von Bedeutung. Libretto und Oper lassen jede, aber auch wirklich jede Chance zu einer quirligen Verquickung ungenützt passieren.
Im Falle der Ariadne auf Naxos von Richard Strauss ist das zwar in Hinsicht auf das Lustspiel bedauerlich, als Werk der Opernliteratur haben die beiden einmal mehr Bleibendes geschaffen. Vielleicht auch tun einfach die Spitzen in einer heutigen Welt, die an Gröberes und gar Grobschlächtiges gewohnt ist, nicht mehr ganz so weh. Oder es ist auch Strauss – und mit ihm Hofmannsthal – den Weg des Klassikers gegangen und hat auf diesem Weg viel von dem, was einst lebendig war, eingebüsst. Dem Dorfrichter Adam aus Kleists Zerbrochenem Krug kann man ja auch nur mehr schwerlich etwas abgewinnen – dem segensreichen Wirken einiger Generationen von Deutschlehrern zum Dank.
Doch nein, überholt mag allenfalls der Witz sein, jedoch ist der nur einer der geringeren Bestandteile der Oper. Deren bedeutendster ist die Zerbinetta, einfach hinreissend und jugendfrisch gegeben von Daniela Fally. Sie scherzt mit Koloratur und koloriert kokett, umspielt die Männer und ihren Konterpart, die etwas mopsige Ariadne – fast wagneresk gesungen von Meagan Miller -, glatt an die Wand.
Wollten Autor und Komponist den Kontrast zwischen hoher, aber fader Kunst und leichter Muse mit einem Schuss Amoureske darstellen, so ist ihnen das in nahezu perfekter Weise gelungen, wenngleich man sich die Parodie etwas weniger drastisch wünschen würde. Offenbach gegen Wagner ist kein Duell. Da muss man keinen vor dem andern in Schutz nehmen, ein Aufeinanderprallen beider ist eigentlich unmöglich; dass es bei Strauss dann doch stattfinden muss, bedauerlich.
Im kurzen Vorspiel dominiert Cornelia Horak als Komponist. Das Unfertige, Knappe dieser Szene bringt sie eigentlich um einen sagenhaften Erfolg. Man bekommt nicht genug von ihr, im Sinne dieser Kürze. Und hätte doch gern mehr.
Die Herren von der Comedy-Truppe – Klemens Sander, Christian Drescher, Stefan Cerny und Juan Carlos Falcón – spielen immer ein Stück hinter ihren Rollen her, die drei Grazien – Julia Koci, Alexandra Kloose und Mara Mastalir – erfüllen die ihre perfekt: sie töten Nerv. Und in ihrem Töne, töne süße Stimme steigen sie endgültig ins Banale hinab. Doch dafür können sie wenig, das haben Hofmannsthal und Strauss so notiert.
Das Orchester unter Gerrit Prießnitz müht sich redlich, über weite Strecken ist auch gar nicht zu bemerken, dass sie es mit einer schwierigen Partitur zu tun haben. Dazwischen immer mal wieder aber leider doch: in der letzten Szene der Ariadne verlieren sie beim Ausdruck ein Wenig den Faden.
Ansonsten ist das alles eher brav und bieder. Man fragt sich natürlich, musste man das extra aus Celovec übernehmen? In die Volksoper passt es, kann man sagen. Es werden wie gewöhnlich viele Leut’ von da nach dort geschickt, meistens ist Bewegung, bewegt sich irgendwer im Vorder- oder Hintergrund, man weiss zwar nicht warum, aber so sind wenigstens die Zuschauer mit Zuschauen beschäftigt. Der mediale Wirbel über die Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger ist kaum nachzuvollziehen. Bühnenbild und Kostüme sind – nun ja – passend für ein Landestheater. Immerhin, es staubt nicht wie in der Staatsoper.
Tags: Strauss, Volksoper
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Schwierigkeiten mit der Freiheit
Von harbran am 21. Juni 2009
Die akademische Philosophie scheinen seit einigen Jahren gröbere Existenzängste zu plagen: und das ist gut nachvollziehbar, greift doch die Neurobiologie – als Wissenschaft der Erforschung von Gehirn und Sinneswahrnehmung – in eine Kerndomäne der spekulativen Philosophie ein: wenn sich wissenschaftlich klären ließe, wie Wahrnehmung funktioniert, wie Entscheidungen im Gehirn funktionieren, dann könnte man einen weiteren Bereich aus der Philosophie entlassen – geradeso wie es mit der Physik zu Newtons Zeiten geschah.
