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Befunde aus der Mottenkiste

Da hat ein alter Mann ein Problem mit neuen Technologien. Was tut er also? Er sammelt Diagnosen anderer alter Männer, um zu untermauern, dass die Welt bald einstürzt. Erstens sind die vermeintlichen neuen Technologien so neu gar nicht. Vieles von dem, was sich in neuer – digitaler – Einkleidung wie eine weltbewegende, ja geradezu revolutionäre Entwicklung ausnimmt, ist im Grunde ein alter Hut, sozusagen ein digital neu beschleifter Tschako.

Ich bin selber auch nicht mehr jung, aber seit nunmehr 20 Jahren Computernutzer und seit 16 oder 17 Jahren Internetnutzer – in allen diesen Bereichen bin ich auch Produzent: ich schreibe Software, entwickle Internetauftritte, blogge und ergänze fallweise auch Wikipedia. Ich verstehe, wie Facebook und Twitter funktionieren, allerdings habe ich weder in meinem beruflichen noch im privaten Bereich bislang einen speziellen Nutzen dieser Dienste entdeckt. Im Gastgarten ein Bier trinken ist mir lieber.

Wenn also Peter Kampits, vor kurzem emeritierter – i.e. pensionierter – Professor für Philosophie, in einem Beitrag Hallo, ist da noch wer? im Spectrum der heutigen Presse die handfeste Gefahr beschreibt, dass der Mensch durch die digitalen Einflüsse sich in etwas anderes verwandeln könne, als er bisher sei, dann mag das zwar sein, ist aber mit Blick auf die Evolutionsgeschichte wohl nicht weiter schlimm: es hat immer eine Rückkopplung von technologischen Neuerungen auf den Menschen gegeben. Von der Einführung des Ackerbaus bis zum Buchdruck sind diese Dinge nachvollziehbar geschehen, aber in diesen Fällen offenbar nicht so schlimm, weil vorbei. Da schaut immer ein Wenig der gute alte Hegel durch, der die Geschichte auf sich zu laufend bei sich enden sah.

Bei einer Veränderung, die gerade zeitgleich im Gange zu sein scheint, ist es natürlich ungleich schwieriger, auf Augenhöhe zu sein. Für einen Bücherwurm – und das ist wohl jeder Philosoph, schon gar ein akademischer – hat das Buchwesen keinerlei beängstigende Komponenten mehr, und die Pfaffen der Renaissance, denen der Buchdruck ganz und gar nicht geheuer war, erscheinen ihm als unsägliche Dummköpfe. Denn es hat sich herausgestellt: das gedruckte Buch ist das Gute, seine Verhinderung gescheitert; wir haben uns dank des gedruckten Buches zu aufgeklärten Wesen weiter zu entwickeln vermocht. Die allermeisten einstmals verbotenen Bücher können wir heute ganz legal kaufen.

Aber gerade die Forderung der Aufklärung, wie sie immer wieder aus Kant zitiert wird, so auch im Beitrag von Kampits, wird nun für bedroht erachtet: von der digitalen Entmündigung ist die Rede. Als ob es nicht vorher schon eine Entmündigung durch die Zeitungen oder das Fernsehen gegeben hätte, gegen die genauso vehement gewettert wurde. Natürlich darf man gegen jedwede Veränderung opponieren. Aufzuhalten sind sie in der Regel nicht, aber das ist auch gar nicht das Problem.

Das Problem liegt im Gebrauch der geistigen Fähigkeiten, den ein solcher Kritiker macht: der Versuch, die Einzigartigkeit und damit einhergehend nie dagewesene Gefährlichkeit der gerade eben zu kritisierenden Veränderung zu illustrieren und zu beweisen, führt in die Irre, auf einen Abweg ins Gestrüpp, wo die Dinge kraut und Rüben durcheinander wachsen, da wird schnell alles zu Dornenranke und Brennessel. Denn natürlich ist ein Ort, an dem man sich nicht auskennen kann, beängstigend. Aber das liegt am Ort, an den der Abweg geführt hat, nicht an der Sache, gegen die es vermeintlich geht.

Die Dinge liegen recht einfach: so wie der Mensch sich Werkzeuge als Erweiterung seiner Hände, Maschinen als Erweiterung seines Körpers geschaffen hat, so hat er sich jüngst eine Erweiterung seiner Geistestätigkeiten in den Bereich digitalisierter Informationen gegönnt. Wir müssen nun nicht mehr einen zwanzigbändigen Brockhaus wälzen, in dem das Verfolgen eines Verweises bedeutete, sich einen anderen Band aus dem Regal zu holen und geschäftig darin zu blättern, um eine inzwischen möglicherweise veraltete Information zu finden; wir können auch wikipedia benutzen, das geht schneller und ist meistens auch richtig, aktueller sowieso.