Die Crux ist: eine Wissenschaft hat nur dann Anspruch auf diese Bezeichnung, wenn ihre Ergebnisse sich in einem kausal bestimmbaren Raum bewegen, denn sonst wäre sie nicht Wissenschaft im Sinne des Wortes. Das aber bedingt im Fall des Gehirns: sind die Prozesse im Gehirn kausal bedingt, fällt die Freiheit – zumindest in ihrer absoluten Gestalt als sogenannter Freier Wille – weg. Das schockt vor allem jene, die im Kern ihrer Überlegungen von einem überstofflichen Reich der Zwecke ausgehen.
Als Wissenschaft ist die Neurobiologie inzwischen wohl unbesehen als etabliert anzusehen. Daran können auch die verschiedenen Anwürfe beamteter Philosophen nicht mehr rütteln. Mit ihren Ergebnissen ist heutzutage ebenso zu denken, wie zu Zeiten Kopernikus’, Galileis oder Newtons mit deren Erkenntnissen über unser Unviersum. Leugnen ist zwecklos.
In Das Gehirn und seine Freiheit: Beiträge zur neurowissenschaftlichen Grundlegung der Philosophie handeln die Herausgeber Gerhard Roth und Klaus-Jürgen Grün von der Krise, in der die analytische Philosophie – oder die Philosophie des Gesites – heute steckt, wenn man das aus den kräftigen Schlägen schliessen will, die sie in Richtung auf die Neurobiologie und generell die Neurowissenschaften verteilt.
Im Kern dreht es sich um die Frage der Existenz eines Reichs des Geistes, das unabhängig von den physiologischen Vorgängen im Gehirn existieren soll. An sich ein Konstrukt, mit dem die Philsoophie schon recht lange operiert, ohne es allerdings bisher jemals dingfest gemacht zu haben. Einen extremen Vertreter dieser Richtung hatte ich vor kurzem das zweifelhafte und mühsame Vergnügen, zu lesen: Alain Badiou.
Es ist vermutlich so, wie es schon bei Platon war: zwischen den Dingen, die in unserer Wahrnehmung auftauchen, und den Dingen selbst, besteht ein garstiger Graben. Konnte schon Platon ihn nicht überspringen, so erst recht niemand nach ihm; der Königsberger Reisemuffel Immanuel Kant schuf immerhin die nötige Klarheit: wir können gar nichts anderes tun, als die Erscheinungen untersuchen. Bis zu den Dingen an sich reicht unser Griff nicht. Um diese Problematik kreist die Philosophie bereits seit dreitausend Jahren, wenngleich sich auch bisweilen die Argumentation wie bei Kant schon recht nahe an eine zwingende Aufgabe der Spekulation annähern konnte.
Manchen erscheint der Gedanke unheimlich, dass die biologisch-chemischen Vorgänge in unserem Gehirn schon alles gewesen sein sollen… da muss es doch noch etwas geben! hört man sie vernehmlich rufen. Denn in diesem Fall steht viel auf dem Spiel: wäre, was sich im Gehirn und unserem Nervenapparat insgesamt abspielt, zugleich auch das Denken, dann fielen körperliche Ursachen und geistige Gründe in eins. Das Denken wäre dann nicht mehr frei, sondern in Vorgängen des Körperlichen determiniert.
Aber dieses Problem ist keineswegs neu in der Philosophie. Arthur Schopenhauer hatte schon festgestellt:
Ich kann tun, was ich will. Aber kann ich wollen, was ich will?
Die versammelten Aufsätze von Roth, Grün und anderen beleuchten in erster Linie die massive Diskussion zwischen Amtsphilosophie und neurowissenschaftlich inspirierten Positionen. Dabei dürfte die Klarheit recht eindeutig im Lager der Neurowissenschafter stehen; die Wahrheit – im Sinne menschlichen Wissenschaftsgebrauchs – wohl ebenso.
Tags: Ethik, Neurobiologie, Schopenhauer
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Glossolalien des Geistes
Von harbran am 19. Juni 2009
Manche Philosophen brauchen neue Sprachen, um ihre Gedanken auszudrücken. Das legt den Schluss nahe, dass sie nicht in der herkömmlichen Sprache denken können.
Oder wäre etwa einfach die Sprache nicht ausreichend für die Komplexität der Philosophie? Nicht präzise genug, ein Alltagsding, das für die hohen Anforderungen des philosophischen Diskurses nicht hinreichend genau wäre? Diesen Eindruck kriegt man, wenn man beobachtet, wie etwa Heidegger Neuschöpfung auf Neuschöpfung tümt, um sich auszudrücken.
Ein besonderes Beispiel für diese Form der Sprachkrankheit gibt der französische Philosoph Alain Badiou in Das Sein und das Ereignis. Und das gilt nicht einmal nur für die deutsche Übersetzung – gerade die aus Gründen der Präzision eingefügten Original-Termini aus dem französischen Original verdeutlichen, dass Badiou auch in seiner Muttersprache das Auslangen nicht mit existierenden Worten findet.
Im Grunde aber wird mit diesen Wortneuschöpfungen nichts gesagt. Man kann aber herauslesen, dass Badiou der Meinung ist, das Eine existiere gar nicht, nur die Vielheit – um damit ein seit der Antike bestehendes Dilemma der Ontologie zu beseitigen. Damit untermauert Badiou seine zentrale These, der Diskurs der Ontologie sei im Wesen mathematisch – also nicht das Sein selbst, sondern der ontologische Diskurs. Und er bezieht sich dabei auf erstaunliche Quellen:
Von Platon zieht er den Parmenides heran,. seinen in seiner Bedeutung dunkelsten Dialog. Von Aristoteles die Physik. Von Spinoza die Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Pascal. Leibnitz. Heidegger. Lacan.
Dummerweise bleibt trotz manch erstaunlichen Gedankens auf über 500 Seiten ziemlich unklar, worauf der Philosoph dabei hinaus will. Einmal angenommen, wir akzeptierten, dass der Diskurs über die Welt als ein mathematischer Diskurs zu führen wäre. Was hätten wir gegenüber den Bemühungen des Wiener Kreises dazugewonnen?
Im Falle von Badiou: eine Fülle neuer Wörter!
“Vielheit” heißt in der Tat die Präsentation, so wie sie rückwirkend als nicht-eine [non-une] erfasst wird, sobald das Eins-Sein [l'être-un] ein Ergebnis ist. Aber “Vielheit” heißt auch die Zusammensetzung der Zählung, also die Menge als “viele Einsen” [plusieurs-uns], welche durch den Vorgang der Struktur gezählt werden. Es gibt eine träge Vielheit, die der Präsentation, und eine zusammengesetzte Vielheit, welche die der Zahl und des Effekts der Struktur ist.
Natürlich ist die Sache nicht so einfach: Wittgensteins Diktum, dass man besser schweige über das, wovon man nicht reden könne, blendet das Bedürfnis aus, dennoch darüber zu reden, denn Denken ist eine Form des Redens, und das mußte Wittgenstein selbst in seinen Jahren in Cambridge zugestehen, indem er weiter nachdachte. Doch Badiou ermangelt es eines Bewußtseins dieser Grenze, die er immer wieder zu überschreiten trachtet:
Das Sagbare des Seins ist vom Sagbaren der Wahrheit getrennt. Aus diesem Grund denkt allein die Philosophie die Wahrheit, und zwar in dem, was sie vom Subtraktiven des Seins selbst subtrahiert: das Ereignis, das Ultra-Eins, die zufällige Prozedur und ihr generisches Resultat.
Eine der Krankheiten der Philosophie scheint es zu sein, dass sie vollkommen ohne Auftrag dennoch über Finanzen verfügt. So verfällt sie bisweilen in Glossolalien, wenn sie sich bemüht, ein Problem zu lösen, das sich bei geradliniger Nutzung der Sprache womöglich gar nicht erst zu stellen brauchte. Badious Leistung ist es, auch die Mathematik in diesen Strudel hineingezogen zu haben.