Interessant ist an vielen gegenwärtigen Diskussionen, dass man das eine meint, aber das andere prügelt. Das Internet ist eine Plattform. Es ist nicht dafür verantwortlich zu machen, dass es darin Mobbing unter Schülern gibt, dass es Kreditkartenbetrug gibt, dass es Leute gibt, die sich zu Anschlägen oder Selbstmord verabreden. Goethe etwa hat seine Karriere mit dem Auslösen einer Selbstmordwelle gestartet; deswegen sind Klassiker noch lange nicht böse. Dass Gewaltspiele schuld an einem Amoklauf trügen ist in meinen Augen genauso unsinnig, wie die Schuld daran den Frauen zuzuweisen, die den armen Kerl nicht an sich ran lassen haben. Beide Einflüsse kann man post festum als konstitutiv dingfest machen, aber es gehört in erster Linie eine bestimmte Art von Irrem dazu, dass sich Gewaltspiel wie Inakzeptanz beim weiblichen Geschlecht in einen Amoklauf verwandeln. Das Problem ist der Irre, nicht die Welt.

Die Digitalisierung gehört zur Welt, sie ist in die freie Wildbahn entlassen. Um zu beurteilen, ob sie uns als Menschen zum besseren oder schlechteren wendet oder wenden könnte, müssten wir zuerst einmal einen Maßstab für dieses Bessere oder Schlechtere haben – ein zutiefst philosophisches Problem, das die Philosophie sozusagen in einem fast dreitausend Jahre dauernden Heimspiel bislang aber noch nicht einmal annähernd zu lösen gelernt hat. Sich von dieser Warte aus über die Gefahren der Gegenwart zu äußern, ist hanebüchen. Diese Kompetenz eignet der Philosophie gar nicht.

Ich habe nachgeschaut: ich kaufe seit über zehn Jahren bei amazon mit Kreditkartenzahlung ein. Kampits’ Vorwurf, da könne man gleich seine Kartennummer lauthals auf der Straße verkünden, greift ins Leere – ich hatte noch kein einziges Problem, im Gegenteil: so korrekt sind die meisten Händler in der realen Welt nicht – und erfüllt den Tatbestand übler Nachrede.

Ganz und gar dumm ist die Argumentation, beim Chatten trete das neuartige Problem auf, dass der eine noch an einer Antwort schreibe, während der andere bereits ein neues Thema poste – das ist beileibe nichts Neues, eine Unmenge an Ausgaben von altmodischen Briefwechseln illustrieren das Problem über mehrere Jahrhunderte. Wir sind wahrscheinlich im Zeitalter des Telefons schon daran gewöhnt, über instante Kommunikationskanäle jenseits des Face to Face zu verfügen – aber das ist auch so eine relativ neumodische Erfindung.

Vollkommen fragwürdig ist auch die zitierte Ansicht von Frank Schirrmacher, Multitasking sei ein zum Scheitern verurteilter Versuch des Menschen zum Computer zu werden, denn selbst Herr Schirrmacher wäre nicht bis ins Alter, in dem er das geschrieben hat, gekommen, hätte sein Hirn nicht unterhalb seiner Bewußtseinsebene dafür gesorgt, ihn vor Autos und anderen Gefahren rechtzeitig zu warnen, während er über so gewichtige Dinge nachdachte. Die Multitaskingfähigkeiten des Gehirns übertreffen die eines jeden derzeit denkbaren Computers bei weitem. Computer sind nur besser darin, ewig gleiche Dinge in unendlicher Wiederholung schneller zu erledigen als wir; das hilft bei systematischen Problemen.

Nein, wir stecken nicht in einer problematischen Veränderung des Menschen als Mensch. Der Mensch ist das Veränderungswesen par excellence. Das Problem scheinen eher die Geisteswissenschaften zu sein. Psychologie und Soziologie ziehen einen erheblichen Teil ihrer Existenzberechtigung daraus, nervös auf Veränderungen zu reagieren; wenn sie schon im nachhinein nichts erklären können, ohne sich zu streiten, zeigen sie wenigstens Einigkeit, was das Gegacker über die Gegenwart betrifft. Philosophie und Pädagogik sind demgegenüber dröge, sie hängen in ihren Menschenbildern noch viel weiter zurück. Demzufolge lassen sich auch lediglich Befunde aus der Kiste holen, die deutliche Mottenspuren tragen.

Man merkt, diese Leute kritisieren Dinge, von denen sie wenig bis keine Ahnung haben. Man könnte sagen: Philosophen eben. Vielleicht kommt das ja auch vom andauernden Schwelgen in metaphysischen Sphären. Auch der krampfhafte Dualismus ist bestimmt nicht gesund.

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