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Grosses Altes und verzichtbares Neues
Von harbran am 18. Juni 2009
Das RSO ist – wiewohl durch die leidige Gesamtsituation beim ORF existenziell bedroht – einer der hervorragenden Klangkörper dieses Landes. Und eines der großen Symphonie-Orchester, die sich mit mehr als nur kleinen, verträglichen Anteilen am Programm der Neuen Musik verschrieben haben. So kommen mit hoher Konstanz auch Werke neueren Datums ins Konzert. Dass man dabei nicht immer eine glückliche Hand beweist, ist wohl ein Zusammenhang, der sich aus eben der gesteigerten Häufigkeit ergibt.
Die Erstaufführung des Kreuzweg unseres Herrn und Heilandes op. 52 von Thomas Daniel Schlee ist ein solcher Fall: das Werk ist eindeutig verzichtbar, da wenig geistreich, mit schlechtem Verhältnis zwischen musikalischem Material und Länge. Und endlich: warum bleibt das Werk nicht in der Kirche? Stefan Palm quälte Orgel und Publikum, auch der Komponist war anwesend. Dafür ist Bertrand de Billy nicht gerade enthusiastisch zu danken. Und als hätte er um diese Schwächen – bis hin zum Nervtötigen im Orgelgebraus’ – gewusst, hat er es gut verpackt zwischen Beethoven und Strauss.
Dem Violinkonzert von Ludwig van Beethoven kann man indes keinerlei Makel nachsagen. Solist Frank Peter Zimmermann spielte es mit hörbaren Anklängen an den guten alten Wiener Witz, vergass darüber aber nie, die Übergänge ins Schwierige und zurück aus diesem hervor überzeugend zu meistern.
Als Zugabe spielte Zimmermann die Variationen auf God save the Queen von Nicolò Paganini, ein wahrlich hoch gekünsteltes Stück Virtuosenliteratur – dabei durchaus witzig.
Nach dem Orgelgraus dann Richard Strauss: zu populären Ehren gekommen ob seiner viel und gern auch ausserhalb des ernsten Musikbetriebs gespielten und gebrauchten Einleitung, intonierte das RSO den Zarathustra op. 30 kraftvoll und mächtig. Doch gerade die einzelnen Sätze, die weitaus weniger populär und auch weniger eingängig sind, erwiesen sich als wahre Domäne von de Billy und seinen Musikern.
Tags: Beethoven, Strauss
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Zu Gast: die Klassik der Moderne
Von harbran am 10. Juni 2009
Ausgerechnet die Bamberger Symphoniker kommen nach Wien, um uns die Quintessenz unserer zweiten Klassik zu präsentieren: Dirigent Jonathan Nott brachte ein Programm mit, das von den Wurzeln in Schönbergs Klavierstücken bis in die rhythmischen Ausbrüche in Bartóks Konzerten führte.
Einleitend spielte Pierre-Laurent Aimard die Drei Klavierstücke op. 11 von Arnold Schönberg. 1909 steckte Schönberg mitten im Umbruch: in den Klavierstücken hat er erstmals die Tonalität hinter sich gelassen. Doch sie sind nicht bloss ein historisches Dokument geblieben, sondern lebendige Klavierliteratur, zumindest wenn ein Könner wie Aimard sie spielt.
Alban Berg komponierte die erste Fassung seiner Drei Orchesterstücke op. 6 1914 am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Wie eine gespenstische Ahnung tauchen hier die späteren Schrecken in musikalischer Dichte auf. Die Bamberger stellten die impressionistischen Schrecken glasklar in den Raum des Großen Konzerthaussaals, vielleicht hielten sie sich stellenweise sogar eine Spur zu sehr zurück.
Nach der Pause folgten – als frühe Anleihe eines ernsten Komponisten an den Jazz – die Octandre von Edgar Varése – und so klingt das Werk auch: als sezierte jemand die rhythmischen Eigentümlichkeiten und gewohnten Melodielinien des Jazz und spielte jene Bauteile losgelöst von ihrem Zusammenhang. Das ist natürlich keineswegs der Fehler des Oktetts aus Bamberger Symphonikern, sondern wohl eher das Mißverständnis Varéses im Umgang mit dem fremden Material.
Danach spielte Pierre-Laurent Aimard mit schlagkräftiger Unterstützung der Schlagwerker ein stringentes, rhythmisch entfesseltes Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 von Béla Bartók, was dann in der Tat eine nicht so häufig gehörte Freude war.
Tags: Bartók, Berg, Moderne, Schönberg, Varese
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